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So war's: »Amateur Hour? Von Wegen!«

Sparks Live in Köln

Die »elder statesman of craziness« begeistern auch im fortgeschrittenen Alter vor allem durch ihre Eigenständigkeit.

Geschrieben am

06.06., Köln, Gloria

Vielleicht kann es nur eine große Band geben, die mit einem infantilen musikalischen Entwurf in den Pop-Olymp aufsteigt. Die Sparks gründeten sich Anfang der Siebzigerjahre und ihre Popformel war der von Queen nicht unähnlich. Der Pomp, das Überdrehte, die Haltung, sich auch den vermeintlich peinlichen Geheimratsecken der Musikkultur zuzuwenden - die Sparks waren die Brüder im Geiste. Allerdings immer im Windschatten der Mitte der Siebzigerjahre zunehmend zum Mainstream-Act avancierenden Gruppe um den Jahrhundertsänger Freddie Mercury. Trotz einiger Hits (»This Town Aint Big Enough For The Both Of Us« oder später dann »When Do I Get To Sing My Way«) waren sie nach den respektablen Erfolgen von »Kinomo My House« und »Propaganda« zu Beginn der Siebzigerjahre immer eine Band der zweiten Reihe, die sich allerdings ihre übersichtliche aber fanatische Fanbase erhalten konnte.

Infiziert wurde ich, als ich im Frankreichurlaub mit meinen Eltern Mitte der Neunzigerjahre erstmals die Sparks entdeckte. Keine Kassette wurde häufiger ins Kassetendeck geschoben als »Gratuitous Sax & Senseless Violins« -  ein aus heutiger Sicht recht gewöhnungsbedürftiges Album, ein wilder Stilmix im Neunzigerjahre Jahre Euro-Dance Design. Aber als Kind fand ich gerade dieses Spielerische großartig. Diese frühe musikalische Sozialisationsbegegnung hat mein Interesse an dieser Gruppe bis heute konstant gehalten. Über die Epochen haben die Amerikaner immer auch zeitgeistige Entwicklungen in ihr Repertoire einfließen lassen, ohne sich anzubiedern.

Heute Abend ist das Gloria die passende Kulisse für den betagten Gentleman. Das Brüderpaar Russell und Ron Mael hat, so wird allerdings schnell deutlich, keine Nummernrevue im Sinn, oder ein Bad im nostalgischen Gefühl. Die wollen noch. Zu Gute kommt Ihnen sicherlich, dass sie nie aufgrund von zeitweiliger Trennung mit einer Reunion hausieren gehen mussten. Und so waren und sind sie mit jeder neuen Platte immer im Hier und Jetzt verankert. »Hippopotamus« aus dem letzten Jahr zählt zu den besseren Platten der Amerikaner, da trifft es sich gut, dass sie selbstbewusst sechs Stücke daraus spielen, darunter das tolle »What The Hell Is It This Time? « als Opener. Danach gibt es ein Stelldichein durch nahezu alle Phasen der Band, vom frühen Glam-Rock, über den Synthie-Pop der Achtziger, bis hin zum kleinen Klassik-Exkurs zu Beginn der 200er Jahre. Ungewöhnlich für eine nunmehr 40 Jahre andauernde Karriere: Das Spätwerk fällt bis dato souverän und unpeinlich aus. Und so gibt es bei einem Gig der Sparks nie das Bedürfnis sich nur am Altbewährten aufzuhalten.

Russel und Ron Mael werden von gutaussehenden Herren um die 30 flankiert, die Urbesetzung ist längst passe. Das ist nicht weiter schlimm, die Sparks leben von der Aura des Brüderpaars. Die Sparks sind das Brüderpaar. Die anderen Musiker, inklusive Russell, tragen heute rosa Jacken, nur der exzentrische Stoiker Ron schafft es, das Mysterium um seine Person aufrecht zu erhalten: Mit Krawatte und weißem Hemd sitzt er ungerührt am Keyboard und haut in die Tasten. Nur einmal, bei »The Number One Song in Heaven«, wird er aufstehen, seine Krawatte ausziehen und wild tanzen. Um sich dann wieder wie gehabt an sein Instrument zu begeben. Solche Kultfiguren sind rar geworden.

Nach rund anderthalb Stunden geht es in den Zugabenblock. Zuvor hat Russell schon einige Kusshände verteilt, das Publikum (Männer/Frauenverhältnis: circa 80/20) jubelt frenetisch. Die sichtliche Dankbarkeit des Sängers rührt an, es wirkt, als könne er den Zuspruch nicht ganz glauben. Mit »Amatour Hour« endet der Abend, natürlich, denn schließlich waren die Sparks auch immer Meister der koketten Ironie.