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Die Kunst des Aufhörens

The Black Keys

Trotz einem Regal voller Grammys, ertragreicher Werbedeals, ausverkaufter Konzerte in europäischen Arenen und amerikanischen Baseball-Stadien haben es sich die Black Keys noch immer nicht in ihrem Erfolg gemütlich gemacht. »Turn Blue«, der Nachfolger zum gefeierten »El Camino«, ist wieder so ein Album, das stilistisch neue Wege geht und trotzdem ein Verkaufsrenner sein wird. Patrick Carney, Drummer, Mit-Produzent und breites Rückgrat des Duos, erklärt Daniel Koch den Weg dorthin.
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Ein kalter Mai-Abend in Berlin. Die Black Keys laden zum exklusiven Clubkonzert im Postbahnhof. Um der Fachpresse neues Material vorzustellen und die paar Fans zu erfreuen, die eines der raren Tickets erwerben konnten. Da wissen sie noch nicht, dass sie für 41,25 Euro nur gefühlt 41,25 Minuten Konzert bekommen werden. Ein eher ungewöhnliches Preis-Leistungs-Verhältnis.

 

Die Band wird’s wahrscheinlich nicht so genau gewusst haben. Wie Patrick Carney beim Interview am nächsten Tag berichtet: »Das ist der Job des Labels und der Booker. Die promoten das Album. Die suchen sich die Singles aus. Die organisieren solche Abende.« Sänger, Gitarrist, Songwriter Dan Auerbach und Carney haben einen Keyboarder und einen Bassisten mit auf der Bühne, spielen ihre Klassiker wie »Howlin’ For You«, »Tighten Up« und natürlich »Lonely Boy« und eine gute Handvoll neuer Songs. Wer genau hinhört, merkt, dass der Titel nicht bloß ein amüsantes Wortspiel ist. Aus Stücken wie »Bullet In The Brain« spricht ein nicht gerade glücklich geschiedener Auerbach, der verletzt und einsichtig zugleich feststellt: »I let you use my gifts / To back your lying wits / I’ll never know just what I did it for.« Auch der Titelsong ist lyrisch keine vergnügte Angelegenheit. 

 

Carney zuckt die Achsel, wenn man ihn auf die neue Schwermut anspricht: »Es war ein hartes Jahr für Dan. Das hört man aus seinen Texten zum ersten Mal deutlich raus. Für mich war es zur Zeit der Aufnahme schwer, damit umzugehen. Wir sind seit der Schule miteinander befreundet, und trotzdem war er sehr verschlossen. Ich glaube, es war seine Art, mir mitzuteilen, wie es ihm geht.«

 

Trotz der Schwermut: Der Höhenflug der Black Keys wird mit »Turn Blue« nicht enden. Dafür gelingt er ihnen wieder zu gut, dieser seltsame Spagat zwischen ausgelebter Pop-Affinität und dem Sprung in die Rock’n’Roll-Ursuppe. Eine Mischung, die Fans aus vielen Lagern abholt. Auf dem Konzert sieht man sogar einen bemützten HipHopper, der versucht, auf »Next Girl« zu bouncen, was ganz gut funktioniert. Carney gefällt es genauso: »Ich fände es zum Kotzen, wenn wir nur vor Hipstern spielen würden. Unser Publikum war anfangs eher älter, inzwischen springen vorne die Kids, in der Mitte trinken die 20- bis 30-Jährigen ihre Biere, und hinten lehnen die Älteren an der Wand – und die, die sauer sind, weil wir einen Song wie ›Fever‹ gemacht haben, der jetzt im Radio läuft.«

 

Ein Thema, bei dem er sich gerne in Rage redet. Weil man ihnen solche Songs immer wieder übel nimmt. »Ich versuche das auszublenden, aber das klappt nicht immer. Mich stört nicht, wenn jemand den Song kacke findet, ich hasse es nur, wenn man uns unterstellt, wir hätten ›Fever‹ geschrieben, weil wir ins Radio wollten. Dabei ist er ein organischer Teil eines Albums. Ich hab keine Ahnung, was eine Single haben muss. Ja, wir mögen Popmusik, einen Teil davon, aber wenn ich ›Fever‹ höre, dann erkenne ich darin DEVO und nicht Shakira oder so einen Scheiß.« Aber ein Geheimnis muss es doch geben? »Unsere Stärke ist, dass wir die Dinge nicht kaputtdenken. Man muss wissen, was man wann beendet. ›Fever‹ oder auch ›Turn Blue‹ – man hört diese Songs und denkt, da könnte man noch so viel dran machen. Dann lässt man es. Weil sie so eine viel direktere, ehrliche Kraft haben. Dan und ich funktionieren auch im Studio so: Bei ›Brothers‹ haben wir in 14 Tagen elf Songs aufgenommen. Am zwölften standen wir im Studio, spielten eine Nummer und merkten, wie mau die war. Also haben wir unseren Kram eingepackt und gut.«

 

Aus Carneys Worten spricht noch immer ein hemdsärmeliges Arbeitsethos, das man bei Bands, »die es geschafft haben«, selten sieht. Aber die Black Keys haben nun mal bis zu ihrem sechsten Album in eher kleinen Clubs gespielt, haben so manche Kaschemme von innen gesehen und erinnern sich noch immer, wie es sich anfühlt, acht Stunden nach New York zu fahren, um für 50 Dollar eine Ska-Band zu supporten. Auch der Wirbel um ihre Personen nervt sie eher: »Keiner von uns will berühmt sein. Wir fühlen uns unwohl, wenn wir im Rampenlicht stehen. Wenn wir zu den Grammys müssen, merken wir jedes Mal, wie fehl am Platze wir da sind. Ich fühle mich im Studio wohl. Und auf der Bühne. Und wenn wir mal Pause machen und jeder seins schafft.«

 

Ein gutes Stichwort: Jeder seins. Dan Auerbach, der zur gleichen Zeit im Nebenzimmer Interviews gibt, machte auch in besagter Pause Schlagzeilen – als Produzent einiger Songs vom neuen Lana-Del-Rey-Album. Ein Foto auf ihrem Instagram-Account zeigt eine lächelnde Lana auf dem Schoß eines eher gequält lächelnden Auerbach. Was aussieht wie ein cleverer Marketing-Stunt, entstand jedoch zufällig. Auerbach lernte sie über Freunde kennen, als er das Album von Ray LaMontagne in New York produzierte. Dem amerikanischen Rolling Stone sagte er: »Ich kannte sie nur aus der Presse. Wir sprachen viel über Musik und stellten fest, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. Also lud ich sie nach Nashville ein. Aus den geplanten drei Tagen mit Freunden und Studio wurden schnell zwei Wochen. Ihre Demos waren einfach so gut, ihre Songs so stark. Sie sang die Stücke live mit einer Sieben-Mann-Band ein. Es war verrückt.«

 

Patrick Carney, der zur letzten Frage seine dritte Zigarette raucht, kann dazu nicht viel sagen: »Ich war nicht dabei. Ich glaube aber, es war auch nicht immer so einfach zwischen den beiden, weil eben zwei Welten aufeinandertreffen. Aber das Ergebnis spricht für sich – die Songs sind großartig.«

 

The Black Keys »Turn Blue« (Nonesuch / Warner / VÖ 09.05.14)

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