×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Träumende Roboter

The Coup

“Ja, das ist die Sprache der Mörder, die in fliegenden Festungen bei Country- und Rockmusik über Haiphong oder Laos, Kambodscha und wer weiß wo nochmals den Knopf drücken, ‘okay’ sagen”, rappte 1973 Franz Josef Degenhardt. 33 Jahre später fliegen die
Geschrieben am

“Ja, das ist die Sprache der Mörder, die in fliegenden Festungen bei Country- und Rockmusik über Haiphong oder Laos, Kambodscha und wer weiß wo nochmals den Knopf drücken, ‘okay’ sagen”, rappte 1973 Franz Josef Degenhardt. 33 Jahre später fliegen die gleichen Mörder bei Rap-Musik über Afghanistan und Irak und sagen “okay”. Doch mahnte Degenhardt schon damals, dass es auch die Sprache von z. B. der Kommunistin Angela Davis ist und der Lieder, die wir gerne hören: “Bei aller Wut – vergesst das nicht!” Und solange wir rappende Kommunisten wie z. B. Boots Riley von The Coup haben, werden wir mit funkigstem Rap daran erinnert. Denn spätestens seit ihrem vierten Album “Party Music” sind The Coup auch über linke und HipHop-Kreise hinaus ein Begriff. Zu verdanken haben sie das ihrem Aufsehen erregenden Cover, das ein explodierendes World Trade Center zeigen sollte. Ein geschickt eingefädelter Coup? Nope! Der Coverentwurf entstand Monate vor dem 11. September und ist aufgrund des folgenden Terroranschlags und Wunsches der Plattenfirma nie so erschienen.

Knapp fünf Jahre später sieht Boots die Zeit für gekommen, politisch einen Schritt weiter zu gehen. “Die Zeit ist auf jeden Fall reifer! Die Durchschnittsperson ist sich des Weltgeschehens viel bewusster geworden.” Ein Bewusstsein, um das es in den 80ern noch deutlich schlechter bestellt gewesen sei: “Es gab Songs wie z. B. Toddy Tees “The Betterram”, jeder liebte ihn: ‘The Betterram, you can’t stop it, baby!’ Der Song richtet sich an einen Dopedealer und sagt ihm, dass er ins Gefängnis kommt, weil die Polizei jetzt diesen Betterram hat. Das ist ein Truck mit Eisenspitzen an der Vorderseite. Damit fahren sie direkt in die Häuser, um die Leute zu fangen, bevor sie abhauen können. Und dieser Song war fast so was wie eine Fanfare für die Polizei – bis Public Enemy kamen! Oder NWA mit ‘Fuck The Police!’ Da sangen die Leute plötzlich: ‘Fuck the police! Wir stehen auf der anderen Seite!’”

Erst seit “Party Music” verarbeitet Boots auch Persönliches in seiner Musik: “Mir wurde klar, dass ich schließlich Musik mache, um den Leuten meine Ansichten zu vermitteln. Und da meine Ideen aus meinem Leben resultieren, erkannte ich, dass sie vielleicht sogar einen größeren Effekt haben könnten, wenn ich auch schildere, wie ich zu gewissen Schlussfolgerungen komme, anstatt nur von makroökonomischen Dingen zu sprechen.” Und so findet sich auf “Pick A Bigger Weapon” z. B. eine Widmung an eine tragisch verstorbene Genossin namens Tiffany Hall: “You said that one day we’d be ruled by computers / I said it’s like that now cuz we all machines / And you replied: But I’m a robot with dreams.” In diesem Sinne arbeitet Boots stets auch jenseits der Musik an der Verwirklichung seines Traums von der Umverteilung von oben nach unten. Wie das geschehen soll, erklärt er anhand der Entstehungsgeschichte des Albumtitels: “Meine Frau und ich waren mit der mit allen Wassern gewaschenen Dichterin Jessica Care Moore in einem Restaurant. Als Dawn-Elissa gerade ihren vierten Martini bestellen wollte, wurde sie von Jessica unterbrochen: ‘Komm schon, Mädchen! Pick a bigger weapon!’ Ja. Darum geht’s. Genau das müssen wir tun. Pick a bigger weapon.” Cheers, mate!