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Brandung aus Fels

Swans live in Köln

Nach vier gewaltigen Alben und noch viel gewaltigeren Liveshows erklären Swans eine Ära für beendet. Im ausverkauften Gebäude 9 verabschieden Sie sich mit aller Macht von ihren Fans. Und die sich bereitwillig von ihrem Gehör. Ein Opfer für die große Liebe.
Geschrieben am
10.11.16, Köln, Gebäude 9  

Seit den Achtzigerjahren halten Swans eine der letzten großen Bastionen gegen das Schöne. Ihre Musik ist hässlich, aggressiv und irrsinnig laut. Seit der Neugründung zu Beginn des laufenden Jahrzehnts ist sie völlig aus dem Ruder gelaufen – und hat ihnen ihre größten Platten beschert. Diese Phase neigt sich nun dem Ende, denn Bandchef Michael Gira hat sich einen Reboot in den Kopf gesetzt. Und was der sich in den Kopf setzt, geschieht. Die Band wird sich auflösen und von ihrem Gründer als loses Projekt weitergeführt werden. Doch das ist Zukunftsmusik, solange die gegenwärtige Inkarnation noch auf Abschiedsreise ist. Heute gastiert der Wahnsinn in Köln, und den Dogmen der Musik steht eine ebenso fundamentale Erschütterung bevor wie dem Gemäuer des Gebäude 9.
 

Es bleibt wohnzimmerhell im Venue, als die verwitterten Noise-Veteranen auf der Bühne stehen. Minutenlang schwört Gira seine Band ein, auffordernd beugt er sich seinen Musikern entgegen und starrt ihnen in die Augen, während das Dröhnen stetig an Volumen gewinnt. Spiel lauter, oder ich stech’ dich ab! Aber nicht doch, das ist kein Vorspiel – wir sind schon im Dauerbetrieb. Schalldruck: Stufe Tunnelsprengung. Mit ihrer Spielweise spucken, nein, pissen Swans sämtlichen Manierismen der populären Musik ins Gesicht und schänden das Werk ihrer Ahnen. Dass harmonischere Passagen wie die vom jüngsten Album »The Glowing Man« in den Liveshows traditionsgemäß keine Rolle spielen, überrascht da nicht dir Spur. Für die letzte Reise wurden nur die größten Scheusale gesattelt.
 

Das Brummen eines Hornissenschwarms aus der akustischen Perspektive einer Blattlaus – Kristof Hahn macht es an seiner Steel-Gitarre erlebbar. Phil Puleo malträtiert die Drums mit ballistischer Sprengkraft, Chris Pravdicas Bass bombt sich in den Bühnenboden. Und da ist mit Keyboarder Paul Wallfisch ein neuer Mann im Geschwader, der für das Pervertieren des Klanges offenbar genauso viel übrig hat wie seine Kollegen. Mal stoisch, dann wieder wie im Wahn weiden Swans aus, was Harmonie hätte sein können, laufen Sturm gegen Erwartbarkeiten, begehen ein Gewaltverbrechen nach dem anderen an der landläufigen Klangästhetik, und man kann sich in diesem Moment keinen Live-Act vorstellen, den diese Band nicht ohne Besteck zum Frühstück verspeisen würde.
Den gesamten instrumentalen Input verkneten Swans zum unförmigen Lärmklumpen, den die Musiker bis an die Schmerzgrenze anschwellen lassen, genüsslich hin- und herwälzen, um ihn dann in orgiastischer Manier wieder zu zertrümmern. Die Wirkung kommt der eines Erdrutsches gleich, der unaufhaltsam gen Talsohle donnert und dabei alles mit sich reißt. Wann immer sich dabei ein rhythmisches Muster herauskristallisiert, geht ein impulsiver Ruck durch die Menge. Doch Headbangen ist für Anfänger – der Kenner wiegt seinen Körper in taumelnder Ekstase, hat damit aber wohl noch etliche Bewusstseinsstufen Rückstand zu Michael Gira, den das Erleben der eigenen Musik in lustvolle Zuckungen versetzt. Wenn das Tosen mal abebbt, bequemt er sich ans Mikro, intoniert wie weggetreten schamanische Gesänge – oder brabbelt einfach nur entrückt –, breitet die Arme aus und scheint mit seinen Händen ins Jenseits greifen zu wollen. Daraus hervor holt er dumpf grollende, markerschütternde Schallstöße, ein wahnhaftes Gehämmer, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Musik als Weltkrieg in vier Wänden.  

Und als der Lärm einem, ausgehend vom maroden Innenohr, in jeden einzelnen Knochen fährt, jede Darmwindung auszudrücken scheint wie eine Zahnpastatube, ist man plötzlich bereit, sie alle zu glauben, diese Geschichten, die man sich von dieser Band und ihren Konzerte erzählt. Ihn zu spüren, diesen sagenhaften spirituellen Kitzel. »Macht das Licht heller«, motzt Gira, diese so herrlich verdorben wirkende Person, als sich Intarsien der Erleuchtung im Lärm zu offenbaren scheinen. »Ich seh’ die Leute nicht!« Darauf ist er also aus, der ergraute Hohepriester der Kakophonien: seinem Publikum in die Gesichter zu sehen, während er sie mit seinen brachialen Kompositionen zugrunde richtet, bis nichts zurückbleibt als schweißgetränktes pulsierendes Fleisch. Kaum vorstellbar, dass Gira darauf nach dem Gefiederwechsel seiner Swans zu verzichten gewillt ist. Es wird laut bleiben. Das muss es.

Swans

The Glowing Man

Release: 17.06.2016

℗ 2016 Young God Records under exclusive license to Mute Artists Ltd.