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Zum Tod von Mark Linkous: Extinct Animals

Sparklehorse

Am Samstag, den 06.03., erschütterte die Nachricht vom Freitod Mark Linkous aka Sparklehorse die Fans. Unser Autor Alexander Dahas erinnert sich...
Geschrieben am


Am Samstag, den 06.03., erschütterte die Nachricht vom
Freitod Mark Linkous aka Sparklehorse die Fans. Unser Autor Alexander Dahas erlebte den Künstler zuletzt 2007 auf der Bühne und erinnert sich.

30.05.2007, Berlin, Postbahnhof
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Klar, der Typ gibt einem Rätsel auf. Zum Beispiel: In wie weit ist es zulässig, etwas in einen Star reinzuprojizieren, der schon mal eigentlich überhaupt kein Star ist. Mark Linkous ist bloß Sparklehorse, aber das ist vermutlich auch viel cooler. Wenn Goofy cool ist, dann ist er es auch, und wenn man seine Vorgeschichte kennt, ist der Typ schlichtweg faszinierend.

Die gut 200 Leutchen, die an diesem Abend da sind, dürften mit ihr vertraut sein, denn schon vom Äußeren her entsprechen sie dem typischen Sparklehorse-Fan: etwas vernachlässigt, aber ungebrochen. Womit ich niemandem auf den Schlips treten will, man ist ja schließlich unter Freunden.

Dazu gehört auch Mark Linkous, der wie immer nicht direkt gesprächig ist, und unter langen Haaren die Augen zusammenkneift. Auch er ist nachlässig gekleidet, dick beschuht, und scheinbar sehr schüchtern. Diese spezielle Schüchternheit scheint so etwas wie sein Markenzeichen zu sein, man hat immer das Gefühl, er bemüht sich gleichzeitig um Geduld, und wehe, er verliert sie. Was wiederum rein theoretisch ist, denn der Mann ist ein dermaßen sanfter Zeitgenosse, dass er sich selbst auf seinem eigenen Konzert deplaziert zu fühlen scheint. Nach der Show stromert er noch ein wenig vor der Halle herum, und als ein Fan ihn stellt und "Thank you, you got me through a lot" sagt, blickt er kurz auf, lächelt friedlich und hebt die Hand zum Gruße, bevor er verschwindet. Aber der Reihe nach.

Statt der famosen Sol Seppy, die den ersten Teil der Deutschlandtour begleitete, stehen an diesem Abend Dead Texan als Vorgruppe auf der Bühne, ein instrumentales Trio, das auf Kranky veröffentlicht. Sie spielen keyboardlastigen Cinemascope-Pop, der für einen Gutteil des Publikums eine Spur zu ambient zu sein scheint, aber in jedem Fall ein reinigendes Bad für die Sinne ist, denn so wenig Mark Linkous ein Star ist, so wenig ist seine Musik draufgängerischer Rock’n’Roll. Zumindest nicht heute.

Sparklehorse bestehen zu diesem Anlass nämlich wiederum aus den Dead Texans plus Mark, und das Set ist kurz gesagt ein sehr, sehr ruhiges, das nicht einmal von Schlagzeug träumt. Wie schon gesagt, bietet sich ein Act schnell zum Romantisieren an, der als notorischer Ex-Junkie und Vielleicht-Genie bekannt ist, und von dessen vier Alben zumindest drei als kaum verbesserungsfähige Meisterwerke gelten. Die dazu passende, völlig zerschossene, nicht weiter herunterbrechbare und seltsam hypnotisierende Tierbild-Lyrik entrückt eine Musik weiter, die wohl am besten mit Atomschlag-Country im Zeitlupenwalzer zu beschreiben wäre.
[usercomment=http://www.intro.de/forum/plink/1/1267949499/1268039085]Das trifft mich so hart wie zuletzt der Tod von Cobain.[/usercomment]
Den Anfang des Reigens macht "It’s A Wonderful Life“, und sofort wird die Leinwand im Hintergrund eingesetzt, auf der ab jetzt diverse Filme aus dem Sparklehorse-Kosmos zum Einsatz kommen, die ihrerseits die Songs bebildern. Das freut besonders die Novizen im Saal, denn auf die Dauer sind die ausgewählten Songs mit der etwas zu betonten Keyboard-Begleitung möglicherweise etwas zu lähmend, um volle Aufmerksamkeit zu zeitigen. Den Veteranen, Bekehrten und Gläubigen geht das anders, und man nutzt die Zeit, um die Setlist im Kopf durchzugehen. Der eine Krakeeler, der gleich zu Anfang nach "Happy Man" kräht, hätte an diesem Abend wohl ewig warten können, denn "Heart Of Darkness" ist diesmal mit Abstand der schnellste Song des Sets. Ungewöhnlich auch die Zusammensetzung desselben, den Mark Linkous entpuppt sich als verkappter Traditionalist, und seine Songauswahl bleibt rätselhaft. War der Auftritt in Köln noch vergleichsweise gut gerührt, stellt das erste Album an diesem Tag mehr Songs als allen anderen LPs zusammen, die aktuelle wird sogar nur durch einen einzigen repräsentiert. Auch "Homecoming Queen", der Erkennungssong der Band, kommt früh, und wird vom deutschen Publikum nicht mitgesungen. Das zumindest findet Mark offensichtlich witzig, und er kündigt lächelnd das nächste Lied als "another Singalong" an.



Insgesamt ist die Show möglicherweise etwas kurz, aber das weiß ich nicht wirklich, und ich bin auch befangen. Bei der Zugabe weiß ich nicht einmal mehr, ob da die Leinwand noch in Betrieb ist, weil ich da auf den Knien hocke und ein wenig zu "Babies On The Sun“ flenne. Warum diese Band so attraktiv für mich ist, weiß ich auch nicht genau, aber es fällt mir so furchtbar leicht, sie zu mögen. Und wer kann das schon von vielen Dingen behaupten.

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