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wir künstler haben eine große verantwortung

Spax

Der Hannoveraner ist zwar erst 28, aber in einer derart jugendfixierten Kultur wie dem deutschen HipHop trennt ihn deswegen oft mehr als ein Jahrzehnt von seinen Fans. “Ich fühle mich oft alt, weil die Dinge sehr schnell passieren. Man kann sie nicht aufhalten, obwohl man schon so viel gesehen
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Autor: intro.de

Der Hannoveraner ist zwar erst 28, aber in einer derart jugendfixierten Kultur wie dem deutschen HipHop trennt ihn deswegen oft mehr als ein Jahrzehnt von seinen Fans. “Ich fühle mich oft alt, weil die Dinge sehr schnell passieren. Man kann sie nicht aufhalten, obwohl man schon so viel gesehen hat. Viele HipHop-Konsumenten von heute sind sehr jung und nehmen das, was sie hören, altersbedingt sehr unreflektiert wahr. Deswegen haben wir Künstler auch eine große Verantwortung, weil jeder zum Vorbild wird, der ein paar Platten verkauft. Gerade in einer solch homophoben, männerdominierten HipHop-Welt sollte man mit Sätzen wie ‘Mein Style ist wie Aids und trifft als allererstes schwule Crews’ sehr vorsichtig sein.” Die Textzeile stammt von Kool Savas in “King Of Rap”. “Ich bin gegen Zensur, aber es gibt Grenzen, die man wahren muss und die man auch nicht mehr mit Meinungsfreiheit rechtfertigen kann.”
Mit Kritik an anderen spart Spax nicht, vielleicht heute weniger als noch vor drei Jahren, als er sich wegen des Songs “Popschutz” einige böse Worte gefallen lassen musste. Kritik an seiner eigenen Person nimmt sich Spax zu Herzen, Rezensionen verschlingt er und unangenehme Zwischenfälle mit unzufriedenen Zuschauern geben ihm zu denken. “Oft lasse ich mich viel zu sehr von der Realität herunterziehen und muss das dann in Songs wie ‘Ihr Kotzt Mich An’ kompensieren, wo sich mein ganzer Ärger und die Wut gegen Menschen, die sich allzu schnell eine Meinung bilden, aber überhaupt nicht richtig hinhören, manifestiert. Außerdem ist es traurig zu sehen, wie die große Masse von den Medien gelenkt werden kann. Ich bin an sich ein positiver Mensch, aber meine Umwelt sehe ich sehr kritisch.”
Spax wirkt oft abgeklärt und arrogant, erzählt wie nebenbei von Reisen für das Goethe-Institut nach Afrika, der gemeinsamen Deutschlandtour mit Gang Starr und fragt sein Gegenüber abschließend, was er da noch von einem Battle mit einem 14-Jährigen haben könne, der erst seit drei Monaten rappt - und trotzdem redet er mit Zuschauern, die ihn während der Show ausbuhen, und wenn andere nach dem Konzert die obligatorische Tüte bauen, ist er schon längst wieder im Gespräch mit jemandem oder freestylt. Der Kommentar zum Rap ist ihm wichtig. Wie wenig andere macht er sich immer wieder zum Fürsprecher für idealisierte HipHop-Werte, in denen jeder sein Teil zum großen Ganzen beiträgt, Wettbewerb in friedlichem Einklang mit Respekt und Toleranz steht und niemand nur bloßer Konsument einer Unterhaltungsindustrie ist.
Dass sich viele Rapstars in ihrer Rolle als Entertainer und Abzocker sichtlich wohl fühlen, nervt den nimmermüden Freestyler besonders: “Wenn Leute viele tausend Mark Gage verlangen und sich dann als Erste beklagen, dass nur Teenies vor der Bühne stehen, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Nur die Fans machen dich groß, niemand anderes.” Gefreut hat er sich über Afrob, der sich nicht lange bitten ließ und gleich am Tag nach Spax’ Anruf im Hannoveraner Studio erschien, um auf “Waffenbrüder” einen seiner gehaltvollsten Texte zu kicken.
Die neue LP ist im Vergleich zum Debüt “Privat” straighter, mehr auf den Punkt und deutlicher geworden. “Auf der ersten LP musste ich noch alles ausdrücken, was sich in den acht Jahren HipHop in mir angesammelt hatte. Ich habe auch mehr experimentiert. ‘Alles Relativ’ ist straighter, mehr auf den Punkt, runder.” Und als ob er den Kritikern das Wort in den Mund legen wollte: “Es ist erwachsener.”