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So war’'s in Aarhus: Engtanz und Euphorie

Spot 2014

Herzlich Willkommen im musikalischen Dänemark. Bereits seit 20 Jahren ist das Spot Festival ein Ort für Austausch und Entdeckungen. Intro reiste für zwei Tage nach Aarhus, um Szenehelden und Newcomer zu beobachten.
Geschrieben am

Das Spot Festival zeichnet sich seit jeher besonders durch seine entspannte Atmosphäre aus. Vom Kleinstadtspaziergang zum Venue-Hopping ist es in der dänischen Hafenstadt nicht weit. In diesem Jahr findet sich das Theater Musikhuset im Zentrum des Events. Statt wie bei den Vorgängerausgaben hier nur zwei Säle zu bespielen, warten 2014 sechs Bühnen allein in dieser Venue. Hinzu gesellen sich die Liveclubs Atlas und Voxhall, das Kongresszentrum SCC sowie zahlreiche weitere Auftrittsorte. 

 

Freitag

 

Der Freitag startet melancholisch. Broken Twin darf gegen 15 Uhr den großen Saal im Musikhuset eröffnen und würdigt den beeindruckenden Ort mit der minimalistischen Opulenz ihres jüngst erschienenen Debütalbums »May« und einer dreiköpfigen Begleitband. Ein Auftakt mit Klasse und trotz der getragenen Stimmung der Stücke zu dieser frühen Uhrzeit keinesfalls deplatziert.   

 

Alcoholic Faith Mission bringen dann den Sonnenschein zurück und zelebrieren ihren euphorischen Indiepop im Voxhall. Unlängst hat die Band eine Zusammenstellung alter Stücke mithilfe des befreundeten Produzenten Brian Batz neu eingespielt und auf Haldern Pop Recordings veröffentlicht. Batz selbst begeistert am Folgetag im Atlas mit seiner Band Sleep Party People und Post Rock, der von verschleppt bis verträumt vieles ist, nur nicht berechenbar. Dass sämtliche Bandmitglieder Hasenmasken tragen fügt sich stimmig ins leicht entrückte Gesamtbild aus Ton, Lightshow und Nebelkanone.

Eine Premiere der besonderen Art wartet im Rainbow Panorama, einer Installation des Künstlers Olafur Eliason. Erstmals in der Geschichte des Spot darf hier Livemusik stattfinden. Während man durch den kreisrunden Wandelgang aus regenbogenfarbenem Glas auf dem Dach des Kunstmuseums Aarhus schreitet, spielt ebendort am Ende des Rundgangs The Portugese Man Of War alias Anders Stockholm (Under Byen) eine Liveshow für 120 Gäste. Aufgestellte Boxen transportieren die sphärischen Synthieklänge in den Raum. Licht und Ton summieren sich zum unwirklichen Schauinsland-Soundtrack. Zurückgelehnt und im Schneidersitz löst sich so der frühe Abend im Farbspektrum auf.

 

Viertel nach zehn, so etwas wie die Headlinerzeit und im großen Saal spielt Chorus Grant mit Band ein professionelles aber auch etwas glatt wirkendes Americana-Set vor halbleeren Rängen. Wer kann es den Zuschauern verdenken, dass sie sich lieber zeitgleich für das Konzert von Blaue Blume im benachbarten Kleinen Saal anstellen. Die Band ist derzeit das heißeste neue Thema im dänischen (Indie-)Popmarkt und fliegt mit ihrem aktuellen Hit »Lost Sons Of Boys« durch die internationalen Blogs. Dementsprechend euphorisiert strömen die Massen daher nach der Show aus dem Saal. Gesprächsfetzen liefern spontane Vergleiche mit When Saints Go Machine, selbst der Name Phil Collins wird fallengelassen. Ganz ohne Frage eine Band, von der man in den kommenden Monaten auch in Deutschland noch einiges hören wird.

 

Tänzerinnen, Schwarzlicht-Gimmicks und eine kaum versteckte Liebe zu Missy Elliot bestimmen die Szenerie beim Auftritt von Lucy Love am späteren Abend. Wären die Beats auch nur halb so komplex, wie der Bass der Anlage im SCC satt und wummernd ist, müsste man das eine Hit-Show nennen, so bleibt es irgendwo zwischen Linkoban, Azealia Banks und Pausenfüller stecken. Gut gemeint, ganz sicher.

 

Es ist Zeit für einen lärmenden Ausklang. Das traditionsreiche Kopenhagener Label Crunchy Frog lädt zur After Show ins Sway, eine Bar von der Größe eines Singleappartements, und beschert einer schwitzenden, glücklich angetrunken taumelnden Menge um zwei Uhr ein furioses Finale des Eröffnungstags. Shiny Darkly haben ihre Joy-Division-Platten rundgehört und aus der Essenz eigene schroffe Songs gestrickt. Die Gitarren sägen, das Schlagzeug scheppert stoisch, genau so, wie es sein muss. Ort, Zeit und Sound könnten nicht besser zusammenpassen. Da fällt das Zu-Bett-Gehen im Anschluss doppelt schwer.

 

Samstag

 

Der zweite Tag ist gestartet und eigentlich könnte Gunnar Madsen gerade an 100 Orten zugleich sein. Sein Spot erkunden, beobachten, ob die neu eingeführte Film-Sparte vom Publikum angenommen wird und wie die ersten Showcases des Tages laufen. Madsen ist seit Mitte der 90er Leiter des Festivals, doch von Ermüdungserscheinungen keine Spur. Stattdessen nimmt sich der Däne Zeit, um den angereisten Journalisten Rede und Antwort zu stehen oder ausführlich in die musikalische Vergangenheit von Aarhus einzuführen. Eine Gelassenheit, die zu großen Teilen auch auf dem Wissen um die Klasse des eigenen Programms fußt. »Bei 160 auftretenden Acts kann natürlich nicht jeder gleich gut sein«, kommentiert Madsen. »Allerdings versuchen wir seit 20 Jahren ein hohes Qualitätslevel zu halten. Zudem ist es uns sehr wichtig, dass sich das Spot Festival stetig entwickelt und lebendig bleibt.« Ein Vorhaben, das auch in diesem Jahr wieder sehr gut gelungen ist, wie nicht zuletzt die Auftritte des Dreampop-Duos Darkness Falls sowie der dänischen Beatbastler Mont Oliver im SCC beweiesen.

 

Kellermensch genießen in Dänemark einen Status der sich mit der No-Go-Vorsilbe »kult« nur lückenhaft beschreiben lässt. Das konnte man im Vorfeld im Internet lesen und merkt es spätestens, als nach den ersten zwei Songs die vorderen 20 Sitzreihen im großen Saal des Musikhuset zur Stehplatz-Fankurve werden. Die acht Musiker auf der Bühne freut es und sie spielen sich angeführt von Frontmann und Sänger Sebastian Wolff in einen Rausch aus Tom Waits’schem Höllenblues, Psychedelic Rock und Midtempo-Metal. Ein starker Auftritt und ein Paradebeispiel dafür, dass manche Musik erst in der Livesituation ihr ganzes, überwältigendes Potential ausschöpft.

 

Ganz ähnlich ergeht es einem wenig später im Atlas, wo der norwegische Obersympath Truls seine eigentlich viel zu kitschigen Falsett-Pop-Nummern derart charmant und inbrünstig vorträgt, dass Stillstand und hängende Mundwinkel keine Option sind. Diesen Act kann man sich sehr gut auf den mittelgroßen Sommerfestivals vorstellen. Schwellenängste oder Hürden umschiffen der Norweger und seine Begleitband mit ansteckender Liebe zum eigenen Sound.

 

Die Beschreibung »Calypso Indie« lockt anschließend zu The Ecletic Moniker. Im gut gefüllten SCC angekommen, entpuppt es sich als leicht überdrehte Indiepop-Tanzrevue mit Afrobeat-Einschlag. Lange Bärte treffen auf bunte Hemden. Zeitgemäß ist das, tanzbar auch, allerdings ohne wirklichen Nachklang. Eine Band für den Moment, als Anheizer ganz sicher tauglich, nicht jedoch als großes Finale des Festivals. Den liefern indes auch Ring Them Bells mit ihrem wenig überraschenden Psychedelic Rock im Godsbanen nicht. Könnte man doch bloß weiter mit Truls durch die Nacht feiern. Im Engtanzmodus, versteht sich.