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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wurmlochkontrolle

Test Icicles

Ist in der königlich-britische Hype-Berichterstattung von zukunftsgerichteter Musik die Rede, so wird damit meist ein enthemmtes Vollgas-Allerlei bezeichnet, das dicklippige Slacker-Beaus unter Aufbietung größtmöglicher Lautstärke ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit und Mietsache des PA-Service
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Ist in der königlich-britische Hype-Berichterstattung von zukunftsgerichteter Musik die Rede, so wird damit meist ein enthemmtes Vollgas-Allerlei bezeichnet, das dicklippige Slacker-Beaus unter Aufbietung größtmöglicher Lautstärke ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit und Mietsache des PA-Services einem jugendlichen Publikum andient. Die Test Icicles machen derzeit vieles richtig: Sie haben den dummdreistesten Bandnamen, sorgen im Vorprogramm ihrer Domino-Labelmates Arctic Monkeys konstant für Online-News-Futter und haben mit dem NME ein Keymedium im Boot, das das Trio als "Fahrkartenkontrolleure zum Wurmloch Richtung Zukunft" lobpreist. Toll: Auch mehr als 15 Jahre nach Pop Will Eat Itself und Age Of Chance gilt die Verbindung von heavy Rockriffs, Hochgeschwindigkeits-HipHop, Hardcore-DIY-Attitüde und Elektro-Bleeps noch immer als Blaupause für kommende Generationen.

Ein Warnhinweis: HNO-sensibilisierten Personen, denen der sorglose Genuss von "Hui Buh"-Hörspielen jüngst durch den Verdacht des ligamental bedingten Dahinscheidens Hans Clarins verhagelt wurde, sei vom Besuch eines Test-Icicle-Konzerts pauschal abgeraten. Die vorbehaltlos-ungeschulte Vehemenz, mit der der 19-jährige Astheniker Sam Merrann seine Stimmbänder überbeansprucht, lässt Spätfolgen befürchten. Auch im Umgang mit der Presse kultiviert der in Miami geborene Sänger und Gitarrist betont mangelnde Weitsicht: So hielt er es z. B. für eine gute Idee, einige Songs des eigenen Debütalbums "For Screening Purposes" im wichtigen NME-Doppelseiten-Feature in der VÖ-Woche scheiße zu finden. Die Lektüre des fahrlässig mitgeführten Weeklies zum Intro-Interview fesselt ihn und Bandkollege Devente Hynes schließlich so sehr, dass sich die Wortbeiträge auf gelegentliche "Yeah, Man!"s beschränken.

Zum Glück gibt es Rory Aggwelt. Der um Verbindlichkeit bemühte Brite ist mit 25 Jahren nicht nur das älteste Mitglied des Trios, der Tim-Wheeler-Lookalike verkörpert auch auf der Bühne im Londoner LSE The Quad den charmant-überdrüssigen Highschool-Partyclown, der die brauchbarste aller Hooklines der Band ("Pull The Lever") mit debiler Karaoke-Mimik serviert. Von ihm erfährt man, dass die musische Sozialisation u. a. durch den Vater erfolgte, der seinen Sprössling im Alter von zehn Jahren mit Fall- und Cramps-Platten konfrontierte. Eine musikalische Früherziehung, die Rory zum Mitglied einer der heißesten UK-Bands des Herbstes 2005 werden ließ. Das TI-Debüt ist ein Dokument radikaler Unmittelbarkeit, das innerhalb von zwei Wochen unter der Regie von James Ford (Simian) entstand. Der unzügelbare Tatendrang der drei manifestiert sich u. a. in der Existenz zahlloser Solo- und Nebenprojekte, die als zusätzliches Ventil des Ideen-Überschusses herhalten müssen. Angesichts einer solchen Schöpfungskraft-Dichte möchte Aggwelt auch keinerlei Garantie abgeben, dass den Fans beim zweiten Album ein ähnlicher Musikstil ins Haus stehen wird wie aktuell praktiziert. Wenig Interesse schenken die drei den Verkaufsergebnissen: "Charts sind schon irgendwie interessant, aber wir verfolgen das nicht." Eine Entspanntheit, die auch gute Seiten hat: Da wird es die Jungs nicht zu hart treffen, dass nach ihrem ersten Top-30-Hit "Circle Square Triangle" der Albumcharts-Entry mit Platz 69 zwei Tage nach dem Interview unerwartet ausbaufähig ausfiel.