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The Bong In This Reggae Song

The Breeders live

Zunächst war Christian Steinbrink skeptisch, hat sich das letztlich doch sehr charmante Konzert im Kölner Luxor aber trotzdem angesehen
Geschrieben am
22.4.08, Köln, Luxor

Der Abgesang auf die Breeders war schon vorbereitet und lag in Schreibtischschubladen nicht nur meines Gehirns. Schließlich hatte man von überall her Unlust zum Besuch der Konzerte zu hören bekommen, nachdem anfangs, bei der Tourankündigung, noch alle euphorisiert waren. Schließlich wurden Konzerte abgesagt, schließlich war der Eintrittspreis unverhältnismäßig teuer, schließlich schaffte es die Band trotz Heldenstatus nicht einmal, vom kleinen Luxor in eine größere Location hochverlegt zu werden. Und es ist ja auch so, dass die neue Platte "Mountain Battles" auf ihrer ganzen Strecke nur wenige Höhepunkte zu bieten hat, und dass Kim Deal immer noch ein Ärgerpatient ist, jemand, der immer in alte Suchtprobleme zurückfallen kann.



Mit diesen Erwägungen im Kopf ist die Tür des Luxor anlässlich des letztlich einzigen Deutschland-Konzertes keine besonders hohe Schwelle. Der Support Cloudberry hat schon gespielt, das Luxor ist gut gefüllt, genau richtig eigentlich, aber nicht ausverkauft. Die Breeders lassen sich so viel Zeit, dass die ersten, die Kim draußen derangiert in den Tourbus steigen sahen, schon unruhig werden. Irgendwann kommen die Breeders dann aber doch, Kelley und Kim lachen einmal in die ersten Reihen, sie starten mit den ersten Akkorden von "Overglazed", dem eigentlich so unorthodoxen Opener der neuen Platte, und - alle rasten aus. Na, zumindest das vordere Drittel. Offensichtlich sind viele alte Fans da, die mittels der Breeders ihre Jugend reanimieren wollen, von hinten kann man für ein Popkonzert unwahrscheinlich viele Ansätze von Haarkränzen sehen. Den Breeders selbst kommt das gerade gelegen, sie wirken sogar so, als wären sie von dieser lautstarken Hingabe überrascht. Sie nutzen den Enthusiasmus aber richtig und lassen sich von ihm befeuern.

Denn was danach folgt, ist eine Best-of-Show reinsten Wassers. Vom aktuellen Album folgen höchstens noch vier Songs, ansonsten gibt die Band alle Hits aus alten Breeders- und Amps-Zeiten und covert, wie schon auf "Pod", "Happiness Is A Warm Gun" von den Beatles. Und es ist großartig. "Cannonball" elektrisiert und betäubt mit seiner zerrenden Kraft, und das obwohl man den Song schon hunderte Male gehört hat. Alles was auf "Mountain Battles" noch fragmentarisch und halb wirkte, klingt live Dank der zusätzlichen Gitarren und Keyboards vom als Sheryl vorgestellten Tourmitglied viel voller und besser. Verkehrte Vorzeichen, normal ist es umgekehrt. Und das Publikum im Luxor feiert jeden Song.  Es feiert jedes gelungene, von Kelley mit spürbarer Anstrengung vorgetragene Riff, und jedes einzelne davon wirkt tausendmal intensiver als bei einer Band, bei der so was technisch kein Problem darstellt. Es feiert die wie zufällig erdacht wirkenden, verzwickten Rhythmen, seit jeher ein besonderes Markenzeichen der Band. Und es feiert fürchterlich uninteressante Songs wie das Countrystück "Here No More" vom neuen Album.

Kim und Kelley scheinen von den Ovationen berührt und glücklich zu sein, und ihr Auftritt wirkt so ansteckend charmant wie bei kaum einer anderen Band. Besonders Kim scherzt in fast jeder Songpause, man kann die Witze zwar nicht verstehen, findet sie aber nett. Mit den beiden Restbreeders und der Tourbegleitung als Rückversicherung fühlen sie sich sicher und laufen zur Höchstform auf, besonders ihre Gesangsharmonien sind bezaubernd. Sie akzeptieren, dass das Johlen der Zuschauer bei den alten Stücken wie "Divine Hammer" oder "Saints" deutlich lauter ist als bei den neuen, sie sind eine alte Band, klar, sie freuen sich, dass sich immer noch so viele Leute an sie erinnern. Im Laufe des Sets schrumpft das Luxor zu einer kompakten Masse zusammen, man wird unweigerlich angesteckt von der rauen Dynamik dieser Musik, von ihrer unwiderstehlichen Halbheit und der darin verborgenen Genialität. Und etwas passiert, das über den reinen Vortrag von Popmusik weit hinaus geht: Das Konzert entwickelt eine Eigendynamik, alle Besucher werden mitgerissen und feiern auf einer Ebene mit der Band. So etwas erlebt man selten. Und als die Band nach einem Zugabenblock und "German Studies" als letztem Song nach etwa einer Stunde endgültig von der Bühne geht, sind sich nicht wenige sicher: Diesen Auftritt wird man später mal als "legendär" bezeichnen.