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Spalter: "Vexations", Pro & Contra

Get Well Soon

Konstantin Groppers zweite Platte wird sicher ein Erfolg. Aber kann sie dem anstehenden Trubel überhaupt gerecht werden?
Geschrieben am
Get Well Soon ist genauso Genialinsky der hiesigen Indie-Folk-Szenerie wie auch der kleinste gemeinsame Nenner dahingehend, auf wen sich erst mal fürs nächste Jahrzehnt geeinigt werden kann. Seine zweite Platte wird sicher ein Erfolg. Aber kann sie dem anstehenden Trubel überhaupt gerecht werden?

Pro:
Bei klassischen Komponisten spricht man gerne von Schaffensperioden. Wäre Konstantin Gropper alias Get Well Soon also ein wenig früher geboren, würde ihm für "Vexations" von den Feuilletonisten oder Stadtschreibern der damaligen Zeit wahrscheinlich die schwarze Periode auferlegt.

Die pechschwarze Periode. Konnte man die dem Bandnamen inhärente Verheißung auf dem Debütalbum "Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon" schon nicht an vielen Stellen ausmachen, scheint es auf "Vexations" fast unmöglich. Die Platte ist so dunkel, traurig und schwer, dass ich sie beim ersten Durchgang kurz unterbrechen musste. Und das soll unbedingt im positiven Sinne verstanden werden. Wann kommt es schon einmal vor, dass einen Musik derart packt? Das Bedrückende steckt in jeder Silbe, in jedem Ton. In jedem? In jedem!


Der Höhepunkt findet sich dabei in "That Love". Die schwere Bläsermelodie in "5 Steps / 7 Words" schlägt unmittelbar aufs Gemüt. In "Seneca's Silence" scheint das klanglich eigentlich muntere Xylophon die Lichter anzumachen, doch in dem Kontext des Stücks arbeiten auch seine Melodiefolgen nur der Melancholie zu. Komposition und Instrumentierung sind noch einmal ausgeklügelter als auf dem Debüt, das bereits als sehr komplex zu beschreiben ist, von Gropper selbst aber in Anbetracht seines neuen Werks trocken als "Anhäufung von Unzulänglichkeiten" bezeichnet wird.

Die Entwicklung in Richtung Pechschwarz darf freilich nicht als überraschend bezeichnet werden, die EP "Songs Against The Glaciation" hat sie bereits mit viel Dunkelheit angedeutet, doch es gab immer wieder Ausbrüche. Diesmal ist Kraft aufwühlender Resignation gewichen. "Vexations" muss in seinem Fatalismus daher überwältigend genannt werden.
Florian Weber

Auf der nächsten Seite: Der Gegenschlag von Linus Volkmann...

Get Well Soon ist genauso Genialinsky der hiesigen Indie-Folk-Szenerie wie auch der kleinste gemeinsame Nenner dahingehend, auf wen sich erst mal fürs nächste Jahrzehnt geeinigt werden kann. Seine zweite Platte wird sicher ein Erfolg. Aber kann sie dem anstehenden Trubel überhaupt gerecht?

Contra:
Get Well Soon alias Konstantin Gropper hat eigentlich komplett Unmögliches geleistet: als Deutscher mit englischsprachigem Gitarrenindie richtig was gerissen. Seit der letzten Öffnung vor zehn Jahren (Readymade, Miles, Slut) galt dieser Weg als komplett vernagelt. Mit dem Debüt "Rest Now ..." wurde die Safetür aber einfach zum Fadenvorhang, Konstantin zum heimlichen und unheimlichen Headliner beim Immergut, und mit einigen Single-VÖs blieb das Feuer am Köcheln. Was jetzt folgen wird, ist klar: der Brand.
Get Well Soon ist schon fürs erste Abfeiern des neuen Jahrzehnts gebucht. Die analogen wie elektrischen Magazine wissen, was von ihnen erwartet wird, und keiner will es nicht gewusst haben: Und so vermählen sich beflissen in den nächsten Wochen Hype und Wirklichkeit. Aber lohnt die konkrete Platte, um die es geht, den Aufwand wirklich? Nicht wirklich. Die Ästhetisierung ist einen ganzen Schritt weitergegangen. Die Stücke haben sich professionalisiert, und um im Umkehrschluss dennoch weiter als emotionale Fliegenfalle zu funktionieren, wurde Tempo raus- und Melodramatik reingenommen. Plötzlich ist alles schwarz, haltlos und verschwommen. Alles so dermaßen getragen, fast staatstragend.

Nicht dass man als Indiekunde nicht gern mal ins Leiden einstiege, aber das hier ist stimmungsmäßig so strikt und bei aller Düsternis eben trotzdem nicht die deutsche Version von Bright Eyes' "I'm Wide Awake, It's Morning". Das ist einfach smart instrumentierte Vollkontakt-Romantik, die einen runterziehen will, während man sich aber schon fragt: Lohnt sich für dieses Album wirklich der freiwillige Gang in den Keller? Nein.
Linus Volkmann

Mehr Spalter gibt es unter www.intro.de/spezial/spalter.