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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Einmal wie Sting singen und klingen

Spoon im Interview

Die Slow Burner des experimentierfreudigen Indie-Rocks versuchen sich in Verführung: Im 23. Jahr ihres Bestehens veröffentlichen Spoon ihr neuntes Album »Hot Thoughts«. Steffen Greiner traf Sänger/Gitarrist Britt Daniel, Drummer Jim Eno und Keyboarder Alex Fischel.
Geschrieben am
Ihr habt in den Nullerjahren eine beeindruckende Serie hingelegt, danach eine Pause gemacht – um mit »They Want My Soul« ein tolles Comeback hinzulegen. Ist »Hot Thoughts« für euch sowas wie ein neues ›zweites Album‹?
Britt: Ja, in einer gewissen Weise stimmt das. 
Jim: Nur ohne den ziellosen Leerlauf, den man sonst beim zweiten Mal hat.
Britt: Na, wir sind natürlich in einer dezent anderen Position als bei unserem echten zweiten Album, aber es ist ein wesentlich aufwendigeres Album als das davor und das wäre ja typisch: Beim ersten hat man Material lange rumliegen, beim zweiten will man experimentieren, Sachen probieren, die man sich vorher nicht getraut hat.

Ist mehr Mut der größte Unterschied zu den Alben davor?
Britt: Wir hatten Glück, die Songs zu finden – es ist einfach passiert. Man hofft immer, dass etwas völlig Unerwartetes passiert, magische Momente, diesmal gab es die tatsächlich. Aber wirklich mutig ist es erst, wenn man sie dann auch mit reinnimmt. Es gibt genug Bands, die genauso lange dabei sind, aber zögern würden, einen Song wie »Pink Up« oder »Us« auf ein Album zu packen. Aber wir wissen natürlich, dass ein Album Balance braucht.

Ihr habt wie bei »They Want My Soul« wieder mit dem Produzenten Dave Fridmann gearbeitet – was macht ihn besonders für euch?
Britt: Er bringt uns dazu, abgedrehtere Sachen zu machen. Viele Produzenten achten darauf, dass der Sound zugänglich und kommerziell ist – Dave ist genau das Gegenteil, er will alles neu und anders. Die meisten haben nur den einen Hit im Kopf – »Ich brauche einen Hit«, immer und immer wieder. 

Im Hintergrund versucht sich Jim mit jugendlichem Lachen im Imitieren von Hit-Produzenten: ›Ich brauche einen Hit!, ICH brauche einen Hit!‹, bis Britt ihn unterbricht: »Nein, Jim, so klingt kein Hit-Produzent.«

Britt: Aber hat Dave jemals »Hit« gesagt? Wir haben das Thema sogar einmal angesprochen und gefragt, ob es irgendwann mal den Moment gab, in dem er sicher war, einen Hit geschrieben zu haben. Und er antwortete mit: »Hä, was weiß ich!«
Jim: Und dann erwähnte er einen einzigen MGMT-Song, »Kids« oder so.

Habt ihr trotzdem Hits draufgepackt?
Jim: Klar, zehn.
Britt: Was glaubt ihr: Hätten wir das gleiche Album mit Joe Chiccarelli aufgenommen, mit dem wir in der Anfangsphase des letzten Albums gearbeitet haben – würde er Hits sehen? Viele Songs haben ja ein Pop-Schema, das zu Hits führen könnte, »Hot Thoughts« oder »First Caress«.
Jim: Gab es denn eigentlich was, was Dave vorschlug, was wir aber nicht machen wollten?
Alex: Er hat dich doch so richtig abgefahrene Vocals singen lassen!
Britt: Ich sollte jede Note eines Akkords singen, und er wollte das Ganze übereinanderlegen. Weil angeblich Sting immer so gesungen hat. Er liebt The Police. Aber es hat dann einfach nicht funktioniert. Und als er wieder und wieder damit ankam, habe ich gesagt: »Dave, Sting singt so aber nicht bei ›Message in a Bottle‹« – da war er wirklich beleidigt. 
Alex: Aber ich mochte, wie du es durchgezogen hast, da allein in der Gesangskabine, du wusstest, dass es nicht funktioniert, aber du wolltest ihm eine Chance geben. Du tapferer Soldat!
Sting wäre auch ungefähr der letzte, den ich als Vorbild für euch sehen würde – andererseits habt ihr beim letzten Album versucht, wie Dr. Dre zu klingen. Gab es diesmal Vorbilder?
Britt: Wow. Über sowas sollten wir jetzt mal nachdenken.
Alex: Wir haben eigentlich die ganze Zeit gebrannte CDs gehört. Daves Studio ist mehr oder weniger eine Hütte im Wald. Das Studio ist toll, aber die Wohnquartiere da sind es nicht. Es gibt nichts zu tun, nur so einen kleinen CD-Player. Wir hatten die Talking Heads, James Brown …

Das klingt ganz schön … unplugged: Wer beim Soundzauberer Friedman daheim Musik hören will, muss seine CDs mitbringen? Das ist ja hart anachronistisch!
Britt: Was, warum? Es gibt halt keinen Plattenladen in Cassadaga.

Irgendwie passt das aber auch zu euch – ihr geltet im Rückblick als eine der besten Bands der Nuller, obwohl ihr immer ein bisschen unter dem Radar geflogen seid. Jetzt sind die Zehnerjahre fast zu Ende, und ihr seid immer noch da und macht immer noch Musik, die noch dazu sehr nach Spoon klingt. Fühlt ihr euch eigentlich den Zeiten verbunden, in die ihr eure Musik reinlegt?
Britt: Wir waren nie gut darin, zu erkennen, was hip ist. Wir waren nie die Band für den Moment. Aber wir haben es immer hingekriegt, trotzdem gemocht und hochgeschätzt zu werden. 

Es ist auch ganz schön schwer, eine Spoon-Geschichte zu erzählen – es ist so, als gäbe es da einfach eine Abfolge toller Alben, aber kein wirkliches Narrativ jenseits der Musik. Ich will damit nicht sagen, dass ihr blass seid oder so, aber so richtig flimmert bei mir kein Bild vor Augen, wenn ich an Spoon denke …
Britt: Vielleicht waren wir bei »Kill The Moonlight« das einzige Mal hip. Ich weiß es nicht. Aber immer, wenn wir in den Nullern ein Album rausgebracht haben, haben wir ein paar Platten mehr verkauft, vor ein paar Menschen mehr gespielt, jedes Album war für uns ein neuer Meilenstein. Wir hatten eben nie einen Strokes-Moment, wo auf einmal alles passiert. Und das ist okay: Wir wussten die kleinen Schritte unterwegs mehr zu schätzen. Die Strokes waren auf einmal da – und das völlig zu recht: Sie waren brillant, so spannend und unwiderlegbar. Aber wohin geht man von dort aus? 

Es gibt ja einen Song, der ein »Wir« formuliert – und dann ist das ausgerechnet dieser jazzige, für euch außergewöhnliche Schlusstrack »Us«.
Britt: Auch wenn der Song keine Lyrics hat und sich auf alles beziehen könnte: Für mich zeichnet er – wie fast das ganze Album – den Verlauf einer Beziehung nach. 

Es könnte natürlich alles sein: Ein Paar, die Band Spoon selbst, aber ich konnte es kaum hören, ohne an Politik zu denken, ehrlich gesagt.
Britt: Ich mag das. 
Jim: Wäre »Us« die Vereinigten Staaten, würde der Song krasser klingen. Es wäre pures Chaos. Und würde sich kaum so harmonisch auflösen. 
Alex: Aber schön wäre das schon.

Ich meine, ein wenig rauszuhören, dass »Us« auch ein Song ist, der ein wenig die Richtung vorgibt für eure nächsten Arbeiten?
Britt: Man merkt bei jedem Album, welcher Song des vorherigen den Weg bereitet hat. Und das könnte diesmal »Us« sein. Wir sind fasziniert vom musikalischen Aufwand von »Us« und »Pink Up«. Aber wir lieben auch immer noch einen guten Rocksong. Das zu verbinden, das wäre schon was. Andererseits: Ich hasse Miles Davis‘ »Bitches Brew« auch wirklich sehr.

Spoon

Hot Thoughts

Release: 17.03.2017

℗ 2017 Matador