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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Exklusiv: Das ganze Interview

Ted Leo

Unser Autor Christian Steinbrink traf Ted Leo ohne seine Pharmacists zum Interview und sprach mit ihm über alte Leidenschaften, die Punk- und Hardcoreszene in den USA und die neu-gewonnene Touch&Go-Familie. Leo gab zu allen Punkten redselig Auskunft.
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Unser Autor Christian Steinbrink traf Ted Leo ohne seine Pharmacists zum Interview und sprach mit ihm über alte Leidenschaften, die Punk- und Hardcoreszene in den USA und die neu-gewonnenen Touch&Go-Familie. Leo gab zu allen Punkten redselig Auskunft.

Warum hast du dein Label gewechselt, hast Lookout Records verlassen und bist zu Touch&Go gegangen? Für mich fühlt sich diese Kombination, Ted Leo und Touch&Go, an wie zwei Dinge, die schon immer zusammen gehörten und letztendlich zusammen kommen. Siehst du das ähnlich? Und hattest du dieselben Probleme mit Lookout wie viele deiner früheren Kollegen? Wenn ja, sind die gelöst?
Ja, im Bezug auf Touch&Go würde ich dir auf jeden Fall zustimmen. Die Geschichte war die, dass die Leute von Lookout ein paar schlechte Entscheidungen getroffen hatten und sich in finanziellen Schwierigkeiten wiederfanden. Das ging dann so weit, dass sie nicht nur ihr Büro und ihr Lager verkaufen und ihre Belegschaft auf zwei verbleibende Mitarbeiter reduzieren mussten, sondern auch komplett damit aufhören mussten, neue Platten zu veröffentlichen. Sie mussten sich auf den Verkauf der Platten aus ihrem Backkatalog konzentrieren, bis sie ihre Schulden begleichen und wieder auf eigenen Beinen stehen konnten. Es war aber kein Geheimnis, dass das Label Probleme hatte. Der Höhepunkt der Krise war 2005, aber sie gingen immer ganz offen damit um. Ich habe Lookout ausdrücklich erlaubt, meinen Anteil an den Plattenverkäufen einzubehalten. In der Hoffnung, dass es ihnen helfen würde, ihre Misere zu überstehen. Es war völlig klar, dass sie das Geld eines Tages auszahlen würden. Offensichtlich hat ihnen das nicht so sehr geholfen, wie jeder von uns dachte. Aber seit ihrem Neuanfang haben sie mich und meine Bandmitglieder immer pünktlich bezahlt. Ich nehme an, dass die anderen Leute mittlerweile ebenfalls ihr Geld bekamen. Ich weiß nicht, wie die Verhältnisse zwischen Bands und Label waren, bevor ich dort unterschrieb, aber zu mir war jeder stets freundlich und offen. Man hat mich in alle Entscheidungen einbezogen. Wenn ich Fragen hatte, habe ich gefragt. Ich erwarte von einem Label nicht, dass es alles für mich tut. Es ist ja Teil unserer Idee, auf einem Punklabel zu bleiben, um einbezogen zu werden, um an allen Prozessen teilzunehmen.

Wie auch immer, ich weiß nicht, was andere Bands für Probleme mit Lookout hatten, aber ich weiß, dass ich mich nie betrogen gefühlt habe. In jeder Beziehung wusste ich immer, woran ich war. Trotzdem und aufgrund der oben erwähnten Geschichte musste ich nach einem neuen Label suchen. Wir sprachen mit einigen Indielabels aus den USA, mit fast allen waren wir vorher schon befreundet, logisch nach so vielen Jahren musikalischer Aktivität. Ich glaube, dass die Zusammenarbeit mit fast allen toll geworden wäre, aber von Beginn an schien Touch&Go die perfekte Wahl zu sein. Es ist ein Label, mit dem ich aufgewachsen bin. Von den Necros und Die Kreuzen an bis hin zu Calexico und Supersystem - ich war immer Fan. Außerdem haben wir uns gut verstanden. Corey Rusk, der Chef von Touch&Go, ist ein bisschen älter als ich, aber wir haben dieselben Wurzeln. Alles, was wir beide bisher taten, und war es auch noch so weit entfernt voneinander, war begründet in der amerikanischen Punk- und Hardcore-Szene vom Anfang der 80er Jahre. Die Grundsätze und die Ideologie dieser Zeit beeinflussen jeden, der für Touch&Go arbeitet, und alle ihre Entscheidungen. Für mich ist es eine aufregende Entwicklung, aber auch eine komfortable. Ich bin sehr glücklich, wenn ich sehe, wie die Dinge derzeit laufen.Das letzte Mal habe ich dich live gesehen, als du Samiam in Köln supportet hast. Damals waren viele junge Punks im Publikum. Kannst du dich erinnern? Meine Frage: Fühlst du dich eigentlich noch mit der jungen Generation der Szene verbunden? Bei dem Konzert hatte ich das Gefühl, dass die älteren Leute dich eher verstanden und mochten als die jüngeren…
Manchmal scheint das wahr zu sein. Aber hier in Amerika ist der Anteil an jungen Leuten in unserem Publikum in den letzten Jahren angewachsen. Es ist interessant - in der Zeit, in der ich Chisel aufgelöst hatte, und auch in den ersten Jahren meiner Solokarriere habe ich immer vor einem recht ähnlichen Publikum gespielt. Es waren Leute, die sehr loyal und unterstützend zu mir waren, und natürlich sind sie mit der Zeit gealtert, genauso wie ich. Mir schien es also, dass sich da nichts veränderte. Als dann 'Hearts Of Oak' herauskam, bemerkte ich, dass das Publikum größer wurde, aber die neuen Fans waren auch eher älter. Ich glaube auch, dass du Recht hast - ältere Leute verstehen möglicherweise einige meiner eigenen Einflüsse besser als jüngere. Den Pub Rock z.B., Soul, Thin Lizzy usw. Aber nachdem unsere letzte Platte 'Shake The Sheets' veröffentlicht wurde, interessierten sich wieder viele Kids für unsere Musik, und ich muss dir sagen: Das ist das Beste an der ganzen Sache. Ich liebe es, Musik zu machen, und ich würde weiter für Leute meines Alters und Ältere spielen, wenn sie die einzigen wären, die das interessierte. Aber wenn du bemerkst, dass du immer noch auch Jüngere ansprichst, dass Kids immer noch dasselbe fühlen, das du es fühltest und immer noch fühlst, dass Altersunterschied und die historische Perspektive auf Punkrock keine Rolle spielen, dass die Leute immer noch dieselben Dinge von deiner Musik wollen und auch bekommen - dann weißt du, dass diese Umstände es verdienen, dass du jede Nacht raus gehst und weiter spielst.

Wer sind die Musiker der Pharmacists eigentlich? Und spielten sie schon in anderen bekannten Bands?

Also, lange Zeit war es so, dass die Bandmitglieder ständig wechselten. Es war tatsächlich mein Soloprojekt, das ich neben anderen Bands betrieb, in denen ich spielte. Damals waren das The Spinanes und The Sin Eaters, zusammen mit meinem Bruder Danny. Wenn ich auf Tour gehen wollte, nahm ich, wen ich bekommen konnte. So spielten im Laufe der Zeit eine Menge Leute bei den Pharmacists: Amy Farina (The Evens, The Warmers), James Canty (Nation of Ulysses, The Make Up), Jodi VB (The Secret Stars), mein Bruder Danny (Native Nod, The Sin Eaters, The Holy Childhood), Alex Minoff (Six Finger Sattelite, Golden, Weird War), Jerry Busher (Fugazi, French Toast), Nick Pelicotto (Edsel), Pete Kerlin (The Holy Childhood), Brendan Canty (Fugazi, Rites of Spring), Drew O'Doherty (Ivory Coast), Ida Pearle (Ida), Sid Thompson (Trans Am, Weird War) und Gavin McCarthy (Karate). Und wahrscheinlich noch mehrere, die ich vergessen habe. Aber als ich die erste Tour für 'The Tyranny Of Distance' plante, bekam ich Chris Wilson für das Schlagzeug. Ich kannte ihn, weil er bei The Holy Childhood spielte. Er hat aber auch schon bei The Lapse, einer Band meines Bruders Chris, gespielt, sowie bei Sean Na Na und Shake Ray Turbine. Außerdem Dave Lerner, der mit meinen Brüdern aufgewachsen war und mit ihnen bei Native Nod spielte, als Bassisten. Das war 2001, und seitdem sind wir zusammen geblieben. Und obwohl ich den größten Teil des Songwritings übernehme, würde es ohne sie nicht mehr dasselbe sein. Sie sind die Besten!

Meiner Meinung nach sind viele der neuen Songs ein bisschen abstrakter, nicht so poppig wie die Stücke von 'Shake The Sheets'. Siehst du das ähnlich? Und was hat das für Gründe?
Neben dem ganzen kurzen, scharfen Pop und Punk auf meinen Platten hat es schon immer Momente gegeben, die eher noisig oder groovebetont waren oder an Drone oder Trance erinnerten. Nimm z.B. die Noiseexperimente der ersten Soloplatte oder die wiederkehrenden Motive in "Little Dawn" von der 'Shake The Sheets'-LP. Für diese letzte Platte hatte ich bewusst versucht, kürzere, prägnantere Songs zu schreiben. Songs, die zwar dieselbe Dynamik und Energie transportieren wie früher und die auch inhaltlich ähnlich explizit meine Gedanken vermitteln, aber direkter, mit mehr Druck. Das lag einerseits an der Stimmung, in der ich zu dieser Zeit war, andererseits an dem Umstand, dass ich lernen wollte, ein besserer Songwriter zu werden. Ich wollte lernen, einen Punkt zu setzen, nicht ewig auf einzelnen Stücken herumzureiten. Und diese Sensibilität für Pop findet sich auf 'Living With The Living' auch. Letztendlich ist es wohl so, dass ich einfach nur mehr von den abstrakten Songs geschrieben habe, die du erwähntest, als sonst. Und diese Songs scheinen das Album ein wenig zu dominieren.Hier kursierte ein Zitat von dir, wonach du fändest, dass manchmal ein wenig zu viel von dir in Hinsicht auf politische Agitation erwartet werden würde. Hast du wirklich etwas dieserart gesagt? Und kannst du Momente in der Vergangenheit beschreiben, in denen du das fandest?
Ja, ich habe das gesagt, aber es bezog sich auf 'Shake The Sheets', und wie die Platte aufgenommen wurde. Weißt du, bevor ich die Platte schrieb, bin ich über Jahre hinweg durchs Land gelaufen und habe gesungen und geschrieen über Politik und den Stand der Dinge in der Welt usw. Und deshalb fanden einige Leute, dass 'Shake The Sheets' nicht politisch genug sei. Aber, offen gesagt denke ich, dass diese Leute verrückt sind, denn das Album ist 100% politisch, von oben bis unten. Es ist halt nur nicht in dem Sinne politisch, wie es Songs wie 'The Ballad Of The Sin Eater' vom 'Hearts Of Oak'-Album waren. Einige Leute haben einfach ziemlich spät gemerkt, dass unser Präsident ein Idiot und ein Mörder ist. Und zu der Zeit, als ihnen das aufging, war ich schon erschöpft davon, ständig mit meinem Kopf vorneweg gegen eine Wand zu rennen. Genauso wie viele andere politisch aktive Leute auch. Die Platte, die aus dieser Erschöpfung hervorging, war 'Shake The Sheets'. Sie war kein wütendes, feurig vorgetragenes Manifest - aber für mich war sie weit wirkungsvoller als das. Praktisch die ganze Platte handelt davon, den Willen und die Energie wieder zu finden, um sich selbst wieder von der Couch zu erheben, herauszugehen und den Kampf fortzuführen. Sie handelt davon, wie hart das ist, wie müde wir uns fühlten, und wie wir herausfanden, dass wir das tun müssen. Eine total menschliche Entwicklung. Und was wichtig ist: Ich brauchte diese Platte - wenn also jemand anderes etwas anderes braucht, soll er oder sie es sich woanders suchen. Ich glaube nicht, dass ich dieselbe Platte wieder und wieder machen muss, oder?

Obwohl zu lesen war, dass es nicht so sei: Deine Texte haben meiner Meinung nach immer noch einen dezidiert politischen Anspruch. Was waren den die konkreten Themen, über die du nachdachtest, als du die Texte von 'Living With The Living' schriebst?
Genau - ich weiß beim besten Willen nicht, wie die Leute darauf kamen, dass 'Living…' keine politische Platte sei. Was ich über diese Platte gesagt habe, ist dem relativ ähnlich, was ich vorhin schon erwähnte. Ich bin eines Tages in 2006 aufgewacht, und alles war sogar noch schlimmer als 2002. Wie lange kann man also über ständig dieselben Themen singen? Es ist ein Anspruch von mir, immer wieder einen anderen Blickwinkel einzunehmen, und nicht nur die Welt in Realtime zu kommentieren. Zum Beispiel handelt 'The Sons Of Cain' von durch Kriege verursachten persönlichen Verlusten. "Bomb.Repeat.Bomb" ist über die Einflussnahme der USA ins politische System im Guatemala der 1950er Jahre. Beides um den Umstand darzustellen, dass die Handlungen von heute keineswegs neu sind. Wir müssen einfach unseren weltpolitischen Anspruch grundlegend überdenken. Ein Komplex aus Militärs und Industrie schafft es, dass kommerzielle Interessen so sehr das Denken von Regierungen beeinflussen, dass sie Kriege gegen souveräne Staaten für Aktiengesellschaften führen! Außerdem geht es darum, die unterschiedliche Wahrnehmung von Kriegen darzustellen. Es macht einen Unterschied, ob man einen Knopf drückt, um eine Bombe aus einem Flugzeug auszuklinken, oder ob man einer derjenigen ist, deren Körper auf dem Boden in Stücke gerissen werden. 'Annunciation Day' handelt von der Stimmungsmache für Krieg, und wie Religion und Erziehungssystem diese Stimmung anfachen und aufrechterhalten. Und 'The Unwanted Things' ist über die Suche nach menschlicher Nähe und Momenten des Friedens in einem Leben, das von Stress und Aktivität geprägt ist. Also - es ist nicht so, dass die Songs nicht politisch wären. Es ist halt nur nicht in einem fort "Bush, Bush, Bush!!" Wir wissen schon aller über ihn, und ich habe auch schon alles über ihn gesungen. Ich versuche einfach, etwas weiter in die Tiefe zu gehen.

Deine Texte sind ja ein außergewöhnlich wichtiger Aspekt deiner Musik, das finde ich jedenfalls. Und ich finde auch, dass sie fast immer sehr gut getroffen sind. Wie würdest du deinen Stil beschreiben? Und gab es mal irgendwelche Vorbilder?
Danke! Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich einen konkreten Stil habe. Die Texte sind für mich definitiv der schwerste Teil des ganzen Songwritings. Ich glaube, dass ich oft über etwas so konkret schreibe, dass es persönlich im Sinne alter Soulsongs erscheint, aber mit dem Verständnis, dass alles, was wir so intensiv denken oder fühlen, auch ziemlich allgemeingültig, eben menschlich ist. Also kannst du mit konkreten Begebenheiten beginnen und bei etwas Universellem landen, wenigstens ist es das, was ich versuche zu erreichen. Was Vorbilder angeht - du weißt, dass alle meine Musik mit The Jam vergleichen. Ich verstehe auch, warum, aber letztendlich habe ich immer besonders bewundert, wie politisch und doch empfindsam Paul Wellers Texte für The Jam und auch Style Council waren. Selbst in den poppigsten Momenten schien er mit glaubwürdig wütend, mehr sogar als The Clash, und daran denke ich von Zeit zu Zeit. Außerdem schätze ich, dass ich, aus ähnlichen Gründen, deutlich mehr Inspiration von D.Boon von den Minutemen bekomme, als mir selbst oft bewusst ist.
Gibt es eine Art Schlüsselsong auf der Platte?
Ja, gibt es. Der erste Song, den ich für diese Platte schrieb, war 'La Costa Brava'. Ich schrieb ihn im August 2005, nachdem wir fast ein ganzes Jahr auf Tour waren. In mancherlei Hinsicht ist dieser Song die Antwort auf einige der Fragen auf 'Shake The Sheets'. Grundlegend handelt der Song von Verjüngung. Es geht um die Einsicht, dass es, um dem ganzen Stress zu entgehen, manchmal wertvoll ist, einfach eine Pause einzulegen und sich selbst zu erlauben, durchzuatmen und die Schönheit wahrzunehmen, die trotz allem tatsächlich da draußen existiert. Man sollte das nicht falsch interpretieren, es ist kein Rückzug aus dem Kampf, den wir ausfechten. Es ist gut, sich mal zurückzunehmen, um weitermachen zu können, um sich bewusst zu machen, wofür man eigentlich kämpft. Alle anderen Themen auf der Platte kreisen um diesen Song, deshalb ist er eine Art emotionaler Mittelpunkt für mich.

Mit 'The Unwanted Things' hast du ja einen ziemlich klassischen Reggaesong auf der Platte. Gibt es eine Geschichte zu dem Stück, und wie kamst du darauf, den Song gerade so zu machen?
Ehrlich gesagt gibt es da keine richtige Geschichte. Reggae war immer ein wichtiger Teil meines Lebens, und ich habe ihn immer wieder in meine Musik eingebracht. Aber früher habe ich meistens versucht, alles, also Rock, Soul, Reggae, Folk usw, in einen einzigen Song zu packen. Dieses Mal habe ich entschieden, dass es halt ein reiner Reggaesong sein soll. Ich wollte ihn einfach einen Reggaesong sein lassen und nicht wieder ewig an ihm herumschrauben. Zunächst war das ein Versuch, um zu sehen, wie das klingt, aber als wir begannen, den Song so einzuüben, mochten wir ihn, wie er war. Deshalb beschlossen wir, ihn so zu belassen, und ihn nicht mehr mit Punk zu vermischen.

Du hast dir Brendan Canty von Fugazi als Produzenten ausgesucht. Warum gerade ihn, und was sind seine besonderen Qualitäten?
Brendan ist ein alter und lieber Freund von mir, und wir haben eigentlich immer sehr ähnlich über Musik gedacht - ich achte seinen Geschmack sehr. Wir haben schon für 'The Tyranny Of Distance' zusammen gearbeitet, und damals habe ich erfahren, wie er im Studio ist. Er ist ein toller Moderator in bandinternen Diskussionen, hat endlos viel Energie. Er kann mir immer helfen, mich auszudrücken und meine halbgaren Ideen umzusetzen. Und er hat die Hartnäckigkeit, immer weiter herumzuprobieren, bis ein Stück sich für uns alle fertig anfühlt. Das sind natürlich alles ständig bemühte Phrasen. Aber darüber hinaus mag ich es sehr, am Ende des Tages einfach zu entspannen. Und auch das geht toll mit ihm. Wir lebten streng genommen während der Aufnahmen einen ganzen Monat eng aufeinander - letztendlich eine der wirklich tollen Phasen meines Lebens!

Du bist auf dem Festival zum 25. Jubiläum von Touch&Go aufgetreten. Zwei meiner Kollegen waren auch da, und sie kamen äußerst beeindruckt wieder heim. Wie fandest du das Festival? Hatte es eine besondere Bedeutung für dich? Und was war für dich der beste Gig?
Es war für mich eine Ehre, Teil dieses Billings zu sein. Ich hatte eine großartige Zeit, ein wirklich unglaubliches Wochenende. Es war toll, die Reunion-Gigs von Negative Approach und Monorchid zu sehen, genauso wie Tara Jane O'Neill zusammen mit Chris Brokaw und Sally Timms zusammen mit Jon Langford. Aber die beiden für mich besten Gigs waren zum einen The Ex, und zum anderen Calexico. Es war ein Ereignis, The Ex zu sehen, nach all den Jahren, in denen sie so eine riesige Inspiration für mich waren. Es geht dabei nicht nur darum, dass sie immer noch so eine riesige Energie ausstrahlen - es ist auch so wundervoll, dass ich jetzt in einem gewissen Sinne Teil ihrer "Familie" bin, dass ich mir mit ihnen die Bühne teilte und jetzt auch auf demselben Label wie sie bin. Das macht mich unglaublich demütig. Ihr Set war so kraftvoll und schön (ihre Version von 'Hidegen Fujnak A Szelek' an diesem Tag war unfassbar!), dass ich nicht einmal geblieben bin um mir die Scratch Acid-Reunion anzusehen. Scrath Acid sind eine großartige Band, aber ihr Stil ist ein anderer, und ich wollte das Gefühl von The Ex so lange wie möglich in mir behalten. Das abschließende Set von Calexico hatte auch so eine kraftvolle Schönheit für mich. Ich liebe diese Typen einfach. Ihre letzte Platte war eins von meinen Lieblingsalben von 2006, und sie waren perfekt, um das Wochenende ausklingen zu lassen.Es war zu lesen, dass du ein Cover von Chumbawamba aufgenommen hast, für die Bonus-CD der neuen Platte. Wieso hast du den Song ausgewählt, und wie schätzt du die Bedeutung von Chumbawamba für die politisch motivierte Musik in Europa ein?
Ich habe mir überlegt, 'I Never Gave Up' aufzunehmen, weil das ein großartiger Song ist. Außerdem war es so, dass ich meinte, das Gefühl, das der Song vermittelt, zu brauchen, um die Aufnahmen für die Extra-EP abzuschließen und mich selbst bereit zu machen für ein weiteres Jahr voller Bullshit und Tod - das klingt ziemlich dramatisch, aber ich meine es Ernst! Naja, es ist klar, dass Chumbawamba für eine Menge Leute problematisch sind, auch für mich. Weil sie bei der EMI unterschrieben, und weil sie zu Popstars wurden, zwar nur für einen Moment, aber trotzdem. Ich habe ihre Begründung für den Vertragsabschluss gelesen, und das waren absolut akzeptable Gründe, diesen Weg zu gehen. Und weil ich finde, dass jeder Künstler das Recht haben sollte, zu tun, was er will, völlig unabhängig von den Meinungen anderer, hat auch jeder Fan das Recht, enttäuscht zu sein, wenn sein favorisierter Künstler etwas tut, was er missbilligt. Und ich als Fan war von ihrer Entscheidung sehr enttäuscht. Aber das heißt nicht, dass ich sie nicht für das, was sie geschafft haben, respektiere. Ich neide ihnen auch nicht ihren Erfolg, ich freue mich für sie, wenn sie selbst glücklich mit ihren Ergebnissen sind. Und ich meine das wirklich so. Über ihre Bedeutung in Europa weiß ich nicht so gut Bescheid, ich weiß nur, was sie mir bedeuteten. In Amerika waren sie nie so bekannt, selbst in der Punkszene nicht. Die meisten Amerikaner kennen nur "Tubthumping", und fast keiner von ihnen hat realisiert, dass das ein Song ist über einen Arbeiter, der seinen Job verliert. Aus so etwas ergibt sich ja die ganze Fragestellung über den Kontext - ist ein politisches Statement ad absurdum geführt, wenn es über mainstreamige Medienkonzerne verbreitet wird? Wer kann verstehen, wie etwas gemeint ist, wenn es als Untermalung für einen Werbeclip in der Pause eines Footballmatches läuft? Ich weiß die Antworten wirklich nicht. Vielleicht gibt es einen cleveren Jugendlichen, der über solche Kanäle beeinflusst wird, und dadurch den Anstoß bekommt, andere politische Künstler zu entdecken. Das ist eine großartige Sache, und so erging es auch sicherlich mir. Niemand von uns wurde geboren mit einem Crass-Aufnäher auf seinen Windeln, weißt du? Die erste politische Musik, die ich kennenlernte, war wahrscheinlich von Bob Dylan. Und der erste Punkrock, den ich hörte, war von den Sex Pistols, danach The Clash. Die nächste Ladung von politischer Kunst bekam ich durch frühen HipHop, danach von Billy Bragg - all die veröffentlichten auf Majorlabels, all die wurden verbreitet durch Mainstreammedien, all das hatte einen profunden Einfluss auf mich, also… wie soll ich da meinen Stab brechen?

Vor ein paar Monaten kam 'Punk, DC. Dance Of Days' von Mark Andersen endlich auch in deutscher Sprache heraus. Ich habe das Buch gelesen und war sehr beeindruckt. Du warst Teil dieser Szene, wenigstens in ihren späteren Jahren. Was sind deine wichtigsten Erinnerungen an diese Zeit der späten 80er und frühen 90er in Washington? Und ist es richtig, dass du nicht mehr in DC lebst? Wo lebt ihr, du und deine Bandkollegen, jetzt eigentlich?
Ja, ich lebe nicht mehr in DC, obgleich ich den größten Teil der 90er dort war. Dave und ich sind aus New Jersey, direkt gegenüber von New York, auf der anderen Seite des Flusses. Chris kommt aus Hot Springs, Arkansas, der Heimat der Clintons. Heute lebt Dave in Brooklyn, Chris ist in Philadelphia, und ich lebe in Rhode Island. Als ich das erste Mal nach DC zog, so in etwa 1992, war das ein aufregender Ort, wenn man in Kunst und Musik involviert war. Viele der Bands aus der zweiten Welle der klassischen Dischord-Bands hatten sich gerade aufgelöst, und die Leute gründeten Bands, die oft nur für eine einzige Show bestanden. Es wurden viele neue Dinge ausprobiert, Ideen gesponnen, verworfen oder umgesetzt - es war toll. Chisel bestanden schon zu dieser Zeit und hatten einen Vertrag bei Gern Blandsten. Es gab viele Partys mit Kunstperformances und Musik, besondere Filmvorführungen, Benefizkonzerte, usw. Am besten kann man die Zeit als fortwährenden, inspirierenden Austausch beschreiben. Ein großer Teil von uns lebte in direkter Nachbarschaft in Mount Pleasant, nur ein paar Meter zu Fuß voneinander entfernt. Das war eine alte, eher schlechte Gegend mit richtigen Häusern, ohne große Mietskasernen. Deshalb lebten die meisten in Wohngemeinschaften, was den ständigen Ideenaustausch natürlich förderte. Einmal lebte ich in einem Haus, das wir nach Nation Of Ulysses "The Embassy" nannten. Dort lebten so viele Leute, dass man gar nicht mehr wusste, wer nun alles zur Hausgemeinschaft gehörte. Es war schön für eine bestimmte Zeit, aber ich merkte, dass meine Wurzeln mich zurück in den Nordosten riefen. Ich löste Chisel auf und gründete The Sin Eaters zusammen mit meinem Bruder Danny. Ich schätze, ich brauchte einen Tapetenwechsel, deshalb ging ich.

Was machen deine Brüder eigentlich? Ich habe Chris vor ein paar Monaten mit den Vague Angels spielen sehen. Und: Was glaubst du, wer ist der talentierteste Musiker in der Familie Leo? Beide sind weiterhin aktiv. Chris hat in den letzten Jahren viele Veranstaltungen in New York organisiert. Lesungen, Konzerte und so. Außerdem ist er sehr aktiv mit den Vague Angels. Danny arbeitete zuletzt an einer Symphonie und baute ein Tonstudio, weshalb er nicht so viel aufgetreten ist. Gegenwärtig touren The Holy Childhood durch Europa, aber das tun sie wirklich nicht mehr oft. Und was unser Talent betrifft - natürlich weiß ich das nicht. Wir machen mittlerweile ziemlich unterschiedliche Dinge. Nun ja, Chris ist auf jeden Fall ein viel besserer Gitarrist als ich. Und Danny hat Ideen, die weder Chris noch ich je verstehen werden. Aber ich meine das respektvoll!