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Tacheles ist das Motto

Mia.

Um dem Tunnelblick zu entkommen, haben Mia. sich für ihr neues Album vier Jahre Zeit gelassen. »Tacheles« rüttelt offensiv am glatten Electro-Pop der Berliner, büßt aber nichts vom Harmoniegefühl der Band ein. Es haben sich noch alle lieb, stellt Verena Reygers fest.
Geschrieben am

Manche Leute muss man zu ihrem Auszeitglück zwingen. Mia.-Sängerin Mieze Katz etwa. Als sich ihre Bandkollegen nach dem letzten Album »Willkommen im Club« im Jahr 2009 zu einer Pause entschlossen, war die Frontfrau alles andere als begeistert. »Ich habe das gar nicht eingesehen. Ich dachte ständig: ›Oh Gott, eine Pause, wie soll das denn aussehen? Auch keine Proben?‹« Nein, auch keine Proben. Mieze ging dann auf Reisen – ein paar Wochen in New York, ein Sommer in Ontario –, aber immer mit Zettel und Stift bewaffnet, um Songideen einzufangen. Diese blitzen nun auf »Tacheles« an allen Ecken und Enden auf. Wie im Song »Die Frau«, in dem Mieze über jenen Sommer in Kanada und die erotische Begegnung mit einer Frau singt.

Im Rückblick zeigt sich Mieze einsichtig. Mal keine Proben gehabt zu haben sei durchaus sinnvoll gewesen: »So viele Jahre Musik zu machen führt schon zu einer Art Tunnelblick.« Zumal, wenn man wie Mia. zuvor seit 2002 im Zwei-Jahres-Rhythmus die Welt beschallt hatte. Anfangs noch mit sehr lautem Electropunk, später mit zahmerem, gefühligem Pop.

Die letzten vier Jahre haben bei den Berlinern nun zu einem entspannteren Umgang mit sich selbst geführt. »Tacheles« folgt dem Motto »Alles muss raus« im Sinne von »nichts drin lassen, alles rausholen, alle Befindlichkeiten«, erläutert Schlagzeuger Gunnar Spies. »Wenn du nach so einer Pause wieder anfängst, Musik zu machen, weißt du viel besser, was du willst und was du nicht willst.« Und Mieze Katz ergänzt: »Tacheles selbst ist das Motto.«Tanz der Entpolitisierung

Mia. interessieren sich nicht mehr für den politisierten Krawall ihrer Anfangstage. Das hat sich schon auf ihrer letzten Platte »Willkommen im Club« abgezeichnet. Im Studio hing damals als Handlungsanweisung ein Zettel mit den Worten »Tanzende Jungs«. Erinnern sollte der Hinweis daran, dass der Rhythmus die Musik macht. Zusammen mit den Texten natürlich.

Diese knüpfte Mieze Katz damals schon näher bei der Band an. Sie ging auf Distanz zu den großen gesellschaftlichen Themen und arbeitete sich inhaltlich an der Familie, dem Freundeskreis oder den Fans ab. Dass viele Kritiker Mia. daraufhin in der gefühligen Schlagerpop-Ecke von Bands wie Rosenstolz oder Klee verorteten, griff zu kurz.

Die Mia.-Texte rufen auch auf dem neuen Album vordergründig die großen Gefühle auf. Aber sie widmen sich häufiger den dunklen Tiefen statt den glitzernden Happy Endings. »Ich will jetzt nur nicht allein sein / Auch wenn ich weiß, dass es wahr ist, es soll nicht so sein«, singt Mieze auf »Rien Ne Va Plus« mit erschöpfter Stimme und klingt dabei trotzig und resigniert zugleich. Im Hintergrund stolpern die Drums zur düster kreisenden Monotonie der Synthies.

Für eine Band, die stets im Konfettiregen zu tanzen schien, flimmert dieses Album in ungewohnt dunklen Nuancen. Es scheint beständiger als je zuvor den Notausgang aus diesem Leben zu suchen. Doch gerade dieses Düstere birgt erhellendes Potenzial in sich, das die Verbindung zu den harmonischeren Alben von früher herstellt: »Je schwärzer die Dunkelheit, desto heller brennt mein Licht«, heißt es im Song »Aufruhr«. Ein Gegensatzpaar, das Mieze Katz im Interview nur konsequent erscheint: »So ist doch das Leben, so funktionieren Emotionen: Hochs und Tiefs, Tag und Nacht, Licht und Schatten, schnell und langsam, Mann und Frau, Ja und Nein. Es gibt die Tiefgründigkeit nach unten, und es gibt sie auch nach oben. Nicht nur Melancholie hat Tiefgang, auch Freude hat sie – und wenn jemand Gegensätze vereint, dann sind wir das.« Die aufgerauten Oberflächlichkeiten sieht die Sängerin auch in ihrem persönlichen Lebensgefühl bestätigt: »Angeraut, aufgeraut, auch sensibel und konfrontativ.«Gerne mal tiefstapeln

»Es war klar, dass wir kein ›höher, schneller, weiter‹ wollen«, sagt Schlagzeuger Gunnar Spies. »Dass wir uns in einem Sound am wohlsten fühlen, in dem nicht alles stimmt, der nicht perfekt ist«.

»Nicht perfekt« meint: Auf »Tacheles« holpert der Beat. Mal ruckelt und zuckt er oder lässt sich von Andy Penns aufbrausenden Gitarrenriffs gegen die Wand drängen. Die jubilierenden Chöre, mit denen man Mia. immer tausend Meter gegen den Wind erhören konnte, erklingen auf »Tacheles« nur bescheiden im Hintergrund. Früher, da begleitete Mia. ein stetes »Huhuhuu«, um die Leere zu füllen. Nun lässt man ihr einfach Raum. Das entspringt nicht dem Zufall: Die Band und ihr Produzent, das heimliche fünfte Mitglied NHOAH, hatten dieses Mal den bewussten Wunsch nach Reduktion. Ihr Plan war, erzählt Mieze Katz, »wirklich jede Tonspur und jedes Instrument zu hinterfragen, ob es wirklich diese Masse braucht«.

Anders als bisher schrieb die Band die Songs auch nicht an ihren Instrumenten, sondern am Computer. »Jammen am Rechner«, wie Gunnar Spies sagt. Ansonsten galt »never change a winning team«: Management, Videoregisseur, Produzent, alles gleich geblieben. Nur Gitarrist und Keyboarder Ingo Puls ist vergangenes Jahr aus dem trauten Kollektiv ausgestiegen. Man habe sich einfach für verschiedene Wege entschieden, heißt es von der Band. Mehr muss man wahrscheinlich auch nicht wissen, denn was diese Band ansonsten beständig zusammenhält, bringt Schlagzeuger Gunnar Spies noch mal auf den Punkt: »Wenn wir untereinander funktionieren, dann funktioniert es.« Das tut es; nach der Pause so gut wie vorher.Erotische Begegnung

Auf die Frage, ob »Die Frau« eine lesbische Erfahrung thematisiere, erklärt Mieze Katz: »Ich will es mit den Worten eines Freundes sagen, ich liebe nicht Männer und Frauen, ich liebe Menschen.« Bassist Bob Schütze ergänzt das im Interview noch mit den Worten: »Als Mieze mit dem Text zu uns kam, war uns eigentlich klar, was sie mit dem Song sagt, ohne dass jetzt einer von uns gefragt hätte, ach, erzähl doch mal, wie sah die aus, wie hieß die, gibt es Bilder.«

Politisierter Krawall

Mit der Single »Was es ist« irritierten Mia. 2004: Ihre Liebeserklärung an Deutschland wurde als rechter Nationalismus gewertet. Nicht überraschend bei Textzeilen wie diesen: »Ein Schluck vom schwarzen Kaffee macht mich wach / Dein roter Mund berührt mich sacht / In diesem Augenblick, es klickt, geht die gelbe Sonne auf / Es ist, was es ist, sagt die Liebe / Was es ist, fragt der Verstand / Wohin es geht, das woll’n wir wissen / Und betreten neues, deutsches Land.« Es hagelte Eier und Kritik auf die Band, die von sich sagt, es gehe ihr doch immer in erster Linie ums Musikmachen.