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Musik für komplizierte Menschen

Sylvan Esso im Gespräch

Sylvan Esso servieren auf ihrem zweiten Album knarzende Synthie-Songs und heilsbringende Pop-Hymnen für verkopfte Menschen. Die Songs wirken wie ein richtig guter Gin auf Eis – mit einem Spritzer Grapefruit-Saft. Warum das so ist und warum »What Now« nicht im Winter entstanden ist, erklären sie Hannah Bahl in London.
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Gut gelaunt und leicht verkatert amüsieren sich Amelia Math und Nick Durham im sehr schicken Londoner The Langham Hotel darüber, dass sie ausgerechnet hier gelandet sind: mitten in der City, wo eigentlich kein Mensch landet – unweit vom Oxford Circus. Wegen Umbauarbeiten am Salzwasserpool in ihrem ursprünglich angedachten Hotel hat man sie hier einquartiert, weil es im ewig teuren London ausgerechnet hier das günstigste Zimmer gab. So schleichen also Journalisten und Label-Mitarbeiter wie Aliens auf diesem Fünf-Sterne-Planeten an extrem eleganten Engländern vorbei, denen im Palmengarten-Tearoom die Servietten auf dem Schoß gefaltet werden. Ein surrealer Ort wie dieser, in dem zwei Welten aufeinanderprallen, passt allerdings perfekt zu diesem Interview, schließlich geht es im neuen Sylvan-Esso-Album viel um das Dazwischen.

»What Now«? Vor dieser Frage stand die Band aus Durham, North Carolina nach dem Erfolg ihres selbstbetitelten Debüts wie das Kaninchen vor der Schlange. Was macht man, nachdem man in der »Tonight Show« von Jimmy Fallon auf der Bühne gestanden hat? Wenn man sich für sein Debüt allerorts formidable Kritiken abgeholt hat? Wie geht es von hier aus weiter? Für Nick und Amelia gab es die Antwort erst mal nur in der Theorie. Nämlich der, dass man sich einfach mal ganz schnell konzentriert ein zweites Album schreibt, veröffentlicht und weitertourt. Wenn das bei anderen Bands so einfach funktioniert, muss das doch auch bei Sylvan Esso klappen. Doch in der Theorie ein guter Pilot zu sein hilft herzlich wenig, wenn man ein richtiges Flugzeug landen muss. Genau das war die Erfahrung der beiden, als sie sich mitten im verschneiten Winter in ein ländlich gelegenes Studio in Wisconsin einmieteten, um enthusiastisch in eine Schreibblockade zu rennen und schließlich festzustellen, dass sie eben anders sind als diese »anderen« Bands, die das können. Amelia erzählt lachend: »Wir saßen mitten im Nirgendwo, um perfekte Popsongs zu schreiben, und die nächste Bar war 25 Meilen entfernt. An dem Punkt hätten wir schon merken müssen, dass das nichts wird. Wir waren im wahrsten Sinne des Wortes mental eingefroren. Nichts ging mehr. Es war einfach furchtbar, und ich habe irgendwann nur noch geweint. Bis wir uns morgens um vier geeinigt haben, dass dieses Experiment gescheitert ist. Ab da wussten wir, dass wir uns einfach mal entspannen müssen, um die Musik zu schreiben, die sich in diesem Moment richtig anfühlt, statt irgendwelche Dinge zu konstruieren.«
Diesen Erkenntnismoment und die damit verbundene Freiheit spürt man auf dem gesamten Album. Wo das Debüt mit dem harmonischen Schlaflied »Come Down« endet, wird man auf »What Now« von einem quietschenden, nervigen Synthesizer geweckt, gegen den sich die Stimme von Amelia durchkämpft und immer wieder diese eine Frage stellt: »Who’s gonna write a song for you?« Sylvan Esso gehen auf »What Now« nie den geradlinigen Weg. Sie schlagen sich durchs Unterholz der Gefühle, um auf einer sonnigen Lichtung mit »Die Young« eines der schönsten Liebeslieder für Einzelkämpfer zu finden. Darin singt Amelia: »I had it all planned out, was gonna leave so swiftly. People would weep how tragic so early. I was gonna die young now I gonna wait for you hon. I was a firecracker baby with something to prove, now I’ve gotta content with the living blues.« Ist das nicht eine der ehrlichsten und schönsten Liebeserklärungen, die man seit Langem gehört hat?

Das Leben auszuhalten und es trotzdem zu genießen, darum geht es bei Sylvan Esso immer wieder. Die Dinge lassen sich eben selten ganz klar abgrenzen, wie Nick erklärt: »Es wäre uns eine Ehre, die Botschafter für die grauen Bereiche im Leben zu sein. Das Leben ist doch einfach viel zu kompliziert, als dass die Dinge immer schwarz-weiß sein können. Wir lieben das Graue und machen gerne Musik für komplizierte Menschen.« Dass die beiden immer wieder in Erklärungsnöte geraten, wenn sie ihre Meinung sagen oder die Bedeutung eines Songs erläutern sollen, haben sie schmerzlich an ihrem Hit »Hey Mami« erfahren. Der wurde als Anti-Catcalling-Song gefeiert, sollte aber genau dafür eigentlich nicht stehen, so Amelia: »Uns ging es immer um die Erfahrung selbst und nicht darum, ob diese gut oder schlecht ist. An manchen Tagen freut man sich vielleicht sogar heimlich, wenn einem jemand etwas hinterherruft.«

Dass das mit Wisconsin nicht funktionieren konnte, merkt man auch noch mal am Abend, als sie im hippen Shoreditch zum ersten Mal einige der Songs live in einer Bar spielen. Zu den komplizierten Dingen im Leben gehört eben ein guter Drink. Diese Erkenntnis hat Amelia und Nick in ihrer Heimatbar sogar einen nach ihnen benannten Cocktail beschert – was unweigerlich zur wichtigsten aller Interview-Fragen führt: Wenn dieses Album ein Drink wäre, welcher wäre es? Die Antwort darauf sollte man sich auf jeden Fall zum Hören bestellen und genießen: »Unser erstes Album war ein Gin mit ziemlich viel Zeug drin. Jetzt haben wir alles reduziert. ›What Now‹ ist einfach nur ein richtig guter Gin, mit einem einzigen Eiswürfel und einem Schuss Grapefruit-Saft, der für den leichten Geschmack sorgt.« Cheers, folks!

Sylvan Esso

What Now

Release: 28.04.2017

℗ 2017 Loma Vista Recordings., Distributed by Concord Music Group, Inc.