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in Köln: Karriereherbst im Herbst

Stereolab live

Stereolab sind alt geworden, ihr Drummer sieht mittlerweile so aus, als ob er auch bei Status Quo reüssieren könnte. Ihre Musik selbst ist davon aber höchstens auf den ersten Blick betroffen, findet Christian Steinbrink.
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Hat jemals irgendjemand einmal darüber nachgedacht, dass eine Band wie Stereolab auch alt werden kann? Dass sie vielleicht sogar schon alt geworden ist? Eigentlich war ihr Stil immer zu avanciert und zeitlos, als das er von einer alten Band gemacht sein könnte. Aber der Gig in Köln macht klar: Stereolab sind alt geworden, ihr Drummer sieht mittlerweile so aus, als ob er auch bei Status Quo reüssieren könnte. Ihre Musik selbst ist davon aber höchstens auf den ersten Blick betroffen.

13.11.08, Köln, Stadtgarten


Spätestens als Laetitia Sadier mit Stirnrunzeln, diesem hinreißenden französischen Akzent und einem ein wenig verabscheuenden Blick "Oh, yes, fuck 'im, too" sagt, sind Stereolab wieder da, wo man sie lieben lernte, jung und frisch und mitten in den Neunzigern. Es geht um Nicolas Sarkozy, und Mrs. Sadier fühlt sich offensichtlich immer noch persönlich davon angegriffen, dass der Banlieue-Bomber mittlerweile ihr Präsident ist.

Ansonsten sind Stereolab aber die Feindbilder etwas abhanden gekommen, ihr Set ist solide und gut, entbehrt aber der Avanciertheit und Raffinesse, die ihre Konzerte noch vor wenigen Jahren hatten. Zumindest ein bisschen. Das liegt nicht in erster Linie an der Musik, sondern am Erscheinungsbild der Band: Abgesehen von Sadier wirken alle Mitglieder leicht behäbig und abwesend, Sadiers ehemaliger Ehemann und kreativer Konterpart Tim Gane hat sich mit seiner Gitarre mittlerweile weg aus dem Fokus neben das Schlagzeug verabschiedet, und die Sängerin selbst weiß scheinbar auch nicht so recht, was sie von dem für ihre Verhältnisse kleinen Publikum im Stadtgarten halten soll.

Video: Stereolab - "Cybele's Reverie"



Dementsprechend wirken die verhältnismäßig seltenen, früher aber für die Band charakteristischen wabernd-psychedelischen Passagen etwas verloren. Musikalisch funktionieren Stereolab an diesem Abend besonders gut, wenn sie Rock'n'Roll spielen, den smarten Rock'n'Roll der Sechziger mit seinem treibenden Groove, wie er auch auf ihrem aktuellen und sehr hübschen Album "Chemical Chords" relativ oft zu hören ist. Dann erreicht die Interaktion zwischen Band und ihrem mittlerweile erstaunlich alten Publikum die Sicherheit, die an vergangene Jahre erinnert. Es ist klar, dass hier und heute niemand mehr an Soundtheorie und Rockdekonstruktion, wie sie Stereolab früher zugeschrieben wurden, interessiert ist. Und Stereolab wollen in erster Linie ihre Show gelingen lassen, deshalb spielen sie das, was beim Publikum die größten Effekte erzielt.

Nur selten bricht die Band aus der Entsprechung tanzlustiger Erwartungshaltungen aus. Und zwar mit noisigen Feedbackausschweifungen, die vom Publikum zwar geduldet, aber nicht gefeiert werden. Es will schließlich lieber sexy und frankophil swingen wie in Rock'n'Roll-Tanzfilmen, nicht die Strategie von britischem Postrock der Neunziger erklärt bekommen. Ob dazu nun neue oder alte Songs herhalten, ist ihm völlig egal, Stereolab offensichtlich auch, sie bieten beides. Nach und nach finden alte Band und altes Publikum dann doch noch auf der Ebene zueinander, auf der sie sich vor etwa zehn Jahren auch schon trafen.
[usercomment=http://www.intro.de/forum/plink/2/1221394966/1226100977]Das einzige Mal wo ich die gesehen hab, das war zwei Tage nach dem 11.09.2001 und meine Stimmung war zu sehr im Keller, als das ich das Konzert irgendwie genießen konnte. Wär also an der Zeit, die Band nochmal in neutralem Rahmen zu begutachten.[/usercomment]
Die einen bekommen dadurch die Sicherheit, dass ihre Musik auch heute noch funktionieren kann, die anderen den Spaß durch das erhoffte Charisma, dass Stereolab und zuvorderst Sadier noch zu entfachen in der Lage sind. So lässt sich nicht genau entschlüsseln, wer am Ende, nach zwei Zugabenblöcken, wem nun mehr dankt. Und auch wenn dieser Auftritt zumindest zeitweise noch die Kraft der alten Tage entfachen konnte - die Vermutung, dass es irgendwann mit der großartigen Karriere Stereolabs zu Ende sein wird, ist erstmals ein Stück realistischer geworden.