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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Gipfeltreffen in Tokio

Techno vs. Noise

Wer in letzter Zeit regelmäßig in Techno-Clubs war, dem dürfte nicht entgangen sein, dass sich mehr und mehr aktuelle Produktionen bei Einflüssen aus Industrial und Noise bedienen. Während der Red Bull Music Academy in Tokio nutzte Thomas Venker die Gelegenheit, um gemeinsam mit den japanischen Noise-Musikern Keiji Haino und Nakahara Masaya von der Band Violent Onsen Geisha, Yamazaki Maso Takushi von Masonna, Ichirou Agata und Yasuko Onuki von Melt-Banana sowie den Techno-ProduzentInnen Sheela Rahman und Jay Donaldson zu eruieren, was genau da von wem warum aufgegriffen wird.
Geschrieben am

Interview:
Thomas Venker

Ich möchte ganz vorne im Soundprozess anfangen: Was sucht ihr in der Musik? Was wollt ihr durch sie erreichen?
YO: Ich habe die Musik als meinen Lebensinhalt erwählt, also mache ich Musik!
IA: Immer, wenn ich Musik mache, dann vergesse ich die Zeit. Hänge ich mit Freunden rum, langweile ich mich irgendwann, aber Musik kann ich immerzu machen, ohne dass ich in Zeitkategorien denke.
KH: Bei allem, was ich mache, geht es mir darum, die Dinge spannend zu halten, andere und mich zu überraschen. Mein Credo ist, mich nie zu wiederholen.
JD: Ein Leben ohne Musik wäre unendlich langweilig. Musik ist gleichbedeutend mit Spaß. Andere Kinder nervte es, wenn sie Instrumente erlernen mussten – mich nie.
SR: Mit der Musik kann ich all das ausdrücken, was ich nicht in Worte zu fassen vermag. Sie ist mein Dialog mit der Gesellschaft.
NM: Mir geht es darum, für wenig Arbeit so gut wie möglich bezahlt zu werden. Nun, das passiert leider nie.
YMT: Ich wollte der existierenden Noise-Musik eine eigene Seite hinzufügen. Da ich ein großer Hardcore- und Punk-Fan bin, wählte ich einen ähnlich expressiven Ansatz. Jedoch mit Effektgeräten, Oszillator und viel körperlichem Einsatz statt mit klassischen Instrumenten wie Gitarre und Bass.

Sheela und Jay, ihr habt beide bereits im Berghain gespielt. Trotzdem nehmt ihr aktuell in Tokio an der
Red Bull Music Academy (RBMA) teil. Schlicht gefragt: Warum macht ihr als etablierte Künstler das?

SR: Das fragen mich viele. Die Academy ist eben nicht für Anfänger, die meisten Teilnehmer haben sich schon einen Namen erspielt und suchen hier vor allem Inspiration.
JD: Man bemerkt hier als Erstes, wie wenig man doch weiß. In zwei Wochen lernt man durch die Unmenge an Vorträgen, Studio-Sessions und Auftritten so viel dazu.
SR: Am Ende will man alles, was man bis dato erschaffen hat, zerstören und neu anfangen.

In den 1990er-Jahren, als die japanische Noise-Musik ihre Genese erfuhr, lagen nicht nur Veranstaltungen wie die RBMA noch in weiter Ferne. Es gab auch weder Internet noch Handys – kulturelle Arbeit war also deutlich regionalisierter und langsamer. Empfindet ihr älteren Künstler die moderne Welt als Fortschritt? Seid ihr neidisch auf Jay und Sheela, denen vieles zuzufliegen scheint?

NM: Musik ist für mich eine sehr mit Bedeutung aufgeladene Angelegenheit. Insofern verstehe ich nicht, dass die jungen Leute sie als umsonst gegeben ansehen. Ich habe das Gefühl, dass man heute wohlhabend sein muss, um noch Musik zu machen. Davon zu leben ist sehr schwer geworden.
YMT: Andererseits ist heutzutage jeder in der Lage, Musik zu machen und sie über die Welt zu verbreiten. Früher musste man viel härter nach ihr suchen. Ich weiß aber ehrlich gesagt nicht, ob mir persönlich das Internet dabei geholfen hätte.
SR: Das stimmt. Dass man heute potenziell alles haben kann, erleichtert die Sache nicht, sondern überfordert oft auch. Die Parameter der Limitierung sind eher hilfreich für Kreativität.
IA: Es ist doch so: Heute gibt es zwar mehr Tools, aber letztlich geht es noch immer um menschliche Interaktion.
JD: Ich weiß gar nicht, ob das wirklich so ist mit dem Mehr an Tools. Ich wuchs in einer kleinen Stadt auf. Natürlich hatten wir Internet, aber ich wusste trotzdem nicht, dass ich dort eine elektronische Musikszene hätte finden können.
YO: Vieles, was man mit dem Internet machen kann, gelang uns auch so. Wir haben durch die Touren in den beiden letzten Jahrzehnten viele Leute kennengelernt. Sie sind unser Netzwerk, unsere Lebenslinie.
Von außen stülpt man Genres ja gerne eine Einheit über. Sehen sich die versammelten japanischen Musiker denn überhaupt alle als Noise-Musiker? 
YO: Musikalisch empfinde ich uns alle als sehr unterschiedlich, aber dennoch befinden wir uns in einem gemeinsamen Spannungsfeld. Wir sind befreundet, treten zusammen auf und beeinflussen uns so. 
YMT: Sowohl mit Nakahara Masaya als auch Keiji Haino habe ich bereits gemeinsame Bands gehabt, mit Melt-Banana trete ich seit 1990 auf, insofern teilen wir schon viele Ansichten. 

Sheela und Jay, mich würde interessieren, wie für euch »From Wails To Whispers«, der japanische Noise-Abend der RBMA, war. Die Beteiligten gingen ja mit der Ambition daran, sehr schnell und sehr laut zu spielen. Ist ihnen das gelungen? 
 
SR: Ja, es war wirklich alles sehr, sehr laut. Besonders beeindruckt hat mich die Performance von Masonna. Es war so ein unglaublich verdichteter Ausbruch.  

Die Idee, euch alle zusammenzubringen, basiert ja auf den aktuellen Entwicklungen in der elektronischen Musik. Viele Techno-ProduzentInnen greifen auf Noise-Sounds und -Patterns zurück; Verzerrungen, Rauschen und krachige Soundscapes spielen eine große Rolle. Ist dieser Prozess den japanischen Musikern überhaupt bewusst?
 
YMT: Ich höre eher alte Produzenten elektronischer Musik wie Konrad Schnitzler, Kraftwerk oder das aus meiner Heimat Japan stammende Yellow Magic Orchestra. 
NM: Als Acid House und Labels wie Warp in den frühen 1990er-Jahren aufkamen, war ich davon begeistert. Ich bin aber kein Freund der aktuellen synthielastigen Produktionen.  
IA: Meine Band Melt-Banana ist offensichtlich beeinflusst von elektronischer Musik. Jemand wie Aphex Twin, der viel Soundforschung betrieben hat und verschiedenste Stile wild miteinander kombiniert und so das Publikum herausfordert, steht uns nahe. Oder auch eine Band wie Atari Teenage Riot. 
SR: In der Tat sehe ich, was Soundtexturen angeht, viele Überschneidungen zwischen unseren Genres, aber auch in der uns alle vereinenden Do-It-Yourself-Philosophie. 
JD: Absolut. Wenn man in vielen aktuellen Techno-Tracks die Kick-Drum weglässt, dann hat man mehr oder weniger einen seltsamen experimentellen Track vorliegen. Ein Produzent wie Dave Sumner steht mit seinem Projekt Function dem Noise nahe. 
SR: Oder Container, den ich neulich im Berghain gesehen habe. 

Container, also Ren Schofield, ist in der Tat so ein Künstler, den ich im Kopf hatte bei der Vorbereitung dieser Gesprächsrunde: Er produziert dunklen, harten Techno, dem man jederzeit seine Sozialisation mit Hardcore und Noise anhört.
 
SR: Seine Produktionen verbinden Noise und Techno, indem er klassische Techno-Beats mit wirklich verrückten und heftigen Soundtexturen zusammenbringt. Dieser Crossover fasziniert mich, ihn suche ich auch in meinen Produktionen. Oder nimm jemanden wie Ancient Methods, dessen Industrial-Techno Noise-Musik viel schuldet. 

Wenn man sich dem Publikum zuwendet, merkt man aber massive Unterschiede. Bei Techno kann man letztlich so viel Noise wie gewünscht in die Tracks einfließen lassen – solange der Beat läuft, tanzen alle dazu. Die heftigen Sounds bei einem Noise-Konzert schicken jedoch alle auf eine innere Reise, getanzt wird dazu nicht. Wie erklärt ihr euch das? 
 
JD: Nun, das Umfeld und die tradierten kulturellen Verhaltensweisen prägen das Verhalten. 
KH: Ich muss ja noch mal sagen, dass mich von den aktuellen elektronischen Produktionen nichts wirklich begeistert. Wenn man wie ich seit 45 Jahren jedwede Art von Musik hört, dann versteht man eben sofort, woher die Einflüsse kommen. Diese sind mir derzeit zu deutlich spürbar, da fehlt das Eigene. 

Keiji Haino, in deiner Arbeit spielt das japanische Musikkonzept »Ma«, der ruhige Raum, eine große Rolle. Genau dieser Zwischenraum nimmt doch aber auch im Techno eine bedeutsame Position ein.
 
KH: Nun, Ma, so, wie ich es verstehe, ist eine Stille, die in unterschiedlichen Gestaltungsformen auftaucht. Wenn Stille immer im gleichen Rhythmus auftritt, wie eben im Techno, interessiert sie mich nicht. Der japanische Begriff steht, zumindest richtig übersetzt, ja auch für den tiefsten emotionalen Moment im Leben des Protagonisten. 
JD: Sicher gibt es diese statische Stille nicht selten, aber es existieren doch auch ganz andere, nicht so berechenbare Formen. Nimm zum Beispiel jemanden wie Kyoka, die auf Raster-Noton veröffentlicht und auch hier bei der RBMA auftritt. Sie setzt Leerstellen dort, wo man es nicht erwartet, oder nimmt teilweise zumindest verblüffend Spuren aus dem Sound heraus.
Man könnte ja auch sagen, dass Stille da anfängt, wo Einsätze minimal verzögert werden. 
SR: Das Ton-Gitter ist bei Techno natürlich in der Tat vorhersehbarer als bei Noise-Musik, wo viel mehr Freiheit existiert, was die Instrumente und somit die Dynamik-Spielereien angeht. Das ist auch der Grund, warum so viele Techno-Produzenten - und auch ich - die Schnittstelle zwischen den Genres als so reizvoll empfinden und die Noise-Philosophie adaptieren. 

Wenn ich mir die aktuelle Melt-Banana-Inkarnation anschaue, so fällt der sehr statische, dem 4-to-the-floor-Techno nicht unähnliche Schlagzeugsound auf. Könntet ihr euch denn eine Kooperation mit elektronischen Musikern vorstellen?
 
IA: Eine sehr gute Beobachtung. Wo andere Noise-Musiker ihre Stücke aus der Improvisation entwickeln, planen wir sie vom Beat ausgehend – eben so, wie viele Techno-Produzenten auch vorgehen. Wir sind derzeit wirklich im Prozess der Zusammenarbeit mit jemandem, dürfen aber noch nicht sagen, mit wem. 

Lasst uns noch kurz über das Auflegen sprechen. Die wenigsten wissen ja, dass du, Keiji Haino, auch ein sehr aktiver DJ bist. Wie hat man sich deine Sets denn vorzustellen?
 
KH: Ich glaube sehr fest daran, dass ein DJ Musik mehr lieben muss als jeder normale Musik-Fan. Erst, wenn man sein ganzes Leben in den Sound hineinlegt, entsteht wirkliche Musik. Gelingt einem das, dann will sie fließen und fließen und fließen - weshalb ich mit vier CD-Playern gleichzeitig auflege. 

Welche Rolle spielt das Publikum beim Auflegen?
 
KH: Ich denke generell nicht an die Besucher. Das liegt daran, dass meine Definition von einem DJ eher oldschoolig ist. Als ich ein Kind war, ging es einem DJ nicht um die Unterhaltung, sondern um die Erziehung der Leute, um das Vorstellen von neuer Musik. 
SR: Als ich vor drei Jahren mit Live-Sets anfing, waren diese noch sehr statisch programmiert und boten mir wenig Freiraum. Das deprimierte mich, ich wollte die volle Kontrolle, eben so wie ein DJ. Also überarbeitete ich mein Set so, dass ich jetzt improvisieren und im Mix von einem heftigen Techno- zu einem deepen House-Track übergehen kann – je nach Stimmung im Raum. 
NM: Ich wünschte, ich könnte mir den Luxus der Reaktion leisten. Auftritte haben für mich etwas von einem Klempner-Dasein: Kaum habe ich ein Loch geflickt, schon muss ich zum nächsten rennen. 
YMT: Meine Auftritte dauern derzeit kaum länger als zwei Minuten. Alles muss vorbei sein, bevor das Energielevel sinkt. Alles dreht sich nur um die Frage, wie lange ich volles Tempo gehen kann, die Intensität der Performance ganz oben zu halten vermag. Ich kann ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, warum für das Publikum alles immer lange dauern muss. 

Hat jemand von euch je von einem fertigen Stück gedacht, es sei zu brutal, um veröffentlicht zu werden?
 
SR: Das nicht, aber ich habe auf viele meiner Tracks von Soundleuten und Mastering-Studios negative Kritik bekommen, da sie die Verzerrungen nicht als absichtlich verstanden, sondern als Unfälle. Diese kaputten, verzerrten Schichten aus Noise sind eben nicht jedem vermittelbar. Was für die einen ansprechend klingt, ist für andere eine Zumutung. Nicht jeder versteht unseren ästhetischen Kontext. 

Ein schönes Schlusswort. Domo Arigato Gozaimasu für eure Zeit.
 


Anmerkung des Autors Aufgrund der Sprachbarriere (die japanischen Musiker sprechen kein Englisch) und der notwendigen Übersetzungsarbeit konnten nicht alle Musiker zur gleichen Zeit zusammensitzen, sodass Teile der Gesprächsrunde nachträglich auf Basis gleicher Fragestellungen montiert wurden. Der Autor bedankt sich bei der RBMA für die Bereitstellung zweier hervorragender ÜbersetzerInnen.