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Singer In A Band (mit Interview)

Stephen Malkmus & The Jicks

Was soll eigentlich aus den ganzen Indierock-Helden der Neunziger werden? Die Zeiten, in denen sie jung und schön waren, sind vorbei. Und manche tuscheln hinter vorgehaltener Hand, der eine oder andere von ihnen bemühe sich jetzt verzweifelt um Anschluss an aktuelle Entwicklungen. Ganz oben sind jet
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Was soll eigentlich aus den ganzen Indierock-Helden der Neunziger werden? Die Zeiten, in denen sie jung und schön waren, sind vorbei. Und manche tuscheln hinter vorgehaltener Hand, der eine oder andere von ihnen bemühe sich jetzt verzweifelt um Anschluss an aktuelle Entwicklungen. Ganz oben sind jetzt Jüngere, und für die Dinosaurier heißt es, mit dem tristen Dasein als Semi-Legende zu altern, oder?

"Wir haben viel Zeit und Nerven investiert, damit das Album besonders wird, aber wer weiß, wie die Leute es aufnehmen? Im Endeffekt ist es nur eine weitere Platte." Na na, wer stapelt denn da so tief? Es ist Stephen Malkmus. Aber er hadert nicht mit seinem Schicksal, Ex-Role-Model zu sein, Frontmann der Lieblingsband fast aller, die Anfang der Neunziger auf Indie-Gitarren standen, denn er hat eine neue Heimat für die Zeit nach Pavement gefunden: Seine neue Gang sind die Jicks. "Sie kommen alle aus Portland, so wie ich. Bevor ich sie traf, spielten sie alle in eigenen Bands. John, der Schlagzeuger, spielte u. a. bei den Fastbacks aus Seattle, Joanna bei den Reminders, außerdem ist sie Tontechnikerin, sie hat z. B. mit Elliott Smith aufgenommen."

Schon bei dem letzten, selbstbetitelten Album waren die Jicks mit von der Partie, für das neue, "Pig Lib", hat sich die Zusammenarbeit noch mal intensiviert: "Allein schon durch die ganze Zeit auf Tour. Ich kann und will nicht alles allein machen, ich brauche Feedback. Meine Eltern haben mich so erzogen. Außerdem sind die drei sehr nette Leute. Deshalb sind wir jetzt eine richtige Band." Die erstarkte Zusammenarbeit mit der neuen Band hat deutliche Einflüsse auf den Sound von "Pig Lib". Die intensive Arbeit daran ist auch ein Indiz dafür, dass es doch nicht nur "eine weitere Platte" ist: "Wir haben uns entschieden, sie anders zu mastern. Wir wollten, dass sie wie live klingt, ohne die ganzen Studiotricks. Die Songs sind jetzt dynamisch, auf das Wesentliche komprimiert und absolut 'in your face'."

Wie schwierig die Zusammenarbeit mit Pavement nach und nach wurde, hat Malkmus schon bei den Presseterminen zur letzten Platte oft erzählen müssen. Was bei den Jicks jetzt besser ist, aber noch nicht: "In erster Linie ist jetzt besser, dass wir alle in der gleichen Stadt wohnen. Pavement waren dafür bekannt, dass die Mitglieder über die gesamten USA verteilt wohnten. Wir haben im Studio mehr Zeit, verschiedene Varianten auszuprobieren, uns ein bisschen treiben zu lassen. Außerdem ist es toll, ein Mädchen in der Band zu haben. Es bringt eine neue Balance. Es war teilweise eklig, nur mit Typen in einer Band zu sein. Es ist wie beim Ausgehen: Wenn nur Jungen da sind, hat man es schnell satt."

Trotz der vielen Jahre im Biz ist Malkmus keineswegs vor Selbstzweifeln gefeit: "Die meisten meiner Songs höre ich mir kaum noch an. Ich finde meine Stimme oft zu laut. Auf vielen Songs singe ich ziemlich schief. Ich habe immer das Gefühl, dass ich eigentlich nur einen Sänger imitiere." Das kann man so natürlich nicht stehen lassen, niemand soll sich von mir als Interviewpartner die Stimmung verderben lassen. Deshalb hake ich noch mal nach, wer denn dann ein richtiger Sänger sei, wenn nicht er: "Als richtiger Sänger muss man ein großes Selbstbewusstsein haben, man muss einfach eine Person mit großem Ego sein. Wenn jemand so ist, ist das unangenehm, ich würde nicht so gern mit ihm zu tun haben wollen." Wohltuend, dass aus ihm wohl nie ein kleiner Rolling Stone wird.

Appliance. Knapp über null

Wer sind denn eigentlich die Jicks? Und was haben sie vorher gemacht?

Sie kommen alle aus Portland, so wie ich. Bevor ich sie traf, spielten sie alle in eigenen Bands. John, der Schlagzeuger, spielte u. a. bei den Fastbacks aus Seattle, Joanna spielte bei den Reminders, außerdem ist sie Tontechnikerin, sie hat z. B. mit Elliott Smith aufgenommen.

Ich habe von einem neuen Mitglied gehört, Mike Clarke. Ist er fest in der Band?

Fast. Er ist letztes Jahr mit uns auf Tour gegangen. Er ist ein sehr guter Pianist. Es ist gut, so jemanden in der Band zu haben, der leicht und schnell die Songs lernen kann.

Lebst du immer noch in Portland? Du hast in einem früheren Interview mal gesagt, dass du umziehen wolltest, vielleicht nach Berlin.

Oh ja, ich wünschte, ich könnte.

Warum geht das denn nicht?

Es ist so schwer, mich von meinem ganzen Zeug zu trennen. Wenn man so alt ist wie ich, hat man einfach viel Kram, Tonnen von Platten und Büchern, Instrumente und Equipment. Ich kann nie mehr von hier weggehen. Ich klebe hier fest.

Hat sich eure Arbeit mit dem neuen Album eigentlich verändert? Ist vielleicht der Anteil der Jicks größer geworden?

Absolut. Allein schon durch die ganze Zeit auf Tour. Ich kann und will nicht alles allein machen, ich brauche Feedback. Ich wollte immer in einer Band sein, kein Solist. Meine Eltern haben mich so erzogen. Außerdem sind die drei sehr nette Leute. Deshalb sind wir jetzt eine richtige Band.

Kann man sagen, dass das Album eher ruhig geworden ist?

Eigentlich nicht. Es ist nur anders aufgenommen worden. Die meisten Songs sind richtiger Rock'n'Roll. Wir haben uns nur entschieden, sie anders zu mastern, weil die meisten Bands ihre Songs sehr breit und laut haben wollen. Wir wollten aber, dass sie wie live klingen, ohne die ganzen Studiotricks. Du musst die Lautstärkeregler aufdrehen, und du wirst hören, dass die Songs dynamisch sind, auf das Wesentliche komprimiert und absolut "in your face". Die Stimmung, wenn du das meinst, würde ich nicht als ruhig bezeichnen, höchstens als etwas düster, ernst. Es ist keine lustige Platte geworden, nicht so lustig wie das letzte Album.

Wie wichtig sind für dich eigentlich Humor oder Ironie in der Musik, die du hörst?

Eigentlich nicht so wichtig. Es gibt ernste und unironische Songs, die sehr aufregend sind. Auf dem Album sind neun von elf Songs ohne jede Ironie. Für die anderen beiden Songs ist Ironie natürlich unglaublich wichtig, sie werden durch Ironie erst groß. Du kannst irgendwelche ordinären Radiohits mögen, auch wenn du dich eigentlich dagegen sträubst, aber du musst dir eingestehen, dass sie einfach "catchy" sind. Und auf der anderen Seite magst du "Mr. Superironic", Palace Brother Will Oldham.

Kannst du ein paar Platten, Bücher oder Ähnliches nennen, die dich beim Schreiben der Songs von "Pig Lib" beeinflusst haben?

Ja, der erste Song z. B. ist stark von HipHop-Beats beeinflusst, u. a. von Timbaland. Das Intro des Songs lehnt sich an bulgarische Volksmusik an. Bedeutendstes Stilmittel ist eine große Trommel ...

Woher kennst du bulgarische Volksmusik?

Es gibt ein britisches Label, Topic, das in den 60ern und 70ern solche Folk-Platten veröffentlicht hat. In den USA macht das auch ein Label mit dem Namen Folkways, das diese Ethno-Platten herausbringt. Ich habe also versucht, diese südosteuropäische Volksmusik schneller zu machen. Der zweite Song ist so ein Nick-Drake-vs.-Velvet-Underground-Ding, der vierte Song lehnt sich an Thin Lizzy an, überhaupt Psychedelic Rock, ein bisschen auch Fairport Convention. Es gibt auch noch andere Anleihen, z. B. The Cure, die Kinks, Small Faces, New Order, Steely Dan, Eagles. Manche Akkorde erinnern mich an 10CC, wirklich komisch, es ist schwer, sich das einzugestehen. Vielleicht doch eher R.E.M., einfach ein paar große Akkorde ... Soll ich weitermachen?

Gibt es denn auch neue Alben, die du gut findest?

Ich erwarte die Bonnie-Prince-Billy-Platte, ich habe sie noch nicht gehört, doch ich werde sie bestimmt großartig finden. Er ist einfach sehr talentiert. Außerdem mag ich Erase Errata aus Berkeley. Kürzlich sah ich in Portland ein Konzert der Band Enon, die waren wirklich gut. Auch Dead Meadow, sie sind wie wir auf Matador. Die machen Rock'n'Roll, ein kleines bisschen wie Black Sabbath, nicht so wie die Hellacopters, Libertines oder die Datsuns, die so einen blöd rockigen Gestus haben. Sie wissen einfach, was sie tun.

Gibt es einen Teil der neuen Platte, den du für besonders gelungen hältst?

Eigentlich nicht. Ich kann mir vorstellen, dass der Anfang des Albums für Leute, die keine schräge Musik mögen, schwierig ist, aber in der Mitte wird es für die dann wirklich klasse. Na ja, wir haben viel Zeit und Nerven investiert, damit das Album besonders wird, aber wer weiß, wie die Leute es aufnehmen? Im Endeffekt ist es nur eine weitere Platte.

Du hast oft davon gesprochen, dass dich die Zusammenarbeit mit den Jicks viel zufriedener macht als die mit Pavement. Was ist denn jetzt konkret besser?

In erster Linie ist jetzt besser, dass wir alle in der gleichen Stadt wohnen. Pavement waren dafür bekannt, dass die Mitglieder über die gesamten USA verteilt wohnten. Wir konnten nie proben, wir waren eigentlich nie eine richtige Band. Wir hatten meistens nur zwei Wochen, um die Stücke fertig zu stellen, und deshalb fast immer zu wenig Zeit. Wenn ich oder Scott [Kannberg], der auch einige Songs schrieb, dann unsere Sachen den anderen vorspielten, wollten wir beide den Boss spielen, genau bestimmen, wie die einzelnen Parts zu klingen haben. Die anderen konnten sich kaum einbringen. Jetzt schreibe ich zwar immer noch die Songs, aber wir haben im Studio mehr Zeit, verschiedene Varianten auszuprobieren, uns ein bisschen treiben zu lassen. Außerdem ist es toll, ein Mädchen in der Band zu haben. Es bringt eine neue Balance in die Band. Es war teilweise eklig, nur mit Typen in einer Band zu sein ... Es ist wie beim Ausgehen: Wenn nur Jungen da sind, hat man es schnell satt. Wir haben ein Mädchen in der Band und eine Tourmanagerin, um eine natürlichere Umgebung herzustellen, um nicht ständig herumzuhängen und Bier zu trinken, wie das mit Jungs oft so ist.

Du warst ja mit Pavement sehr schnell sehr erfolgreich, fast schon eine Art Role-Model. Wenn du auf diese Zeit zurückblickst, würdest du etwas an deinem Auftreten ändern?

Ändern eigentlich nicht. Aber wir haben vieles gemacht, das ich heute peinlich finde. Wir haben viele Sachen gemacht, die verrückt waren, weil wir dachten, es sei cool. Man findet es eigentlich immer peinlich, wenn man sich an Zeiten erinnert, in denen man zu stolz oder zu arrogant war, sich auf das zu besinnen, was man eigentlich ist. Ich bin mir heute sicher, dass Pavement eine Zeit lang so drauf waren. Vielleicht würde ich das gerne ändern wollen, aber es ist müßig, darüber zu reden, weil es nicht geht. Wir hätten einiges besser machen können, wir hätte aber mit Sicherheit auch vieles schlechter machen können.

Betrifft das auch irgendwelche Platten oder Songs in deiner Karriere?

Nein. Es geht mir eher ums Ganze. Ich habe zehn Jahre meines Lebens mit dieser Band verbracht. Es ist nicht so wichtig, irgendwas Bestimmtes ändern zu wollen. Die meisten meiner Songs, von denen du vielleicht sagen würdest, dass du sie magst, höre ich mir kaum noch an. Ich finde meine Stimme oft zu laut. Ich mag sie nicht. Auf vielen Songs singe ich ziemlich schief. Komischerweise habe ich das damals nicht gemerkt, oder mich einfach nicht so darum gekümmert. Ich höre mir die alten Platten deshalb einfach nicht mehr an, sondern arbeite lieber an neuen Songs.

Weißt du, ob die anderen Pavement-Mitglieder auch weiterhin Musik machen? Stehst du noch mit ihnen in Kontakt?

Ja, ich spreche viel mit ihnen, wegen der Re-Releases und der DVD, sogar, wenn ich eigentlich nicht möchte. Einige von ihnen sind immer noch unter meinen besten Freunden. Aber weil wir nicht in derselben Stadt wohnen, treffe ich sie höchstens zweimal im Jahr. Aber immerhin noch öfter als meine Eltern, und die lieben mich wirklich.

Hast du das Album von Preston School Of Industry [neue Band von Scott Kannberg] gehört? Wie findest du es?

Es ist toll, fantastisch. Hat er wirklich gut gemacht.

Ist es eigentlich schwer für dich, deine Lyrics zu schreiben? Hast du eine bestimmte Art und Weise, das zu tun?

Eigentlich nicht besonders anders als andere auch. Ich schreibe sie nach der Musik, denke darüber nach, was mich gerade beschäftigt, was hier cool klingen könnte. Wenn ich nichts anderes mit mir anzufangen weiß, schreibe ich Lyrics. Natürlich habe ich nichts Besonderes zu sagen, ich versuche eher, mit den Dingen zu spielen und darauf zu achten, was für den jeweiligen Song angemessen klingt. Ich habe immer das Gefühl, dass ich eigentlich nur einen Sänger imitiere. Alles andere, z. B. Gitarre spielen, kann ich, aber ich bin kein Sänger. Das ist schon lustig.

Wenn du kein Sänger bist, wer ist es denn dann?

Es ist eher etwas in meinem Kopf, ein Archetyp. Als richtiger Sänger muss man ein großes Selbstbewusstsein haben. Man sagt sich ständig: "Ich bin der Sänger, ich bin der Frontmann." Man muss einfach eine Person mit großem Ego sein. Wenn jemand so ist, ist das unangenehm, ich würde nicht so gern mit so jemandem zu tun haben wollen. Ich versuche eher, das Dasein als Sänger sehr natürlich zu handhaben, es aus mir rauszulassen. Das ist dann meistens schon ganz gut. Wenn du die Texte dann einige Male liest, kannst du sie durch Logik oder Smartness noch etwas ändern, aber eigentlich entsteht das Beste, wenn man sich von allem frei macht. Egal, was dann herauskommt, es ist cool. Westcoast-Style, California-Style.

Hörst du eigentlich auch elektronische Musik, House, Techno, Minimal?

Kaum. Manchmal bekomme ich etwas zu hören. Oder ich höre etwas, weil ich die Beteiligten schon durch andere, coole Bands kenne, wie z. B. Console oder Schneider TM. Die mag ich. Das sind ja Indierocker, die jetzt Musik mit Computern machen. Aber ansonsten nicht. Ich nehme keine Drogen, tanze nicht, höchstens zu 70er- oder 80er-Jahre-Disco-Musik. Mit Synthies und richtigen Schlagzeugern. Mir ist das meiste Techno-Zeug zu kalt, auch das, das versucht, warm zu klingen.

Hast du denn schon mal versucht, mit Samples oder Musiksoftware wie z. B. "Cubase" zu arbeiten?

Ich nicht. Mich langweilt so was. Ich kenne aber viele Leute, die damit arbeiten und auch wirklich gute Musik machen. Aber ich mag es lieber, in einer Band zu sein, ich atme, wir alle sind in einem Raum und versuchen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Das macht mir einfach mehr Spaß. Wenn ich die ganze Zeit am Computer sitzen würde, würde mich das an Hausaufgaben erinnern, an die Zeit, als ich in der Schule war. Mit einer Band ist es eher wie: "Ich geh' mal in den Keller und mache ein bisschen Krach." Ich finde das viel romantischer.

Kannst du dir eigentlich vorstellen, dich politisch zu engagieren, innerhalb oder außerhalb deiner Musik?

Manchmal. Nicht politisch in dem Sinne, einen Anti-Kriegs-Song zu schreiben. Es ist ein bisschen traurig, aber ich kann das nicht. Ich wünschte, ich könnte das, aber ich habe auch noch nie einen solchen Song gehört, den ich nicht doof fand. Ich würde gerne einen hören, besonders im Augenblick. Aber ich bin wirklich groß darin, Beziehungsgeschichten zu thematisieren, Sex- oder Ego-Probleme. Das ist es, worum meine Musik meistens geht, um diesen Boy/Girl-Stuff.

Hast du mal versucht, einen politischen Song zu schreiben?

Nein, eigentlich nicht, weil es für mich immer unmöglich schien, so was gut hinzukriegen. Viele Sachen habe ich versucht, z. B. habe ich einen Rap-Song gemacht, es klang schrecklich. Manche Dinge kann man einfach nicht, und das sollte man möglichst schnell merken. David Bowie hat so einen Song auch noch nie geschrieben, und der hat eigentlich alles andere gemacht. Manche Dinge muss man eben delegieren. Deshalb, an alle Leute da draußen: Schreibt einen guten Protest-Song!