×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Abwesende Anwesenheit

Stephen Malkmus

Der Soundtrack zu "I'm Not There" basiert auf demselben Prinzip wie der Film: Andere Musiker versetzen sich in die Rolle von Dylan, indem sie seine Songs covern
Geschrieben am

Der Soundtrack zu "I'm Not There" basiert auf demselben Prinzip wie der Film: Andere Musiker versetzen sich in die Rolle von Dylan, indem sie seine Songs covern. Stephen Malkmus ist gleich mit drei Songs vertreten, wofür er einen recht einfachen Grund anführt: "Ich glaube, irgendjemand hat kurzfristig abgesagt, und ich musste einspringen ..."

Zum einen nähert er sich "Ballad Of A Thin Man", Dylans legendärer Abrechnung mit dem Archetypus des Spießers, der einfach nicht versteht, was in der Wirklichkeit passiert. Auf Malkmus' neuem Album "Real Emotional Trash" gibt es mit "Baltimore" einen Song, dessen Text in puncto Angriffslust dem Dylan aus den Mittsechzigern ebenbürtig ist: In Malkmus' Fall geht es beim Angeklagten jedoch nicht um einen Spießer, sondern um "einen schmierigen Typen, der versucht, in einer Bar eine Frau aufzureißen. Ich spiele mit der Verzweiflung der One-Night-Stand-Stimmung."

Den Dylan-Reigen voll machen eine schnell improvisierte Version von "Maggie's Farm" und "Can't Leave Her Behind", ein unveröffentlichtes Songfragment, "das für Dylan-Kenner einen der heiligen Grale aus den Giftschränken des Meisters darstellt". Das Stück stammt aus dem auf YouTube kursierenden "Eat The Document"-Film, in dem man Dylan dabei zusehen kann, wie er - auf Heroin oder Ähnlichem - in beispiellos kranker Apathie John Lennons Versuche unterwandert, ihn aufzumuntern.

Alle drei von Malkmus interpretierten Songs entstanden unter der Leitung Lee Ranaldos (Sonic Youth), der auch als musikalischer Direktor des Soundtracks fungierte. Tatsächlich bestand Malkmus' Aufgabe lediglich darin, bereits von der Allstar-Band The Million Dollar Bashers eingespielte Backing-Tracks zu besingen: "Ich bin einfach auf den fahrenden Zug aufgesprungen, wobei ich alle Erste-Klasse-Plätze belegt habe. Im Grunde wollte ich nur Cate Blanchett sehen, wie sie mit meiner Stimme diese Dylan-Stücke singt."

Angesichts der Tatsache, dass Cat Powers Art der Phrasierung bei ihrer Version von "Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again" dem Meister schon recht nahe kommt, stellt sich die Frage, ob es nicht schwierig ist, nicht wie Dylan zu singen, wenn man einen seiner Songs covert. "Bei ›Ballad Of A Thin Man‹ war es schwierig, weil die Musik sich kaum vom Original unterscheidet. Die Idee des Films beruht ja darauf, dass Dylan nicht da ist und andere Leute in diesen Raum ihre Vision von Dylan projizieren. Idealerweise sollten die Coverversionen reflektieren, worum es bei Dylan geht, ohne unbedingt nach ihm klingen zu müssen", so Malkmus.Als vorbildlich in dieser Hinsicht erweist sich Sufjan Stevens' superambitionierte Version von "Ring Them Bells", die Prog-Rock in ein Zuckerstangen-gesäumtes Schlaraffenland implantiert. Man fragt sich, wie viele Brüche ein Song vertragen kann, ohne kaputtzugehen. Hier funktioniert es auf wundersame Weise bestens, wohl auch deshalb, weil der Ansatz eher von einer verspielten, überkandidelten Pop-Haltung bestimmt wird statt von angeberischem Rock-Muckertum.

Speaking of which: Man könnte jetzt etwas ungerecht, aber nicht ganz unbegründet zu "Real Emotional Trash" überleiten, das in musikalischer Hinsicht von komplex verschachtelten Songstrukturen charakterisiert wird und mit offen ausgelebter Rockaffinität hausieren geht. Malkmus selbst scheint ob dieser Tatsache im Interview leicht defensiv, vielleicht musste er schon gemeine Kommentare über sich ergehen lassen. Daher an dieser Stelle Verständnis für Leute, die Risiken eingehen und antizyklisch arbeiten. Hat Dylan das nicht auch gemacht? Warum sollte ein Album nicht die gewachsenen Ambitionen eines Musikers widerspiegeln? Das ist weniger verlogen als ein verwässerter Aufguss alter Errungenschaften, die dadurch sogar eine Entwertung erfahren könnten. "Ich mag ›Strawberry Fields‹ gerade lieber als ›Louie Louie‹", illustriert Malkmus seine momentane Vorliebe für Komplexität. "Es ging darum, etwas Neues zu schaffen, das uns selbst überraschen könnte."

Dylan hatte textmengenmäßig immer schon viel zu singen. Ganz anders dagegen das neue Malkmus-Album: Es gibt lange Instrumentalpassagen, während derer sich die Musik in einen Groove hineinbohrt, unbehelligt von jedem Gesang. Vielleicht soll damit die Musik in Relation zum Text hervorgehoben werden. "Je älter ich werde, desto weniger habe ich zu sagen. Ich ziehe es vor, Gitarre zu spielen", erklärt Stephen Malkmus etwas müde. Müde? Quatsch, das ist ästhetisches Programm. Wie bei Dylan, über dessen Stück "I'm Not There" Greil Marcus schreibt, es sei "eine Dyslexie, die offensichtlich die Überlegenheit der Musik gegenüber dem Wort demonstrieren und dabei beweisen soll, wie wenig Worte in Wirklichkeit auszurichten vermögen" (aus: "Basement Blues", Rogner & Bernhard).

Nach vierzig Jahren Schattendasein als Teil des "Basement Tapes"-Bootlegs ist "I'm Not There" der Bedeutung seines Titels untreu geworden, um lieber doch da zu sein, und zwar naturgemäß auf dem gleichnamigen Soundtrack. Jeder sollte es hören, denn es klingt entweder existenziell oder existenzialistisch.

Diverse 'O.S.T. I'm Not There' (CD // SonyBMG)

Stephen Malkmus & The Jicks 'Real Emotional Trash' (CD // Domino)

Zum Artikel über den Film 'I'm Not There' geht es hier.