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Tag 1: Neue Bands am Flughafen

SXSW 2013 – Reisetagebuch

Vom 12. bis 17. März findet in Austin das South By Southwest Music Festival statt. Während der fünf Tage spielen dort mehr als tausend Bands, zumeist präsentiert von Marken, ihrem Schallplattenlabel oder der Booking-Agentur. Für Intro ist Thomas Venker vor Ort - oder versucht zumindest hinzukommen. Hier der erste Teil seines Reisetagebuchs.
Geschrieben am
Dienstag, 12. März 2012
 
9:19 Uhr– Nach einem filmreifen Sprint stehe ich endlich vor meinem Gate H 48 am Münchner Flughafen. Die gute Nachricht: Das Flugzeug steht noch da. Die schlechte: Man lässt mich trotz nicht mehr an Bord. Melt-Booking-Kollege Alexander Kralisch hat es eine Minute zuvor noch durch das Nadelöhr von United Airlines geschafft. Die Welt ist ungerecht, und so hebt die Maschine kurze Zeit später ohne mich ab.

10:14 Uhr – Der freundliche Bayer am Lufthansa Schalter versichert mir, dass mir das mit ihnen nicht passiert wäre. Was ist der nächste Flug nach Austin? Über Philadelphia soll es einige Stunden später nach Texas gehen, höre ich.
 
10:30 Uhr– Musik heilt alle Wunden. Ich höre mich durch meine SXSW-2013-Playlist. Coma fahren mit ihrem »Maybach«, einem schön fett kickenden Stück vom kommenden Album »In Technicolor«, nach Amerika. Oder ist das Stück doch eher ihrer Heimatstraße in Köln gewidmet? Die beiden Nachwuchs-Künstler von Kompakt Records schieben die Brust ganz schön weit raus: Der leicht vernuschelte Gesang schmiegt sich schön an die rumpelnden Beats. Da wäre man lieber im Club als am Münchner Flughafen, wo ich mittlerweile bin.



Genrewechsel: Thurston Moores neue Band Chelsea Light Movement huldigen den »Empires Of Time«. Sehr passend für jemanden, der gerade sechs Stunden seines Lebens eingebüßt hat. Die Stimme von Thurston Moore wirkt in bester Sonic-Youth-Tradition gepresst. Ich merke, dass sich eine Gänsehaut breitmacht. Aber nicht, dass die Reise endlich mal losgeht.



An »Husbands« von Savages, wie überhaupt am ganzen Album »Silence Yourself«, ist vieles sympathisch: der verhallte, kalte, an Industrial geschulte Sound, die eindringliche Stimme, die kein Zaudern kennt, die stetig die Konfrontation sucht. In einem dunklen Raum mit Strobo-Gewitter ist das sicherlich eine mitreißende Welle, wenn auch etwas redundant.



Da macht es Sinn, sich im Sound nicht sofort völlig umzuorientieren. »Butterfly, How Long It Takes To Die« vom neuen Album der Flaming Lips (»The Terror«) driftet durch ähnliche Sphären, deutlich droniger allerdings.



11:05 Uhr -Ich werde aufgerufen, sollte mich US Airways tatsächlich besser behandeln als United? An Bord freilich kehren schnell die Erinnerungen an eine Chicago-Reise mit Kollege Felix Scharlau zurück. Wir besuchten das Jubiläums-Festival von Touch & Go Records und mogelten uns damals, wie auch immer uns das gelungen ist, für ein »Kochen-Mit« ins Studio des großen Steve Albini. Ein Erlebnis für die Ewigkeit. Warum ich das alles schreibe? Weil ich nun schon mehr als sieben Stunden auf den Beinen bin und es gerade mal bis nach München geschafft habe. Das neue Nick-Cave-Album, das mich bis an Bord begleitet hat, klingt übrigens gar nicht so schlecht wie es die Liveperformance hat vermuten lassen, aber die übertrieben positiven Rezensionen der Kollegen der älteren Rock- und Poppresse lassen sich trotzdem nicht nachvollziehen. Die gleiche Stimmung, die gleiche Reise hat man von Cave schon mitreißender gehört. Dreckiger, abgründiger.

11:13 Uhr– Endlich am Platz und gleich eine Schlaftablette geworfen. Ich will ja voller Energie und gut ausgeschlafen in Austin ankommen. Eine Illusion wie sich 15 weitere Stunden später zeigen wird.



16:25 Uhr- US Airways sparen an Heizkosten. Das holt einen dank des körpereigenen Überlebensinstinkt selbst aus dem tiefsten Schlaf raus. Ich schaue »Hitchcock«, das Bio-Pic über den englischen Regisseur über die Produktion seines erfolgreichsten Films »Psycho«, den er gegen die Bedenken des Studios Paramount selbstfinanziert und lediglich mit einem Vertriebsdeal ausgestattet, gedreht hat. Scheinbar eine passende Wahl, gleich in der ersten Einstellung sieht man das Premierekino zu »North by Northwest« von außen. Lieblingsspruch aus dem Film: »Noch schlimmer als zum Zahnarzt zu gehen, ist nur ein Meeting mit der Zensurbehörde.«

16:58 Uhr – Ab jetzt gilt die Zeit der United States Of America.Es ist eine alte Tradition von mir, dass ich auf amerikanischen Flughäfen am liebsten HipHop höre – wobei in Philly im Angesicht der glorreichen Vergangenheit der Stadt am Rust Belt auch Soul und Disco eine schöne Reminiszenz wären. Der Autor hat aber leider nur ein iPhone und da passt zu wenig Musik drauf. Rappen dürfen Kendrick Lamar und A$AP Rocky, schließlich haben die beiden bislang meine bisherigen Lieblingsalben 2013 veröffentlicht: Lamar mit »good kid, m.A.A.d. city«, Rocky mit »Long.Live.A$AP«



18:50 Uhr – Noch zwei Stunden bis Austin. Ich höre den verlängerten Landungsanflug über Mitschnitte der in der Umgebung des Joshua Tree-National Parks stattgefundenen Auftritten der Drone-Noise-Band Earth und der Wüsten-Synthie-Band Survive. Musik wie gemacht für die nächtliche Kälte, für die Gefühlswallungen, die der Blick auf den dortigen Sternenhimmel in einem auslöst. Beide spielten dort auf Einladung des britisch-amerikanischen Magazins SUP im letzten Oktober auf einem kleinen Festival.
 


21:30 Uhr– Endlich gelandet. Unglaublich. Leider zu spät, um den Festivalpass noch abzuholen. Den gibt es nur bis 22 Uhr. Aber mal ganz ehrlich, heute wäre sowieso nichts mehr gegangen. Ich bin fertig!