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»Die Angst muss draußen bleiben«

Talisco im Gespräch

Jérôme Amandi alias Talisco hatte schon mit seinem Debüt »Run« und der Radiosingle »Your Wish« einen guten Start hingelegt. Nach zwei »verrückten Wanderjahren«, wie er es nennt, erscheint nun mit »Capitol Vision« groß klingender Pop, der gerne Haken schlägt. Daniel Koch sprach mit Talisco über dessen angeschlagene Heimatstadt Paris, Musik als Eskapismus und das gar nicht mal so harte Leben eines Künstlers.
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Ein regnerischer Novemberabend in Paris. Auf dem Boulevard de Rochechouart in der Nähe des Place Pigalle warten Hunderte Fans vor dem La Cigale, einem alten Theater, das seit 1887 existiert. Talisco wird hier sein neues Album vorstellen, rund drei Monate vor der regulären Veröffentlichung. Das Konzert ist zugleich Testlauf und Verneigung vor seiner Heimatstadt, die ihn jedes Mal feiert, wenn er ein Heimspiel gibt. »La Cigale ist ein wunderschöner Ort. So ziemlich jeder Künstler will hier spielen. Man spürt die Geschichte, die Seele dieses Gebäudes«, schwärmt er später.
Wer bei Talisco einen typischen Songwriter erwartet, der sich mit Gitarre und unscheinbarer Band an der Seite durch den Abend klampft, der hat seine Hausaufgaben nicht gemacht. Im La Cigale ist er in dieser Nacht ein großer Sänger, ein mal verbissener, mal strahlend lachender Entertainer, dessen Songs manchmal sogar mit zwei Drummern im Rücken aufbereitet werden. Seine zwei Mitmusiker sind Allrounder wie er und können ebenso Gitarre spielen wie Bass und Keyboards. Die bekannten Hits »The Keys« und »Run« in der Zugabe treiben das Theater vollends in Ekstase, aber auch die schon bekannten neuen Singles »Stay (Before The Pictures Fade)« und »A Kiss From L.A.« sorgen für Coldplay’eskes Mitsingen und -klatschen.
Beim Gespräch in Berlin ist Talisco dann ganz bei sich und seinem Schaffen. Während er zum Debüt noch oft mit einem Dolmetscher arbeitete, gibt er die Interviews nun ganz locker in französisch-weichem Englisch-Singsang. Im Rausch einer mehrtägigen Promotiontour ist er ein wenig müde, aber kaum zählt er seine langen Nächte in diversen Städten auf, lacht er und sagt: »Ich habe schon ein hartes Leben.« Es kommt nicht von ungefähr, dass Talisco seine Karriere mit großer Dankbarkeit betrachtet. Zwar macht er Musik, seit er elf ist, beschloss aber mit Anfang 20, die Vernunft siegen zu lassen und zehn Jahre lang im Bereich Marketing und Kommunikation zu arbeiten. »Im Rückblick war das ein guter Weg. Ich bereue nichts. Zwar habe ich normale und bisweilen langweilige Jobs gehabt. Aber genau deshalb weiß ich mein jetziges Leben zu schätzen und bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich von meiner Musik leben kann. Und ich bin an einem Punkt, an dem ich mit mir selbst im Reinen bin. Ich weiß, was ich will. Ich weiß, was ich kann. Ich weiß, dass mir meine Musik heilig ist. Da wird mir nie jemand reinreden. Das wäre sicher anders, wenn ich gleich mit Anfang 20 losgelegt hätte.«

So verwundert es nicht, dass man von Talisco keine Klagen über lange Tourneen auf der ganzen Welt hört. Im Gegenteil: »Die letzten zwei Jahre waren verrückt. Einfach nur verrückt. Ich habe so viele spannende Orte gesehen, tolle Menschen kennengelernt, mich auf seltsamen Wüstenpartys wiedergefunden und eine Weile in L.A. gelebt. Diese Euphorie wollte ich teilen, deshalb war für mich klar: Mein zweites Album wird 100% Talisco sein. Die Songs sollen ausdrücken, wie ich diese Jahre empfunden habe.« Auf »Capitol Vision« ist aber auch nicht alles eitel Sonnenschein. Das beginnt schon beim Opener »A Kiss From L.A.«. Es ist zwar eine hymnische Popsingle, die sich gut im Radio macht, aber nicht von blinder L.A.-Abfeierei kündet, sondern – ausgerechnet – von Ruhe und Einkehr. »L.A. ist ein Klischee. Aber ich liebe es dort, also fuck it! Ich lebe die meiste Zeit in Paris. Dort ist es voll und eng. Ich liebe diese Stadt, aber manchmal ist sie anstrengend. L.A. hingegen ist riesig. Dort kam ich zur Ruhe und konnte frei atmen. Manchmal habe ich mir einen Kaffee gekauft und bin stundenlang durch die Straßen und am Strand spazieren gegangen.« Ein Schlüsselmoment auf der Platte ist für Talisco die Ballade »Before The Dawn«, die er ebenfalls in L.A. geschrieben hat. »Eines Tages rief meine Mutter an, um mir zu sagen, dass mein Onkel gestorben sei. Er hat mich damals dazu ermuntert, Musiker zu werden. Wir waren uns sehr nahe. Deshalb schmerzte es besonders, dass ich ihm nicht beistehen konnte, weil ich am anderen Ende der Welt war.« 
In Momenten wie diesen flüchtet Talisco sich in die Musik. Er stürzt sich in intensive Arbeitsphasen, in denen er sich ganz von seiner Intuition leiten lässt. Dabei schreibt er alles alleine und spielt auch die meisten Instrumente selbst ein. »Ich brauche selten länger als drei oder vier Stunden für einen Song. Wenn ich dann nicht zufrieden bin oder er zu sehr nach einem anderen Künstler klingt, schmeiß ich ihn in den Müll. Ich bin da eher extrem. Für mich gibt es nur Einsen oder Nullen. Sobald ich denke: ›Schon ganz gut, aber hier müsste die Melodie ein wenig anders‹, lasse ich es. Ich will authentisch sein – das geht nur auf diese Weise.« 

Zurück in Paris. Die letzten Applauswellen sind verklungen. Talisco und sein Team laden zur Aftershowparty in die Bar à Bulles in der Nähe des Moulin Rouge ein. Während man auf dem Weg dahin an Touristen und Prostituierten vorbei dem Boulevard de Clichy folgt, kann man sich trotz allem nicht dagegen wehren, an die Anschläge vom 13. November 2015 zu denken. Und hier fällt auf, was trotz all der Selbstreflexion der letzten Jahre in Taliscos Musik nicht zu finden ist: genau dieses Thema.
Präsent ist es natürlich trotzdem. »Ich wohne unweit vom Bataclan und war an diesem Abend zu Hause«, erinnert sich Talisco anfangs eher widerwillig. »Ein Freund von mir starb an dem Abend. Die Tage danach waren schrecklich. Paris war wie tot. Unter Schock. Seitdem schleppen wir alle diese Angst mit uns rum. Aber wir zeigen sie nicht. Nur manchmal spürt man sie, wenn zum Beispiel jemand in der Metro plötzlich zu weinen beginnt. Ich selbst verdränge diese Gedanken. Wie soll man das alles auch verstehen?« Dieses Trauma hat in seiner Musik nichts zu suchen. Und wer sollte es ihm verübeln? »Musik ist für mich Weltflucht. Meine Fantasiewelt. Ein positiver Ort, auch wenn ich dort mal melancholische Gedanken verarbeite. Aber Angst und Wut müssen draußen bleiben, sonst würde ich mir diese Welt vergiften.«

Talisco

Capitol Vision

Release: 27.01.2017

℗ 2017 Roy Music, under exclusive license to Virgin Records, a division of Universal Music GmbH