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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Jingles und Narzissmus

Taylor Savvy

Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz im Reich der elektronischen Musik: Die Live-Performance darf nichts mit Selbstdarstellung zu tun haben. Man kann sein Gesicht geheimhalten, mit dem Partyvolk verschmelzen oder einfach aussehen wie der letzte Penner (Modell Justus Köhnke). Alle Mittel sind recht, um
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Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz im Reich der elektronischen Musik: Die Live-Performance darf nichts mit Selbstdarstellung zu tun haben. Man kann sein Gesicht geheimhalten, mit dem Partyvolk verschmelzen oder einfach aussehen wie der letzte Penner (Modell Justus Köhnke). Alle Mittel sind recht, um klarzumachen: Es geht hier nicht um Personen, es geht hier nur um Musik! Ausnahmen bestätigen die Regel. Vor allem internationale. Denn dafür, dass es sich bei der Frontmann-Phobie vor allem um ein europäisches Phänomen handelt, ist Taylor Savvy ein lebender und sehr lebendiger Beweis. Wenn der kanadisch sozialisierte Wahlberliner in einem Café an einem Tisch sitzt, wirkt das schon wie eine Inszenierung. Das liegt zum einen an der sehr schicken Krawatte, zum anderen aber an dem mysteriösen Etwas, das Manager von Pornodarstellern gern Ausstrahlung nennen. Der vor Energie und Mitteilungsbedürfnis vibrierende Künstler überlässt mir die Aufgabe, das Diktiergerät in Gang zu setzen, und dann geht's los à la Wasserfall. Direkt mit dem Thema Performance.

Der Wille zur Macht: den Pöbel bekehren

"Was ich mache, sind eigentlich keine richtigen Popkonzerte, sondern eher Shows im Sinne von Fernsehunterhaltung. Ich wechsle viermal pro Show die Garderobe, singe Playback und tanze wie verrückt. Wenn Britney Spears so was beim MTV-Award macht, findet das keiner ungewöhnlich. Wenn man das gleiche in einem Club macht, also in Indie-Zusammenhängen, ist die Wirkung meistens a) Irritation und b) Spaß."

So die Theorie und meistens auch die Praxis. Ebenfalls nicht gerade unbekannt sind Taylor Savvy der Anblick sich rasant nähernder Bierflaschen und der Klang des Wortes "Buh". Nun wäre jeder, der noch einen Funken Punkrock im Leib hat, dankbar, von Zeit zu Zeit die Ablehnung des Pöbels provozieren zu können. Taylor Savvys Programm ist aber ein anderes, nämlich die Überredung der Massen, der Wille zur Macht: "Ich will so viele Leute wie möglich auf meiner Seite haben. Deswegen sind die Songs auf der Platte auch auf so brutale Weise Pop. Es gibt ja meistens nur eine Zeile, und die singe ich immer und immer wieder, bis die Leute mir glauben müssen. Eigentlich ist es wie ein Gesangs-Loop, aber dadurch, dass ich alles richtig einsinge, sind die Wiederholungen nie identisch." Wie bei Schneeflocken? "Wie bei Schneeflocken."

Werben für: Essenz-Pop

Die Strategie der Wiederholung einer Formel gemahnt nicht von ungefähr an Reklame, denn genau damit hat Taylor Savvy bis vor einem Jahr in Toronto sein Geld verdient: mit dem Schreiben und Arrangieren von Musik für das Werbefernsehen. Dass Popmusiker in der harten Schule künstlerischer Prostitution mehr lernen können, als sich idealistische Blasiertheit träumen lässt, wissen wir spätestens seit Lou Reed, denn der musste sich für ein Ramsch-Label zehn Songs pro Tag aus dem Kreuz leiern, bevor er einer der größten Songwriter überhaupt werden konnte. Für Savvy hatte der Frondienst ebenfalls unschätzbaren Wert. Die Auftragsarbeiten waren nicht nur gute Fingerübungen, sondern auch Anlass, die eigene musikalische Philosophie in Frage zu stellen.

"Ich war früher ein ziemlicher Musik-Nerd. Ich habe Musik in Montreal studiert, und in Toronto spielte ich alle möglichen Instrumente in allen möglichen Bands. Das meiste war sehr ausgefeiltes Songwriter-Zeug, etwa im Stil von Burt Bacharach. Es musste immer durch alle zwölf Tonarten gehen. Irgendwann merkte ich dann, dass sich jedes dieser Lieder auf eine wesentliche Aussage oder eine musikalische Formel reduzieren lässt. Ab da probierte ich, die Lieder nur noch aus ihrer Essenz bestehen zu lassen. Inzwischen kommen mir sogar viele Popsongs aus den Achtzigern lächerlich umständlich vor. 'Easy Lover' von Phil Collins zum Beispiel besteht eigentlich nur aus einer coolen Hookline am Ende und drei sinnlosen Minuten davor. Das, was nach dem Eindampfen übrigbleibt, ist das zum Formprinzip erhobene Jingle in der Endlosschleife."

Aus solchen mikrokosmischen Kompositionen besteht die Platte, aus perfekten Fragmenten. Und für die letzten, denen "Jingle" ein Reizwort sein könnte, gibt es noch ein geiles Bonmot vom Meister: "Pavement-Songs sind auch nur Jingles für ein bestimmtes Lebensgefühl." Jawohl.

Für Taylor Savvy ist der klassische Song also tot, und no Respekt gibt's für Bands wie Coldplay, die glauben, an dessen spätestens seit Elvis Costello fertiggestelltem Denkmal noch herumpfuschen zu müssen.

Innovativer Retro: Fast Forward

Was die Wirkung seiner Musik von der Ausdrucks-abstinenten Statik des Techno unterscheidet, ist, dass er das Material der traditionellen Popmusik nicht ausschließt, sondern lediglich anderen Gesetzen des Ablaufs unterwirft, die er selbst mit "fast forward" charakterisiert. Um sich nicht überflüssig zu machen, darf die Dekonstruktion, ähnlich dem bewaffneten Kampf, ihr Ziel nicht erreichen; oder anders: Stell dir vor, es ist Götzendämmerung, und die Zeit bleibt stehen.

"Ladies & Gentlemen" ist so eine Art innovatives Retro-Album, insofern, als zwar Codes aus zweiter, aber eben nicht aus dritter oder vierter Hand zum Einsatz kommen. Was hier nostalgisch widerhallt, ist nicht New Wave, sondern Klänge aus der afroamerikanischen Popmusik. Der abgewiegelte Groove von Cool & The Gang sagt "Hallo", plötzlich sieht man Lionel Richie in einem silbernen Anzug tanzen, dann wieder Anklänge an Melodie-orientierten Party-Rap. Ironie gibt es dabei keine, Brechung schon, etwa wenn bei "I Wanna Be Your Man" ein Stevie-Wonder-kompatibler Sequenzer so runterproduziert wird, dass man denkt, er sei in die Ur-Suppe früher Fall-Platten gefallen.

Und über allem die repetitiven Slogans, mit denen die Lieder für sich werben, vorgetragen mit süffisantem Schmelz in der großen weißen Soul-Stimme. Die scheinbar unverhohlenste Bezugnahme auf der Platte führt uns allerdings in die Welt der Boy-Groups: Das Kernthema des Liedes "Jealousy" ist nämlich nahezu identisch mit der Strophenmelodie des Backstreet-Boys-Knallers "As Long As You Love Me". Der Autor selbst gibt an, auf die Parallele erst durch seinen Freund und Label-Genossen Chilly Gonzales aufmerksam gemacht worden zu sein. Am fröhlichen Grinsen beim Erzählen dieses Umstands kann man ablesen, dass ihn der Plagiatverdacht nicht, aber auch überhaupt nicht interessiert. Da sitzt er und grinst ... Der Gustav Mahler des Pop.

Deus Ex Machina: Peaches

Und was macht man, wenn man als Künstler und Mensch gereift ist, es trotz der Tücken der kanadischen Landschaft und den Launen des Wettergottes geschafft hat, seine Stilbildung erfolgreich abzuschließen - und kein Schwein interessiert es? Genauso ging es nämlich unserem Helden in Toronto - diesem verschlafenen scheiß Fischerdorf am Ende der bewohnten Welt. Trotz Verstärkung des Playbacks durch zwei Mit-Musiker, Synchrontanz, einer Hawaiigitarre und vieler anderer guter Einfälle biss man auf Granit; die Menschen verstanden nicht; die Menschen waren zu dumm. Es schien alles verloren. Es war alles aus.

Doch da! Plötzlich wie aus heiterem Himmel ein Silberstreif am Horizont. Die Deus ex machina war niemand anderes als Peaches höchstpersönlich. Sie holte das verkannte Talent aus Toronto nach Berlin, in die Stadt der aufregenden Musik. Darum, wie sie eigentlich zu Kitty-Yo und so nach Berlin geraten ist, ranken sich die wüstesten Gerüchte. Eins der glaubhaftesten ist, dass Labelchef Patrick Wagner auf einer seiner ausgedehnten Kanada-Safaris an einem verschneiten Gasthof haltmachen musste, um sein weißes Pferd zu tränken. Als er eintrat, stellte sich heraus, dass der Gasthof eine Striptease-Bar war, in der zufällig gerade Peaches tanzte. Gerade als Peaches einen sehr sexuellen Spagat auf der Theke ausführte, deutete der Reisende auf eine große Schnapsflasche im Regal hinter ihr und sagte: "Die will ich haben", so dass alle dachten ... Ach, das ist doch wirklich Quatsch. Jedenfalls war Taylor Savvy schon in Kanada mit Peaches befreundet, genau wie mit Chilly Gonzales. Als Peaches gerade zum ersten Mal in Deutschland auf Tour war, rief sie Taylor an und sagte: "Hey Taylor, die Leute hier sind toll! Sie verstehen mich. Sie lieben mich. Sie werden dich auch lieben. Komm her und mach mit!" Taylor kam, und nach den ersten umjubelten Konzerten mit Peaches schlugen die ewig wachsamen Kitty-Yos zu. Zack! Paff!

Narzissmus: Der kleine Bruder des Grössenwahns

Und wie fühlt man sich am Vorabend der großen Bescherung: dem ersten echten eigenen Album? "Es ist wirklich fantastisch, endlich das ganze Zeug veröffentlichen zu können, das ich in den letzten Jahren produziert habe. Und Kitty-Yo ist wirklich die beste Plattform für meine Musik. Es sind alles sehr nette Typen, mit denen es Spaß macht, zu arbeiten. Und musikalisch fühle ich mich auch verdammt wohl; nicht nur wegen meiner Freunde Peaches und Gonzales, sondern auch wegen anderer Künstler, zum Beispiel Jeans Team. Vielleicht werden sich einige Leute schon allein wegen des Labels für mein Album interessieren. Und überhaupt, glaube ich, ist hier in Berlin die Aufnahmebereitschaft für meine Arbeit sehr groß. Es ist ein sehr cooles Umfeld."

Die Begeisterung dieses fröhlichen Rennhundes für seinen neuen Stall (oder wo immer man Rennhunde hält) macht auch vor dem anderen großen Kitty-Yo-Newcomer Maximilian Hecker nicht halt, und obwohl mehr traditionelles Songwriting nun wirklich nicht geht, bestritten er und Taylor Savvy schon mehr als ein Konzert gemeinsam. Kommunikation ist wichtiger als die Reinheit des Programms.

Die Quelle für die ganze benötigte positive Energie ist allerdings nicht, wie bei Bernd Langer, Gott, sondern eindeutig eine voll und ganz erwiderte Liebe zu sich selbst. "Ich meine, jeder meint, er wäre der größte", sagt Savvy, als er über den Motor seiner Produktivität redet. "Ich glaube, der Hauptgrund, warum man selbst anfängt, Musik zu machen, ist der, dass man glaubt, man kann es besser als andere Leute. Ich rede nicht so sehr von Bands, die man immer schon scheiße fand, sondern mehr von Musikern, von denen man dachte, mit Recht mehr erwarten zu dürfen. Busta Rhymes zum Beispiel: Bei der ersten Platte dachte ich: 'Wow, der Typ hat's drauf. Er will wirklich was loswerden, er hat einen Einfall nach dem anderen.' Bei der zweiten denkt man das gleiche in abgeschwächter Version. Und bei der dritten hat man dann das Gefühl, dass er nur noch verwaltet, was er vorher erarbeitet hat, dass es künstlerisch um nichts mehr geht. Und dann werde ich sauer und mache selbst Musik, die mir den Kick gibt, den Busta Rhymes mir hätte geben sollen. Ich nenne das kreative Enttäuschung. Das Ganze ist also auch sehr reaktiv. Es hat nichts mit dem romantischen Künstler zu tun, der irgendwo sitzt und seinen Schmerz oder sonstwas fühlt und ihn dann in Töne und Worte kleidet. Es ist mehr die Vorstellung von mir selbst als Filter, durch den die ganze aktuelle Musik läuft. Am Schluss kommt die Platte heraus, von der ich denke, dass es sie hätte geben sollen."

Wie? Narzissmus ist der kleine Bruder des Größenwahns? So kann man das durch die Brille der Sklavenmoral natürlich sehen. Wer aber schon mal einen bescheidenen Musiker interviewt hat, weiß, dass das keinen Spaß macht. Ich sage daher: Wir brauchen solche Leute - gerade jetzt, wo Jürgen Höller pleite ist.