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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Fibonacci-Frequenz

The Crash

The Crash machen ihrem Namen alle Ehre. Teemu Brunila, Sänger und Gitarrist der finnischen Popper, rennt während des Soundchecks im Hamburger Schlachthof hektisch in der Gegend herum. Das Zip-Laufwerk des Samplers ist urplötzlich kaputt gegangen. So was passiert uns ständig! Ich frage, ob das nicht
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The Crash machen ihrem Namen alle Ehre. Teemu Brunila, Sänger und Gitarrist der finnischen Popper, rennt während des Soundchecks im Hamburger Schlachthof hektisch in der Gegend herum. Das Zip-Laufwerk des Samplers ist urplötzlich kaputt gegangen. So was passiert uns ständig! Ich frage, ob das nicht ein Fluch ist, der sich zwangsläufig aus dem Bandnamen ergeben müsse: Unglaublich, ich komme mir vor, als würde ich bei Spinal Tap spielen. Ich habe neulich sogar meinen Pass vergessen, als ich zu einem MTV Interview nach England wollte. Es ist das `Crash-Karma´. Die Frage kommt auf, ob sie nicht eh schon mal ihren Namen ändern wollten, wegen des Fluchs und weil die Japaner sie doch bestimmt mit The Clash verwechseln. Wir haben tatsächlich Ärger in Schweden mit einer der vielen Bands gleichen Namens. Entweder wir ändern den Namen oder wir sollen 250.000 Kronen zahlen, was wir nicht können. Also, wenn du ein paar gute Vorschläge hast. Aber The Crash sollte drin vorkommen. Vielleicht The Crashed oder The Swedish Crash. Weitere Vorschläge sind natürlich willkommen.

Wer die vier Jungs aus Turku noch nicht kennt: Mit "Wildlife" brachten sie jüngst ihr zweites Album auf den Markt, passionierter und mit mehr Gloss und Glamour dargeboten als ihr Vorgänger "Comfort Deluxe". Klassische in der Besetzung - Gitarre, Bass, Drums und Keyboards -, aber den artifiziellen Sound und den fast an Camp und Kitsch heranreichenden Anstrich nicht scheuend. Eine ansteckend euphorische und überkandidelte Stimme, die die Vokale dehnt und gerne mal ein Tremolo hinterherschickt. Ein Album, dass, wie ich Teemu sage, wohl einen "Poppiest Band Competition" ins Leben rufen will. Nun, wir wollten jeden Song so aufnehmen, dass er starke Emotionen weckt. Man soll gleichzeitig lachen und weinen. Die beste Definition von Musik, die ich jemals gehört habe ist `Musik transferiert Gefühle´. Ich fühle etwas, forme es zu Musik, du hörst es und fühlst etwas sehr ähnliches oder sogar dasselbe. Es ist eine eigenartige Wissenschaft. Wir haben natürlich ein imaginäres Publikum, dass unsere Songs versteht. Wie der verrückte Nietzsche es schon sagte: `Ein Schriftsteller will nicht nur verstanden werden, er will gleichzeitig auch die Möglichkeit des Verstandenwerdens verhindern, so dass nur ihm verwandte Augen etwas darin sehen werden.´

In dem Song "Lauren Caught My Eyes" scheinen doch so einige eine emotionale Seelenverwandtschaft zu entdecken, denn in Skandinavien ist die Single längst zum Hit avanciert. Wem der Song etwas zu Disco-like daherkommt, dem sei gesagt, dass er aus dem Gesamtbild der Platte relativ heraussticht, wegen des französischen Gesangs, des Vocoders und wegen des straighten Bassdrum-Beats. Songs wie "Star" oder "Empty" sind dagegen mehr an Gitarrenriffs orientiert. Ebenso die zweite Single "New York", eine schillernde Hymne aufgeladen mit Synthie-Arpeggien. In der Stadt selbst war Teemu noch nie. Es ist eher eine Abstraktion des Rock´n´Roll Dreams. Ich singe nicht wirklich über die Stadt, sondern über die Idee, dass jenseits des Atlantiks eine neue Welt anfängt.

Mit ihrer Musik verdienen sie zur Zeit noch fast kein Geld, insofern hat sich seit dem letzten Treffen zwischen Intro und The Crash vor über einem Jahr nichts geändert. Je länger man mit Teemu spricht, desto mehr bekommt man jedoch die Gewissheit, dass er die Musik als seine wirkliche Berufung empfindet: Ich bewundere die Aristotelische Philosophie, die besagt, dass jedes Wesen sein Potential auszuprobieren versucht. Ein Vogel muss zum Beispiel gut fliegen können. Solch ein Potential kann auch ein Talent sein. Dein Talent kann sein, dass du ein guter Musiker oder ein guter Geschichtenerzähler bist. Man spürt aber stets, dass man nicht an seine Grenzen gelangt, es gibt immer noch Platz für Entwicklungen. Sonst wäre ja alles langweilig und öde auf der Welt. Wenn ich zuhause Klavier spiele, gibt mir das schon einen Sinn für mein Leben. Ich meine, ich bin ja Anwalt und habe eine Kanzlei zusammen mit meinem Bruder. Wir waren schon Hunderte Male im Gericht. Außerdem studiere noch Wirtschaft. Das sind ziemlich konservative Berufe, und ich habe gemerkt, dass das nichts für mich ist, dass ich lieber Musik machen will. Ich bin kein guter Musiker im herkömmlichen Sinn, aber ich bin ein Songschreiber, das scheint mein Potential zu sein. Ein Musiker ist prinzipiell ja keinen Deut besser als ein Rechnungsprüfer, der möglicherweise die größte Freude empfindet bei Zahlenkolonnen und bei mathematischer Logik. Die Mathematik hat auch ihren goldenen Schnitt oder die reinste Harmonie. Kennst du die Fibonacci Reihe? Jede Zahl ist dabei die Summe ihrer beiden Vorgänger. 1,1,2,3,5,8,... Eine Fibonacci-Frequenz ist dem entsprechen die schönste harmonische Form für das menschliche Ohr oder Gehirn: C, E und G. Wie die Akropolis in Athen, die nach den Vorgaben des goldenen Schnitts gebaut worden ist. Mein Vater hat zum Beispiel gar keine künstlerische Ambitionen, aber er ist ein guter Richter, weil er einen hohen moralischen Standard besitzt und deswegen seinen Job liebt. Ich wäre längst nicht so gut wie er. Wenn du viele verschiedene Richtungen in die spürst, dann solltest du die wählen, die am meisten deinem Herzenswunsch entspricht.

"Wildlife" ist ein Album, dass den Hörer/die Hörerin auf ein höheres innerharmonisches Level zu schieben versucht, hinauf in Sphären klaren Bewusstseins und geschliffener Sinnlichkeit. Es ist aber auch ein Album, auf das man sich in verspielter Leichtigkeit einlassen kann, um die uns umgebende Massenpsychose und unsere Zivilisationskrankheiten mal für eine Zeitspanne überwinden zu können. Bei Bands aus Ländern mit reichlich unberührter Vegetation wird eigentlich immer spekuliert, ob die Musik ein Abbild der Naturerfahrung der Bandmitglieder sei. Bei The Crash kann man sich das ganz gut vorstellen. Teemu besitzt an der finnischen Küste mit seinen beiden Geschwistern ein Ferienhaus, in das er sich zurückziehen kann, wenn er sich vom Tourstress erholen will. Ohne Strom oder fließendes Wasser, umgeben von einem Archipel, eine Meer Tausender kleiner unbewohnter Inseln. Bei aller der Platte innewohnenden Pop-Euphorie kann man an vielen Stellen auch die kontemplative Ruhe raushören, der er an diesem Ort empfunden haben muss.