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Studentenrap? My Ass!

Kinderzimmer Productions live

Christian Steinbrink war beim letzten Konzert der HipHopper in Dortmund und sagt Tschüss und Danke.
Geschrieben am
26.04.08, Dortmund, Konzerthaus.

Mutig sind sie, die Verantwortlichen vom Pop-Abo des Dortmunder Konzerthauses. Denn auch wenn man als klassische Spielstätte in einer sozialdemokratisch geprägten Gegend wie dem Ruhrgebiet kaum umhin kommt, irgendwie nicht-elitäre Musik einzubinden, ist ein Klientel wie das hippiesk beseelter Beatfans sicherlich eines der am Schwersten mit den örtlichen Gegebenheiten zu Vereinbarenden. Die Parzelle Innenstadt vor dem Konzerthaus gleicht jedenfalls schon um 20 Uhr einem Festivalgelände, überall sitzen Grüppchen herum, Bierflaschen klirren und ein Jackett hat kaum jemand unter seine Dreadlock-Loden gezwängt. Trotzdem ist es ehrenwert und eine dankenswerte Entscheidung gewesen, Kinderzimmer Productions ein Angebot für einen einigermaßen angemessenen Live-Abschluss ihrer Karriere zu machen. Ein wenig feierlich wirkt die Stimmung der Wartenden jedenfalls, auch wenn Roter Stern-Buttons und No-Logo-Caps das nicht gerade in einem klassischen Sinn vermuten lassen.

Eigentlich sind Kinderzimmer Productions ja schon Geschichte, und dieser Umstand ist traurig genug. Besonders die Gründe, nach denen die Band trotz eines wieder wundervollen Albums namens 'Asphalt' im letzten Jahr weniger Verkäufe als zuvor verzeichnen konnte und Textor und Quasimodo außerdem den Eindruck gewannen, mit ihren Werten und Ideen im bundesdeutschen HipHop-Zirkus immer weiter marginalisiert und an den Rand gedrängt worden zu sein. Deprimierend, aber verständlich, vor allem angesichts des unterirdischen Zustandes von HipHop hierzulande.
Als sich nach allen Gongs der Publikumsbereich zu guten ¾ mit zum Teil weit angereisten Fans gefüllt hat und das Licht ausgeht, haben Kinderzimmer Productions beim Einlauf gleich die ersten Lacher auf ihrer Seite. Mit ihren fünf Livemusikern inszenieren sie einen Trauermarsch mit Tröten und Becken, alle haben schwarze T-Shirts an, so verwaschen wie die Klamotten, die sie über ein Jahrzehnt hinweg auf ihren meist etwas unscharfen Promofotos trugen. Das sich anschließende Set ist dagegen alles andere als nachlässig, denn mit diversen Tasteninstrumenten, Gitarre und Textors erstmals für ein Konzert mitgebrachtem Kontrabass haben die Ex-Ulmer ein Setup aufgebaut, das dem Anlass gerecht wird und doch nicht zur reinen Materialschau verkommt. Von einem Auftritt unplugged kann angesichts des sorglosen Einsatzes von E-Gitarren und -Bässen und des logischerweise nicht zu ersetzenden DJ-Equipments allerdings kaum die Rede sein, auch wenn Textor betont, dass man heute "zu 82% fußgängerzonentauglich" sei. Aber natürlich ist niemand da, der diesen Umstand kritisch anmerken will.

Kinderzimmer Productions spielen an diesem Abend wie erwartet ein Best-Of-Set, sentimental werden sie trotz des bedeutungsvollen Anlasses aber nur selten. Stattdessen machen sie noch einmal klar, was sie über Jahre hinweg vielleicht zur besten, sicher aber zur eigenständigsten Crew des Landes gemacht hat. Ihre Rhythmen sind kleinteilig und ausgefeilt wie immer, Textors Vortrag ein einziger Genuss und ihre Unplugged-Kniffe wie z.B. die Liveumsetzung von Vocal-Samples durch die wie Backgroundsängerinnen im Soul aufgebauten Bosum-Brüder ausgesucht lustig und wirkungsvoll. Das Publikum wird jedenfalls immer unruhiger und relativ bald hält es die ersten Heads nicht mehr auf ihren Sitzen, sie tanzen erst direkt davor, bald darauf auf den Gängen am Rand des Konzertsaales. Das ist vielleicht ein bisschen verrückt und irgendwie auch plump betont unangepasst, durch den deutlichen Enthusiasmus aber bestimmt 1000mal besser als jede aktuell im HipHop angemessene Coolness-Pose.

Zumal die Aufregung der Fans angesichts der hochfrequenten Höhepunkte in der Setliste nur allzu verständlich ist. Es sind so viele Songs, mit denen die Band über die Jahre hinweg mit unvergleichlicher sprachlicher Kreativität und immer beeindruckender Stilsicherheit Stellung bezog, oft auch gegen die eigenen Fans, was die ihnen aber nur als mutig und standhaft ausgelegt haben. Immer wieder reißen Publikum und sogar Ehrengäste und alte Weggefährten wie Ex-Spex-Redakteur Habba Hablizel die Arme hoch, brüllen, johlen und rappen die ärgsten Punchlines mit. Ein wahrhaft angemessener Rahmen für den Abschied einer so bedeutenden Band, auch wenn die Lautstärke über das ganze Konzert hinweg bedauerlich niedrig ist.

Kinderzimmer Productions genießen diesen Rahmen trotzdem zusehends. Eigentlich sind für den Abend 90 Minuten angesetzt, und bisher sind die Sets der Pop-Abo-Veranstaltungen zeitlich auch immer peinlich genau aufgegangen. Aber diesen Abend wollen weder Band noch Fans enden lassen. Erst nach mehreren Zugabenblöcken und über zwei Stunden kommen Textor und Quasimodo wie erwartet ein letztes Mal alleine auf die Bühne und beweisen vor der mittlerweile ausnahmslos stehenden und tanzenden Menge noch einmal ihre Old-School-Skills. Ein grandioses Finale, so einnehmend, dass ich ganz vergessen habe, welches Stück eigentlich das Allerletzte dieser großartigen Band gewesen ist.

Vielleicht wird in Zukunft ja mal eine angemessene Masse von HipHoppern die überragende Bedeutung dieser Band anzuerkennen wissen. Es wäre Kinderzimmer Productions zu gönnen. Aktuell ist es dafür leider zu spät. Aber zumindest gab es dieses Konzert, um noch mal richtig Tschüss sagen zu können. Und Danke.


Und was sagt das Forum? User phillesen zum Beispiel das hier: "Schon beim Einmarsch wurde klar, dass das ein großes, stilsicheres Finale wird."