×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Hauptsache echt

St. Vincent im Gespräch

In den letzten zwei Jahren fand Annie Clark a.k.a. St. Vincent oft auf den Seiten der Klatschpresse statt. Schuld war die Beziehung zu ihrer mittlerweile Ex-Freundin Cara Delevingne. Seit Schluss ist, geht es wieder um ihre Musik: Ihr fünftes Soloalbum steht in den Startlöchern. Doch auch darauf thematisiert sie ihre ehemalige Liebe zum Supermodel. Osia Katsidou traf die Texanerin in London, um über das neue Werk, die Ex-Freundin und die Zukunft zu sprechen. 
Geschrieben am
Annie Clark und ich waren ursprünglich im Londoner Zoo verabredet. Ich hatte mir schon ausgemalt, wie wir vor dem Flamingo-Gehege langsam hin und her wandern, während die lauten Rufe bunter Riesentukane meine Fragen über ihr neues Album unterbrechen. Nun ist es leider doch das übliche Hotel-Interview geworden. Also sitzen wir in ihrem Zimmer im schicken Soho-House – sie auf einer beigefarbenen Chaiselongue, ich auf einem gepolsterten Sessel. Clark trägt einen schwarz-weißen Catsuit mit Animal Prints – immerhin eine kleine Zoo-Referenz. Und sie trägt knallroten Lippenstift, der an der filigranen Teetasse, an der sie nippt, nicht abfärbt.

Das neue St.-Vincent-Album ist zum Interviewtermin noch ein mittelgroßes Geheimnis. Es gibt bis dato keinen Titel und kaum Infos, abgesehen davon, dass Jack Antonoff das Werk mitproduziert hat. Acht Songs hat die Plattenfirma mir vorher zum Anhören geschickt. Sie klingen alle sehr nach St. Vincent: experimenteller und spielerisch geistreicher Pop-Rock. »Die Songs kommen von überall«, sagt Clark selbst ein wenig floskelhaft. Sie habe keine Ahnung, was man über ihr fünftes Solo-Werk wissen müsse. »Höchstens, dass ich dieses Album einfach liebe.« Es sei die beste Sache, die sie musikalisch je gemacht habe. Sie habe sich dafür absolut geöffnet, erzählt sie, deswegen sei es gefühlstechnisch extrem geworden und kein bisschen heuchlerisch. Nicht umsonst gab es viele Spekulationen um den ersten Song, der den Titel »New York« trägt. Er soll von der Trennung von ihrer Ex-Freundin, dem Supermodel Cara Delevingne, handeln. So jedenfalls titelten einige Medien. Im Song singt Annie Clark: »New York isn’t New York without you, Love.«

»Die Wahrheit ist, dass der Song von Cara handelt – und eben auch nicht«, sagt sie ein wenig zögerlich. »Es geht um so viele Menschen, um Freunde, echte Heldinnen und Helden. Und es ist ein Liebesbrief an New York.« Schon beim Schreiben der Midtempo-Ballade mit Chor-Einlagen – für die sie die Gitarre beiseitelegte und das Klavier hervorholte – hatte Clark das Gefühl, dass es jemandes Lieblingssong werden könnte. »So habe ich noch nie zuvor für ein Lied von mir empfunden«, erzählt sie. Das Getratsche um dessen Bezug zu ihrer Ex-Partnerin habe sie nicht gestört. Schon beim Entstehen in ihrem Bett, wo sie die meisten Songs schreibt, dachte sie: »Selbst wenn die Leute annehmen könnten, er handele von Cara – was soll schon passieren? Schließlich ist alles an ›New York‹ aufrichtig.« Und Ehrlichkeit birgt für Annie Clark nie irgendeinen Schaden. »Der Song hat nichts Schmieriges, es geht am Ende um Liebe, Mitgefühl und Zwischenmenschlichkeit«, sagt sie. »Alle hatten doch schon mal das Gefühl, dass jemand der einzige Mensch ist, der einen wirklich versteht«, kommentiert sie die Zeile: »You’re the only motherfucker in this city who can handle me.«

Ihre Beziehung zu Cara Delevingne war für sie von großer Bedeutung und musste zwangsläufig in dem Album verarbeitet werden, das sie als Schnappschuss ihres Lebens bezeichnet. Sie scheut sich auch nicht, über das Model zu sprechen, erzählt ungeniert von einem Tag in der Vergangenheit, an dem die beiden in London im Kostüm zur »Star Wars«-Kinopremiere gegangen seien: »Ich war ein Druide, und Cara war als Jabba verkleidet. Sie sah so süß aus«, sagt sie schwärmend. »Es war superlustig, wie sie in der Aufmachung versuchte, aus dem Auto zu steigen.« Das Pärchen war ein Segen für die Regenbogenpresse: Zwei junge Celebrity-Frauen in einer gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehung – das sorgte für ordentlich Aufmerksamkeit. Bevor Clark mit Delevingne in Verbindung gebracht wurde, fand sie nur in alternativen Musikmedien statt. Nachdem sie gemeinsam mit dem Model abgelichtet worden war, stand St. Vincents Name überall im Netz. Die beiden wurden zu Ikonen des Internet-Feminismus hochstilisiert. Man sah sie in den berüchtigten T-Shirts mit der Aufschrift »The Future Is Female«
Allerdings wurde diese Art der Vermischung feministischer Haltung mit Popkultur in letzter Zeit auch stark kritisiert: Sie würde die Ernsthaftigkeit der politischen Ansprüche verwässern und den Feminismus zur Trenderscheinung degradieren, so der Vorwurf. Clark sind diese Argumente durchaus bekannt, sie ist aber der Meinung, dass man mit der jüngsten Feminismus-Welle auch ein bisschen nachsichtig sein müsse: »Dieser Pop-Feminismus ist wie ein neugeborenes Fohlen, das noch nicht richtig stehen kann«, sagt sie. »Aber bald schon wird es zu was Starkem und Stolzem.«

Ab Oktober stellt Annie Clark ihre neuen Songs live vor. Sie hat ihre weltweite Tour »Fear The Future« genannt. Doch damit wollte sie nicht düster klingen. »Wir leben zwar in Zeiten, in denen das Politische privat ist und das Private politisch und in der Künstlerinnen und Künstler ihre Haltungen kundtun dürften, doch was die Zukunft angeht, bin ich positiv gestimmt. Die Jugend sorgt schon dafür, dass alles gut wird.« Und Annie Clark sorgt dafür, dass ihre Musik immer ehrlicher wird. Dazu gehört für sie, sowohl politisch als auch privat sein zu dürfen: »Früher wollte ich einfach schräge Kunst machen, oder etwas, das einfach anders klingt. Heute möchte ich bloß echt sein.«

St. Vincent

MASSEDUCTION

Release: 13.10.2017

℗ 2017 Loma Vista Recordings., Distributed by Concord Music Group, Inc.