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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut

The Electric Soft Parade

Tom White ist 17. Er lümmelt auf dem Bett herum, Joint in der einen Hand, Fernbedienung in der anderen. Tom sieht ein bisschen aus wie der junge Brian Wilson, und das weiß er auch. Er wüsste es nicht, wäre er ein normaler 17-jähriger Engländer. Dann müsste er jetzt für seine O-Level-Prüfungen lernen
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Tom White ist 17. Er lümmelt auf dem Bett herum, Joint in der einen Hand, Fernbedienung in der anderen. Tom sieht ein bisschen aus wie der junge Brian Wilson, und das weiß er auch. Er wüsste es nicht, wäre er ein normaler 17-jähriger Engländer. Dann müsste er jetzt für seine O-Level-Prüfungen lernen; wahrscheinlich würde er aber lieber auf dem Bett herumlümmeln, mit Joint und Fernbedienung. Aber Tom White ist ja die eine Hälfte von The Electric Soft Parade, einer Band, die für Teile der englischen Presse eine patriotische Mission zu erfüllen hat: Britischen Rock wieder cool erscheinen zu lassen, nach dem annus horribilis voller amerikanischer Helden von Strokes bis White Stripes. Tom wird in dieser Mission die Rolle des Genies zugewiesen: Schließlich sieht er ja aus wie der junge Brian Wilson!

"Tom, for fuck's sake, komm her!", ruft Alex, sein älterer Bruder (19) und Mitstreiter bei Electric Soft Parade. Da ist dieser Typ aus Deutschland, der Fragen stellen will. Tom hat keine Lust, setzt sich trotzdem, rollt Joints, sagt wenig und überlässt es dem Beobachter, sich einen Eindruck zu machen: Ist er enigmatisches Wunderkind oder verzogene Göre? Immerhin hat er die meisten der Songs auf "Holes In The Wall", dem Debütalbum von The Electric Soft Parade geschrieben. Und die zeigen eine Reife in den Kompositionen und Arrangements, für die die Boo Radleys, Super Furry Animals oder Flaming Lips - erklärte Vorbilder von ESP - Jahre gebraucht haben.
Diese Musik ist nichts Neues: Britischer Gitarrenpop, gut gemacht, mit krachigen Passagen, hymnischen Refrains, schönen Harmoniegesängen, ennuireichen Texten. Man kennt das, man erwartet das so. Man erwartet nichts Neues von britischem Gitarrenpop, man erhofft sich nur, immer mal wieder erwischt zu werden von einem dieser Refrains, ihn nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen, diese vagen Textzeilen in sich herumwogen zu lassen, bis sie Bedeutung annehmen. "Silent To The Dark" von Electric Soft Parade hat so einen Refrain, der einem plötzlich wieder einfällt: "And when I needed someone to talk to / You were the only one around." Dass das reicht, um in der britischen Presse als das nächste große Ding gehandelt zu werden, ist auch nichts Neues. Genau für diese Atemlosigkeit lieben wir die Brit-Presse ja. Und Electric Soft Parade sehen das auch völlig gelassen: "Ist halt so: Die brauchen eben Schlagzeilen." Was nicht heißen soll, dass Alex White den Boulevard-Stil schätzt.

Not a boy ...
"Oft begegnen uns Leute etwas von oben herab, weil wir so jung sind", sagt Alex, der Gesprächigere der beiden Brüder, "deshalb war es uns so wichtig, uns selbst als Produzenten an erster Stelle im CD-Booklet zu nennen. Wir wussten, wie die Sachen klingen sollten, die anderen haben uns bloß geholfen, unsere Ideen umzusetzen." Immer wieder betonen Electric Soft Parade so ihre Selbstbestimmtheit in der Musik. Der Hintergrund davon ist, dass sie von David Bates unter Vertrag genommen wurden, einem der einflussreichsten A&R-Manager im britischen Musikgeschäft; er baute mit an den Karrieren von Tears For Fears, Def Leppard und Texas. Seinen neuesten Schützlingen stellte er mit Chris Hughes einen ebenso erfahrenen Koproduzenten zur Seite. Da liegt die Vermutung nahe, dass die Band von routinierter Hand geformt wurde.
Alex Whites Gegenargument heißt The Feltro Media: Unter diesem Namen haben die beiden viele der Songs von "Holes In The Wall" früher schon aufgenommen für Demo-CDs. "Nach und nach wurden die Stellen darauf seltener, wo wir einfach die Akkorde weiterschrummten, weil uns nichts einfiel. Und jetzt, auf dem Album, haben wir unsere Vorstellungen endlich voll realisieren können." Wobei das eine oder andere Keyboardmelodiechen aber auch des Guten zuviel ist. Ihren Plattenvertrag bekamen die White-Brüder noch unter dem Namen Soft Parade (brr: The Doors!), bis eine gleichnamige US-Band (brrrr: Doors-Coverversionen!!) sich beschwerte. Doch seit der Umbenennung läuft alles glatt; just an dem Interviewtag haben die beiden erfahren, dass ein Auftritt bei Top Of The Pops ansteht, denn die Single "Silent To The Dark" ist auf Platz 23 in die UK-Charts eingestiegen. "Ich hätte nie gedacht, dass mir das irgendetwas bedeuten würde", sagt Alex, "aber nun bin ich schon sehr aufgeregt. Denn wir sind bei TOTP mit unserem eigenen Projekt, nicht mit irgendeiner durchkalkulierten Sache wie Westlife oder so. Die nennen sich auf ihren Platten 'Executive Producer'. Was soll das denn heißen, ihr Ficker? Habt ihr eine Ahnung, wie man einen guten Schlagzeugsound hinkriegt?"
Aus guten Gründen ist in der Popmusik selten derjenige der Held, der sich am besten mit Schlagzeugsounds auskennt. Doch den Whites kann man diese Faszination fürs Handwerk nicht wirklich übelnehmen. Das liegt vor allem an einem Foto im CD-Booklet. Es zeigt Toms Jugendzimmer vor zwei oder drei Jahren. Der Fußboden ist übersät mit allerlei Instrumenten, Zetteln und Aufnahmegeräten. An der Wand hängen Poster von fast vergessenen Indie-Bands ("Ich würde Saint Etienne keine Indie-Band nennen", protestiert Tom), auf dem Nachttisch stapeln sich die Popzeitungen. Der Junge muss mit 14 ein unglaublicher Musik-Enthusiast gewesen sein. Die Eltern - beide Lehrer - unterstützten die Leidenschaft ihrer Söhne, bezahlten den Musikunterricht. Auf dem Album haben Alex und Tom fast alle Instrumente selbst gespielt. In ihrer Heimatstadt Brighton reagierte man zunächst sehr freundlich auf die jungen Newcomer. Es gäbe dort eine sehr große Szene, erzählt Alex, in der man einander unterstütze mit ersten Auftritten und guten Ratschlägen. Doch wehe, wenn eine Band zu groß für Brighton wird! "Dann spötteln die Leute: 'Na, was passiert in der Welt des Rock'n'Roll?' Da gibt es Musiker, die sind 35, haben keinen Deal und sind zufrieden damit, wenn bei ihren Konzerten in Brighton immer 300 Leute kommen. Für immer 'die größte Band von Brighton', tut mir leid, das reicht uns nicht. Ich hasse diese Kleinstadt-Mentalität!" Dass dieses Neid-Phänomen nicht auf die Heimatstadt begrenzt bleiben muss, ist Electric Soft Parade klar. "Es ist so leicht, moralisch zu sein und 'Ausverkauf' zu schreien, wenn man selber ungesignt ist", weiß Alex, "doch was ist, wenn man mal einen Hit hatte? Macht man es dann wie Travis und bleibt seiner Formel einfach treu? Oder macht man es wie Radiohead, die problemlos ein zweites 'OK Computer' hätten aufnehmen können, aber mutiger waren und 'Kid A' machten? Ich würde denken, wir würden es auch wie Radiohead machen, aber da frag' mich lieber in fünf Jahren noch mal! Denn die Dandy Warhols haben früher bestimmt auch über Musik in Werbespots gelästert. Doch ein Top-Five-Hit kann eine Sichtweise ganz schön verändern." Und das meint er gar nicht zynisch, das ist das Angenehme an Alex White: Wie er sich da mit aufrichtigem Ernst seine Gedanken macht über dieses Popgeschäft, in das er da geraten ist.

... not yet a man
Hört man das Album von Electric Soft Parade, glaubt man nicht, wie jung die Musiker darauf sind. Unterhält man sich mit ihnen, vergisst man es auch von Zeit zu Zeit. Abends, beim Konzert, fällt es einem wieder ein. Da kommen die Brüder auf die Bühne, begleitet von einem Bassisten und einem Keyboarder, die eher noch jünger aussehen und euphorisch wie beim ersten Auftritt in der Schulaula mit dem Kopf nicken. Tom spielt Schlagzeug, sehr wirbelig, sehr wild; das ist klasse. Alex wirkte beim Interview souveräner als am Mikrofon, als er mit gereckter Faust ruft: "Yeah, Platz 23!" Sie covern "Can't Get You Out Of My Head" von Kylie - eine hübsche Idee, sehr unbeholfen umgesetzt. Zum Schluss kommt dann der Nummer-23-Hit - sie zerdehnen "Silent To The Dark" mit Zwischenteilen, die sie für psychedelisch halten, so sehr, dass man sich nicht mehr an den tollen Refrain erinnert. Sie werden das noch lernen. Nach dem Konzert läuft Tom White durch die Bar, mit einem riesigen Parka, mit einem stolzen Grinsen, mit einem Mädchen im Arm. Sie wird morgen wohl wieder für die O-Level-Prüfungen lernen. Tom sagt, dass er die Prüfungen später
einmal nachholen will. Aber jetzt wird er erst mal Rockstar.