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Spalter: So war's in Köln

ODD Future (OFWGKTA) live

Ein Konzert, zwei Meinungen: Kaum ein Live-Act polarisiert derzeit mehr, als das Kollektiv um Tyler, The Creator.
Geschrieben am
22.08.2012, Live Music Hall, Köln

PRO: Durchwachsene Rezensionen brachen in der vergangenen Woche über Odd Future ein. Die Süddeutsche Zeitung nannte das Hamburger Konzerte ein »Durcheinanderschreien« und unterstellte Vollplayback, das Abendblatt attestierte den »Party-Kick«. Bei Odd Future gibt es offenbar keinen Konsens. Wer es nicht geil fand, fand es in der Regel direkt grauenhaft.

Wenn die sieben Jungs aus Kalifornien, alle um die 20 und derzeit einer der Hype-Acts weltweit, auf die Bühne der Kölner Live Music Hall steigen erwartet man einen Pulk Teenager, der aus dem gesamten Rheinland angereist ist.Vor Ort wird man eines Besseren belehrt: Durchweg volljährig erscheint das fast ausschließlich männliche Publikum und inmitten der überdurchschnittlich gut gekleideten Besucher versteckt sich sogar der eine oder andere Besucher historischeren Jahrgangs.

Etwa eine halbe Stunde nach offiziellem Konzertbeginn scheucht das Aufstöhnen erster Bässe und das Grölen der bereits vor der Bühne versammelten Menge die letzten Besucher aus dem Innenhof in die später prall gefüllte Halle. Drei Songs lang steht DJ Taco allein auf der Bühne, legt einige Songs auf und heizt die Menge an. Mit einem Daumen in die Luft gestreckt brüllt er später nach der »Wolf Gang« und die kommt auch gleich: Neben Domo Genesis, Hodgy Beats, Mike G und Left Brain erscheint auch Jasper Delphin auf der Bühne, der beim Rappkollektiv eher für die Stimmungsmache verantwortlich ist, als für die zentralen Rap-Parts.

Anschließend hallen die ersten Beats von »Transylvania« durch die Live Music Hall und jeder weiß: Jetzt kommt Tyler. »Wolf Gang, Wolf Gang, Wolf Gang« schreit die Menge. Wo in Hamburg und Berlin beim Betreten der Bühne noch ein Shirt war, glänzt in Köln direkt der blanke Oberkörper des 21-jährigen ungekrönten Odd Future-Königs. Eine Stunde lang stehen die Jungs gemeinsam auf der Bühne, attestieren Köln eine höhere Temperatur als ihrer Heimat L.A. und benennen Tyler kurzerhand in »Randal. The Creator« um. Keine Crowd auf ihrer Europa-Tour sei bisher so steil gegangen, nirgends habe man so geschwitzt wie in den ersten Reihen in Köln. Das danken die Jungs dem Publikum mit wildem Gehüpfe, Getanze und Geschrei.

Die Rap-Parts von den Ausnahmetalenten Domo Genesis und Tyler werden überlagert von dem Geschrei der Menge und den Beats. Alles vermischt sich zu einem einzigen Exzess, genau wie die schweißgetränkten und zu großen Teilen nackten Oberkörper im vorderen Publikum. Dass die Jungs einfach unglaublich gut rappen, haben sie bereits mehrfach bewiesen, dass sie eine einzigartige Show liefern, ist spätestens nach ihrer nun abgeschlossenen Deutschlandtour klar.

Wer ausschließlich zum Odd Future Konzert kam, um aus den hinteren Reihen entspannt gute Musik zu genießen, wäre eindeutig besser zum Vorabendkonzert von Feist gegangen. Die häufig attestierten Soundprobleme während der Tour sind für Odd Future ganz offensichtlich nicht existent, sie wollen die Menge zum Explodieren bringen und genau das ist es, was dieses Konzert für immer in unseren Hirnzellen konserviert. Lara Muhn

Auf der nächste Seite: Die Gegenmeinung

CONTRA: Wer erinnert sich nicht gerne daran: Im letzten Jahr durfte sich HipHop (drunter geht nichts) einmal mehr an der nahenden Erlösung vom schmuddeligen Schattendasein erfreuen. Die Todeserklärung wurde ja bereits des Öfteren postuliert - gerne bequem aus der bildungsbürgerlichen Warte heraus, mit sicherer Distanz zu all den edlen Wilden da draußen. Warum nun gerade Tyler, The Creator und sein eher solides Debüt den ultimativen Paradigmen-Wechsel herbeiführen sollten, konnte eigentlich niemand so konkret beantworten. Jedenfalls durften dank geschicktem Product-Placement, ein wenig zur Schau getragener Neurotik und eher untergeordneter Street-Credibility auch die Lehramt-Studenten endlich mal den Swag aufdrehen und sich ein bisschen »Open-Minded« geben.

Was aus den großen Versprechen geworden ist, weiß heute freilich niemand mehr so genau, wenn auch mit Frank Ocean der nächste Feuilleton-Liebling aus dem Schatten des Kollektivs getreten ist. Grund genug, beim Auftritt in Köln zu schauen, wie sich die Truppe ohne ihr derzeit prominentestes Mitglied macht. Doch schon beim Warm-Up mit Tour-DJ Taco Bennett wird deutlich, dass es hier weniger um einzelne Personalien geht. Ein paar Instrumental-Stücke vom Laptop reichen, um die Stimmung auf ein Level zu treiben, das die meisten Bands nicht mal bei der Zugabe erreichen.

Nach und nach finden auch die Stimmen der Wolf Gang ihren Weg auf die Bühne: Hodgy Beats, Domo Genesis, Mike G, Left Brain und Tyler, The Creator lassen die Verse immer mehr zum aggressiven Kanon anschwellen. Doch während die scheinbar beiläufig hingerotzten Beats auf Mixtape/Album noch sympathisch nachlässig anmuten, breitet sich in der Live Music Hall häufig nur noch ein monotoner Sinus-Matsch unter dem stoischen Gebrüll von Tyler und Co aus.

So lassen sich die Titel der Odd Future-Tapes hin und wieder nur erahnen, dass sich die Show aber bisweilen nur noch über das hohe Energie-Level trägt, wird schnell ermüdend. T-Shirts und Wasserflaschen fliegen, Mosh-Pits keimen auf und brechen sich wieder in der Menge, doch der Soundtrack zu dem recht unterhaltsamen Spektakel scheint Nebensache zu bleiben. So berät man nach jedem Song neu, welcher Titel als nächstes folgt: »Give us seven seconds!«

All das Chaos hat natürlich einen gewissen Reiz, wenn auch kaum abzustreiten ist, dass die verpeilte Anarchie eher einem bestimmten Kalkül folgt, als dass sie tatsächlich spontan aus der Situation heraus entsteht. Irgendwo muss die Distinktion ja her kommen, wenn musikalisch schon nicht viel in der Live-Situation hängen bleibt. Vielmehr ist zu erwarten, dass sich weiter einzelne Individuen aus dem Kollektiv lösen und ihren eigenen Film fahren werden. Live ist die Gruppentherapie zumindest verzichtbar. Philip Fassing