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Scheiße geblieben

The Fall live

Mark E. Smith und seine Band wirken wie eine letzte, unzerstörbare Bastion gegen den Wildwuchs der modernen Popkultur, findet unser Autor Christoph Dorner.
Geschrieben am
06.09.07, Berlin, Maria am Ostbahnhof.

Was soll man über The Fall noch schreiben, ohne nicht sinnfrei Webspace zu opfern? Wo man bei dem ewigen Mark E. Smith doch seit Jahren weiß, was man an ihm hat. Wer den mürrischen Sack mit seinem Genöle mag, kauft brav jedes neue Album und zischt auf den Konzerten euphorisiert meterweise Bier weg. Wer nicht, der nicht. Also, was schreiben? Smith 50 Jahre alt, 30-jähriges Bühnenjubiläum, 26 Studioalben, Nebenprojekt Von Südenfed. Bla! Setlist? Bla, bla. The Fall-Fetischisten können getrost weiterklicken, hier gibt es nichts zu sehen. Alle anderen (und jüngeren) lesen jetzt und hier gefälligst weiter. Denn bei allem Respekt für den derzeitigen Kulturbetrieb: Auf so einem mitreißenden Punkrock-Konzert bin ich noch nicht gewesen. Den Mythos von Wave und Avantgarde kann man dabei getrost in der Schublade lassen.

Denn Mark E. Smith kann gerne eine Platte des Monats mit dem Elektronik-Duo Mouse On Mars machen, seine Bestimmung findet er an Abenden wie diesem Donnerstag in der Maria am Ostbahnhof. Dabei spukt im Vorfeld des Konzerts die frisch gesehene Fußball-Dokumentation über die Karriere von Mehmet Scholl in meinem Kopf: 'Frei: Gespielt'. Scholl habe man über Vereinsgrenzen hinweg gemocht, weil er eben "anders" war, heißt es da. "Kein Falscher". Gleiches könnte auf Smith zutreffen, obgleich nun mal wirklich kein Bravo-Poster-Boy, Schauspieler oder Animateur auf der Bühne. Stattdessen ein unverwechselbarer Querkopf, der garantiert keine Pizza isst und als uneingeschränkter Chef später kommt und früher geht als seine getreuen wie austauschbaren Musiker, die demütig ihren Stiefel wegmetern.

Die Bühnendiktatur bei The Fall geht sogar so weit, dass Smith seiner jungen Keyboarderin und Ehefrau Eleni Poulou beim Song 'Blindness' einfach in die Tasten greift, sich dann aber verdrückt. Auch sonst mimt er den spleenigen Kontrollfreak, der sämtliche Mikrophone auf der Bühne wechselt, abbaut, umwirft und scheinbar aus Langeweile beliebig an den Verstärkern herumdreht. Die Zynismusvorwürfe an Mark E. Smith kommen da nicht von ungefähr. Und dann sein Gesangsstil, respektive Wiederkäuen, dass beim besten Willen und Mischer keine zusammenhängenden Texte ausspuckt, dafür aber einen einmalig treibenden, nölenden Flow in die allesamt krachenden Stücke bringt.

Warum das jetzt so fantastisch ist? Weil Smith ein Urgestein ist, dass im Gegensatz zu so vielen Musikern konsequent nicht scheiße geworden, sondern scheiße geblieben ist. Im positiven Sinne. Weil man beim Anblick von Smith im gleichen Atemzug an so irre Figuren wie Jens Rachut, Joschka Fischer, den Doherty in 30 Jahren oder Mr. Burns denken muss. Weil auch junge Menschen ihn toll finden, Bier spritzen, auf die Bühne klettern und sich vor Smith auf die Knie werfen, ohne dass er davon auch nur eine Sekunde Notiz nimmt. Und nicht zuletzt, weil die letzten beiden Alben von The Fall ('Fall Heads Roll' und 'Reformation Post TLC'), von denen ein Großteil der 60minütigen Show stammt, äußerst gelungen sind. The Fall wirken wie eine letzte, unzerstörbare Bastion gegen die allzu wilden Auswüchse der modernen Popkultur, Mark E. Smith diesbezüglich wie eine Parodie à la "Fraktus" auf dem diesjährigen Melt!-Festival. Dabei ist er der authentischte, der echteste, Popstar, den ich je gesehen habe.