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Tarifforderungen: Der Fan muss zahlen

Teuer, teurer, GEMA

Alle Welt fürchtet sich vor der Krise. Nur einer weiß, wie man an frisches Geld kommt: Die GEMA.
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Alle Welt fürchtet sich vor der Krise. Nur einer weiß, wie man an frisches Geld kommt: Die GEMA. Das Inkassounternehmen der Komponisten und Autoren fechtet nicht nur mit YouTube ein Sträußchen aus. Auch die Festival- und Konzertbranche sieht sich mit geharnischten Tarifforderungen konfrontiert. Hinter den Kulissen tobt ein erbitterter Streit. Bezahlen muss es am Ende der kleine Fan im Bühnengraben: Die Ticketpreise könnten in die Höhe schießen.

"Die GEMA ist schlimmer als die GEZ", so bringt ein namentlich nicht genannt werden wollender Festivalveranstalter seinen Unmut auf den Punkt. Denn die GEMA will mehr. Mehr von allem und vor allem von Konzertveranstaltern.

Die "Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte" will künftig stärker am Live-Geschäft mitverdienen. Daher hat man sich an eine Umformulierung des Kleingedruckten gemacht. Und so verlangt die GEMA von Veranstaltungen mit über 15.000 Besuchern neuerdings erstmals fünf Prozent der Bruttoeinnahmen. Auch von den Erlösen aus Vorverkaufsgebühren und Sponsoringeinnahmen möchte man gerne etwas abhaben. Das ist erst der Anfang: Bis 2014 hätte die GEMA dann gerne bis zu zehn Prozent der Einnahmen.

Angesichts der Höhe dieser Forderungen war der Protest der beiden maßgeblichen Standesvertretungen der Konzertbranche, IDKV und VDKD, vorprogrammiert. Für sie ist das Ansinnen der GEMA einfach nur "Wucher". Das sieht GEMA-Sprecherin Bettina Müller natürlich anders. "Die Erhöhung ist sehr moderat. Wir haben die Tarife über einen Zeitraum von sechs Jahren gestaffelt." Die Kritik der Konzertverbände weist Müller zurück. "Den Vorwurf des Wuchers halten wir für nicht gerechtfertigt." Im europäischen Vergleich seien die neuen Tarife doch preisgünstig - Frankreich: zehn Prozent, Niederlande: sieben Prozent. Im Pop-Mutterland England indes beläuft sich der Regelsatz der zuständigen Verwertungsgesellschaft PRS auf drei Prozent - und dies auch nur bezogen auf Einnahmen aus Kartenverkäufen.
Eher nüchtern kommentiert der Konzertveranstalter Karsten Jahnke, der zugleich stellvertretender Präsident des Verbandes der deutschen Konzertdirektionen ist, die Forderungen. Für ihn ist es "im Prinzip natürlich legitim, über Preiserhöhungen zu diskutieren. Nur läuft der bisher gültige Vertrag ja gerade einmal drei Jahre." Gerd Hanke, kaufmännischer Leiter beim Veranstalter FKP Scorpio (u. a. Hurricane, Area 4, Highfield, M'Era Luna), bewertet die Tariferhöhung skeptisch. "Die wirtschaftlichen Konsequenzen für den Veranstalter sind nicht absehbar." Teuer werde es aber auf jeden Fall. "Und das kommt irgendwann auch beim Konzertbesucher an." Das sieht Stefan Reichmann vom Haldern Pop ähnlich: "Die Erhöhung der Tarife hätte die Konsequenz, dass wir die Eintrittspreise erhöhen müssten. Das bedeutet gleichzeitig, dass die Veranstaltung nicht mehr für jeden erschwinglich wäre."

Auf der nächsten Seite: Was die GEMA mit dem Geld macht...

Die GEMA weist die Schuld von sich. Man reagiere nur - auf die ausdrücklichen Wünsche der Künstler. Denn die sähen es nicht ein, dass der Konzertveranstalter Sponsorengelder einstreiche und die Künstler zu unfreiwilligen Werbeträgern mache, indem er sie unter Werbebannern auftreten lasse. Mehr Geld sei da nur gerecht, sagt die GEMA: "Unsere Mitglieder haben vehement eingefordert, dass wir Anpassungen vornehmen. Die Urheber der künstlerischen Leistung verstehen es nicht, warum sie in Deutschland so schlecht für Konzerte vergütet werden." Reichmann hält dagegen: "Die GEMA trägt die Kunst wie ein Schutzschild vor sich her und behauptet, sie täte das nur für die Künstler. Aber da kommt das Geld im Endeffekt nicht an!"

Was die GEMA mit dem Geld macht, ist seit Jahr und Tag unter Kritik. Die Ausschüttungen an die Künstler richten sich nach einem Verteilungsschlüssel, der erstens kompliziert und zweitens delikat ist. Er regelt, wie viel - oder besser gesagt, wie wenig - die jeweiligen Autoren und Komponisten von den von den Veranstaltern tatsächlich gezahlten GEMA-Gebühren erhalten. Ein Beispiel: Ein Singer/Songwriter spielt zwölf Konzerte im Jahr. Die Veranstalter seiner Konzerte zahlen für seine Shows insgesamt 3.600 Euro an die GEMA - die 972 Euro an den Künstler ausschüttet, gerade einmal 27 Prozent. Bekanntere Künstler haben es besser: Wer zwölf Konzerte im Monat spielt und auf Tournee die zwölf verschiedenen Regionen der bundesweit zehn Bezirksdirektionen der GEMA bespielt, darf mit 50.200 Euro rechnen - obwohl die Veranstalter nur 43.200 Euro Tantiemen gezahlt haben.

Selbst der Musikverleger Walter Holzbaur von Wintrup Musik (u. a. Wir sind Helden, Bernd Begemann, Blackmail) weiß um diesen Misstand, auch wenn er "als Verleger im Endeffekt damit zufrieden sein kann, weil ich eine breite Palette von alten, neuen und sonstigen Titeln habe. Aber die jungen Urheber können damit hinten und vorne nicht glücklich sein." Denn es steht durchaus mehr zu befürchten, als dass Konzerttickets teurer werden als ohnehin schon: Ambitionierte Veranstaltungen, die auf unbekannte, junge, vielleicht sogar avantgardistische Künstler setzen, könnten finanziell so risikoreich werden, dass sie gar nicht erst stattfinden.