×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Das schwarze Microsoft

Talib Kweli

"You can't please everybody!". So beginnt das neue Album des Rap-Poeten Talib Kweli. Als ob er das vorhätte! Martin Riemann traf ihn in Berlin zum Gespräch.
Geschrieben am
Talib Kweli gestaltet sich die Promo-Arbeit so angenehm wie möglich. Wenn er schon seine Zeit mit Interviews verplempern muss, dann wenigstens im nobelsten Hotel am Potsdamer Platz. Kwelis offensichtliche Abneigung gegenüber ausgedehnten Pressegesprächen, die dazu führt, dass verschiedene Journalisten sich die Gesprächszeit teilen müssen, sorgt für Unbill in der Interview-Suite des Ritz Carlton. Ein TV-Moderator sieht einen eklatanten Widerspruch zwischen Kwelis mangelndem Schoßhundverhalten gegenüber der Presse und seinem angeblichen Image als Conscious-Rapper, also als Rapper, der sich nicht ausschließlich für Waffen, Sex und Geld interessiert - denn ein solcher hat gefälligst lieb zu sein!

Als der Künstler dann die Suite betritt, riecht seine makellose Kleidung angenehm nach frischem Gras. Hungrig greift er zum Telefon: "Ich hätte gerne den Salat mit Croutons und Parmesan, aber ohne das gegrillte Gemüse. Nein, keinen Cesars Salad, die Salatherzen. Und könnte ich noch die Käseauswahl haben? Und den Früchteteller? Ach, und könnten Sie mir noch einen Hummer zum Salat servieren? Und noch einen Eimer mit Eiswürfeln, bitte! Danke, Sir."

Lustig, wie er den Hummer so nebenbei nachschiebt. Vielleicht spürt er, dass es hierzulande Conscious-Rappern streng verboten ist, lebende Tiere in kochendes Wasser schmeißen zu lassen. Dabei macht Kweli auch auf dem neuen Album 'Ear Drum' deutlich, dass er mit aufoktroyierten Vehikeln wie Consciousness genauso wenig am Hut hat wie mit Gangstarap. Sein Ansatz ist eher eigennützig, eher poetischer als politischer Natur. Vielleicht beginnt sein neues Album deshalb mit den achselzuckenden Worten: "You can't please everybody!" "Die Natur eines Künstlers ist zunächst der Wunsch, allen zu gefallen", antwortet Kweli, während er in seinem Tee rührt, "aber ab einem gewissen Stadium muss man sich von dieser Haltung trennen. Sonst sollte man besser Politiker werden und kein Künstler. Du darfst deinem Publikum niemals erlauben, dir zu diktieren, was du als Nächstes machst."

Kweli ist sein Publikum allerdings nicht egal. Deutlichstes Zeichen: Zuletzt veröffentlichte er 'Liberation', seine gelungene Zusammenarbeit mit Madlib, gratis über das Internet: "Je mehr das Internet ein Teil unseres Lebens wird, umso besser für mich. Was die traditionellen Mechanismen der Musikindustrie angeht - diese Leute agieren wie Hühner, denen man den Kopf abgeschnitten hat. Und das ist gut für mich. In dem Maße, wie es durch die Verbreitung des Internets mit dem Musikbiz abwärts geht, geht es mit meiner Karriere aufwärts."
Zum Schluss noch etwas conscious-gespeiste Politik. Ob er denn HipHop noch immer als das einst von Chuck D ausgerufene Black CNN begreife? "HipHop ist längst mehr als das. Er ist eher ... Black Microsoft!" Und Jean Grae, seine Ko-Rapperin für den Auftritt am Abend in der Maria, fügt grinsend hinzu: "Yeah, Blackrosoft!"