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Zeit für große Gesten

Surf

06.07. - Berlin, Casino. Samstag abend, kurz vor Mitternacht im 750 Personen fassenden Casino. Nach ortsüblichem, aber dem Pop-Motto des Abends nicht gerade zuträglichem House-Gestampfe künden laut plätschernde Wassertropfen den Beginn des Konzerts an. Der Opener, Surfs 4/4-Takt-Version von White No
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06.07. - Berlin, Casino. Samstag abend, kurz vor Mitternacht im 750 Personen fassenden Casino. Nach ortsüblichem, aber dem Pop-Motto des Abends nicht gerade zuträglichem House-Gestampfe künden laut plätschernde Wassertropfen den Beginn des Konzerts an. Der Opener, Surfs 4/4-Takt-Version von White Noises "Firebird" wird von den Anwesenden euphorisch begrüßt, so lautstark es die allzu überschaubare Menge von sechzig Leuten zulässt. Der Berliner Clubschwärmer ist ein Gewohnheitstier, und ein um zehn Uhr veranschlagtes Konzert lässt ihn seine Stammdiskothek deshalb nicht früher aufsuchen. Florian Dietz, die schmalere Hälfte des Bruderpaars bei Surf, weiß daher klar einzuschätzen, wie sich das pünktliche Publikum zusammensetzt: "Guten Abend, liebe Gästelisten-Schmarotzer! Wir sind Surf und haben ein kleines Klickproblem, das an dieser Stelle behoben sein will. Das hebt die Spannung! Zum Glück könnt ihr jetzt alle nicht sagen, dass ihr euer Geld zurück wollt."

Eine Begrüßung, die den moderationsgeschulten Entertainer aus vergangenen Joe-Tabu-Tagen wieder aufblitzen lässt. Sympathisch, aber mit dem artifiziellen, sehr auf Style bedachten Endsiebziger-Konzept, das sich aus den vorangegangenen Surf-Konzerten (als Support von Berend, Paula und Soft Cell) ableiten ließ, nicht so recht vereinbar. Die Fülle an optischen Eindrücken, die sich in witzigen maritimen Outfits und dem Einsatz skurriler Instrumente (Gitarrenschlauch, Theremin) äußerte, und natürlich nicht zuletzt die stilsichere Fortführung des Pre-Pet-Shop-Boys-Elektro-Pop-Sounds à la Korgies bedurfte keiner Ansagen. An diesem Abend scheinen aber bestimmte Details verzichtbar geworden zu sein: Der neue Schlagzeuger verrichtet seinen Job in Privatklamotten, und beide Brüder haben ihre Hornbrillen zu Hause gelassen. Mögen die Umstände auch ein der Konzentration selten zuträgliches "Wir sind ja unter uns"-Gefühl begünstigt haben, fragt sich doch, weshalb die neue Besetzung die Situation nicht als eine Art Generalprobe begriff.

Die Sängerin Claudia Splitt (alias Miss Megatrance) darf hinsichtlich des Show-Aspekts als Bereicherung angesehen werden, wenngleich ihr ansprechender Tanzstil die hölzernen Bewegungen ihres Gesangspartners Achim Degen nur noch mehr zur Geltung bringt. Entsprechend steif geht es bei dem als Duett vorgetragenen Beach-Boys-Song "Long Promised Road" zu. Da hilft zum Schluss auch kein Küsschen und Händchenhalten. Dem "tiefen Tal der Balladen" (Joe Tabu) bald nicht mehr vertrauend, wird dann zur Hälfte des Konzertes mit "Surfin On Sound" und "Disco Underwater" die Hitmaschine angeworfen, und bei Miss Megatrances anschließendem Madonna-HipHop-Massaker-Medley scheinen sowohl Band als auch Publikum endlich warmgelaufen zu sein. Klarer Höhepunkt des Abends das sehr dem Original nachempfundene "Temporary Secretary" von Paul McCartney: supernervig, superklasse, seinerzeit (1980) völlig unverstanden und nun von Surf als Extended Version dargeboten. Bitte aufnehmen und bekannt machen. Zwei Stücke später ist Surfs einstündiger Einstand als Headliner dann auch schon vorbei, und die hauseigenen Casino-DJs bieten alle Kräfte auf, jegliches melodiöse Nachklingen zu unterbinden. Es fragt sich, warum Surf nicht den Kontext der stilverwandten Merricks anpeilen, sondern es sich auferlegt haben, partout auch im House-Umfeld zu reüssieren. Wahrscheinlich die alte Indie/Major-Frage ...