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Sorry, keine Hymne heute

The Good The Bad And The Queen Live

Kann Simon Tong lachen? Langweilt sich Tony Allen hinter seinem Schlagzeug? Ist Paul Simonon auch im heimischen Schlafzimmer so ein arschcooler Poser? Trägt Damon Albarn seinen neuen Zylinder auch auf dem Klo? Und was bedeutet das "3:0", das da über dem Mischpult hängt?
Geschrieben am
08.02.07, Berlin, Postbahnhof.

Kann Simon Tong lachen? Langweilt sich Tony Allen hinter seinem Schlagzeug? Ist Paul Simonon auch im heimischen Schlafzimmer so ein arschcooler Poser? Trägt Damon Albarn seinen neuen Zylinder auch auf dem Klo? Und was bedeutet das "3:0", das da über dem Mischpult hängt? Das sind nur einige Fragen, die ich mir während des Konzerts so stelle. Und immer wieder die bohrendste von allen: Find ich diesen Zirkus jetzt eigentlich gut?

Keine Frage, das einzige Deutschlandkonzert, bei dem man als normalsterblicher Kartenkäufer eine Chance hatte (der Gig in Köln war bekanntlich ein exklusives Radiokonzert), ächzt unter der riesigen Erwartungshaltung, die man so mitschleppt. Das ist bei mir so, und das scheint dem übrigen Publikum nicht anders zu gehen. Aber wie soll man auch die Ruhe bewahren? Das Album The Good The Bad And The Queen ist ein atmosphärisches, aufregend unaufgeregtes Meisterwerk, stimmig von Artwork bis Ende. Es will einen nicht so recht los lassen, zieht einen immer wieder in die zwielichtigen Ecken Londons, die es besingt. Und dann wuchtet das darauf versammelte Personal gleich mehrere Kapitel Musikgeschichte auf die Bühne. Aber das ist ja nun hinlänglich bekannt. Muss ich hier noch mal den Hut ziehen vor ihren Einzelleistungen und den Beiträgen an den Blurs / Clashs / Verves / Gorillaz / Fela Kutis dieser Welt? Nö. Das hat man in den letzten Tagen schon ein paar Mal zu oft gelesen.

Das Bühnenbild stellt sich ganz in den Dienst der Platte. Ein Leinwandfüllendes London-Panorama aus dem Werke Simonons. Eine Leine mit roten Fähnchen, die quer über die Bühne gespannt ist. Ein Union-Jack, der über einer Verstärkerbox hängt. Auch die Band ist voll im Konzept und zeigt sich in dem Outfit, das schon auf den Promofotos eine Menge her machte. Schwarze Sakkos, schwarze Hüte, mal Melone mal Zylinder. Als sie die Bühne betreten, nickt Albarn kurz zum Publikum und nimmt einen theatralischen Zug an der Zigarette. Simonon kommt im coolen Wackelgang und stellt gleich klar, dass er bisher von altersbedingten Hüftleiden verschont blieb.

Musikalisch gibt es von da an das Album und wenig zusätzlich. Hier und da leistet man sich einen kleinen gejammten Nachtrag, sonst bleibt man auf Kurs. Albarn singt treffsicher und bewältigt sogar die Falsettparts in 'Behind The Sun'. Simon Tong bleibt ganz Dienstleister, klampft seinen Part runter, verzieht nicht einmal die Miene, und schaut aus, als wolle er lieber ganz woanders sein. Der große Tony Allen wirkt irgendwie chronisch unterfordert und bleibt ein wenig versteckt im Hintergrund. Simonon ist da das fast schon das unerfreuliche Gegenteil. Er ist ja schon ein verdammt smarter Kerl und hat in Sachen Bühnenpräsenz sicher Nachholbedarf, aber irgendwann ist auch mal gut. Permanent beackert er die Bühne von links nach rechts, wirft sich immer wieder an Albarn ran, was dieser sichtbar genießt. Damit auch jeder schnallt, dass die beiden jetzt ganz große Buddies sind und wahrscheinlich jeden zweiten Abend in einem schnieken Pub einen trinken gehen. Dazu die immer selben Posen: Mal hält er den verschranzten Bass wie ein Gewehr im Anschlag, dann schaut er herausfordernd ins Publikum, wenn er eine scheinbar ganz wichtige Note zupft. Das macht sich alles toll auf Fotos, auf Dauer nervt's. Diese Selbstgefälligkeit hat er doch echt nicht nötig. Dafür drängt sich sein Bassspiel auf angenehme Weise in den Vordergrund und wird nicht selten zum treibenden Element der Songs.

'Northern Wale', 'Green Fields' und 'Herculean' bleiben die Highlights, während der Rest mich eher lauwarm zurücklässt. Das scheint dem Publikum anders zu gehen. Frenetischer Jubel auch bei unspektakulären Jam-Parts. Aber man ahnt, dass da oft eher die einzelnen Persönlichkeiten bejubelt werden als die Gesamtleistung der Band. Kurz vor Ende des regulären Sets sorgt dann der Auftritt eines Gastrappers noch mal für ein Albarn'sches Störfeuer, das man so nicht erwartet hätte. Das war's dann aber auch an Überraschungen. Na ja, das Blockflöten-Revival auf der Bühne könnte man auch noch als unexpected moment werten.

Kaum vorbei fangen die Diskussionen im Publikum an. Die meisten finden es großartig, einige scheiße, einige egal. Ich tendiere zu letzterem. Und das sagt jetzt hier nicht der abgewichste Kritiker, der zu viele Konzerte gesehen hat, sondern jemand, dem das Album wirklich am Herzen liegt. Wenigstens weiß ich nach diesem Abend, dass die Musik von The Good The Bad And The Queen für mich besser im Kopfkino funktioniert als auf der Bühne. Das ist doch auch schon was.

Und so fand es Kollege Boris Fust: "Ein erfreulich kurzes Konzert. Mehr als zwei Zigaretten hat selbst Paul Simonon nicht geschafft. Die wurstige Darbietung der auf einem extrem niedrigen Niveau vor sich hin musizierenden sogenannten Band war nichtsdestotrotz von einem eindrucksvoll zähen Gilb durchwirkt."