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Spalter:"Humanoid"

Tokio Hotel

Tokio Hotel gelten allein wegen Erfolg und Look als extrem verdächtig. Und jetzt sollen die Typen auch noch musikalisch geadelt werden?
Geschrieben am


Tokio Hotel
gelten allein wegen Erfolg und Look als extrem verdächtig. Viele Benachteiligte denken, die Band habe ihnen sicher etwas weggenommen. Und jetzt sollen die Typen auch noch musikalisch geadelt werden. Wie konnte es nur so weit kommen - bzw. kann man das noch verhindern?

Pro:
Böswillige, homophobe, pophassende Idioten und Langweiler, ich künde euch: Lasst alle Hoffnung fahren! Tokio Hotel werden mit diesem Album auch noch in den Olymp des Feuilleton-Mainstreams aufgenommen. Als hätten sie nicht schon sonst alles abgeräumt, was es je gegeben hat!

Das Phänomen bewies über die letzten fünf Jahre so viel Substanz, dass selbst all jene, die bis dato nur widerwillig drum herum tigerten, nun weich gekocht sind. Ein Effekt, der schon bei Robbie Williams zog und in Deutschland wenig Referenzen besitzt. Höchstens die Band Echt geriet mal in diesen Strudel der Umarmungen, was ihnen allerdings (die Hater schöpfen neuen Mut) die Karriere versaute. Denn als Echt alle mochten, kaufte sie letztlich keiner mehr. Und tschüss.
[usercomment=http://www.intro.de/forum/plink/20/1254224611/1255309473]Ganz gute CD mit paar Kracherhits drauf. Und ja, die Teenies wollen das hören. "Automatisch" funktioniert zwar auf Englisch besser und einige andere Stücke (z.B. 1 und 2) erst nach dem zweiten oder dritten Hören, aber was soll's... Schlecht ist nun wirklich was anderes.[/usercomment]
Tokio Hotel haben allerdings einen größeren Puffer, sie sind zu groß für den Crash - zumal auch ihr Album funktioniert. Nach dem Fame-Verwaltungsoutput "Raum 483" ist der Sound nun endlich mitgewachsen. "Humanoid" ist ein Blockbuster. Gitarrenwände von Muse wirken lo-fi gegen "Für immer jetzt" oder "Hunde". Das ist alles auf larger than life gebürstet, die Android-Figur des Covers erinnert vom Stil her nicht von ungefähr an die übergroße Michael-Jackson-Statue von "HIStory".



Der Refrain der ersten Single "Automatisch" mit der kleinen Pause davor ist so catchy, ohne gewollt zu wirken. Die Kraft im Sound und der Hit-Appeal der Stücke machen das Album fast unangreifbar. Lupenreiner Mega-P!O!P! voll Manga und Pathos. Wer das weiter als Kleine-Schwester-Musik belächeln möchte, soll ruhig weiterschlafen. Er verpasst ja eh mal wieder alles.
Linus Volkmann

Auf der nächsten Seite: Der Gegenschlag von Benjamin Walter.

Tokio Hotel gelten allein wegen Erfolg und Look als extrem verdächtig. Viele Benachteiligte denken, die Band habe ihnen sicher etwas weggenommen. Und jetzt sollen die Typen auch noch musikalisch geadelt werden. Wie konnte es nur so weit kommen - bzw. kann man das noch verhindern?

Contra:
"Teenager in eine depressive Stimmung zu versetzen ist wie Fische aus 'nem Fass angeln." So hellsichtig äußerte sich Bart Simpson einst über einen Auftritt der Smashing Pumpkins. Und dass Tokio Hotel mit der Mischung aus Weltschmerz und rebellischer Kostümparty die Seelen der jungen Menschen aufwühlen, ist eine Wahrheit, die hier nicht eingerissen werden soll. Aber jetzt gibt es eben das neue Album "Humanoid", und unter all den Schichten aus Bombast, penetranter Marketing-Cleverness und angestrengtem Kunstwillen gibt es erstaunlich wenig zu entdecken.

Erfreulich uneindeutig äußern sich auch die Kaulitz-Zwillis bei Kerner oder Gottschalk zum Inhalt ihrer Kunst - erfreulich, doch nicht erstaunlich, denn es gibt nichts zu erzählen außer ewig gleichen Geschichten von diffuser Sehnsucht und erträumten Ausbrüchen. Das ist in der Sache nicht verkehrt und funktional (siehe Bart Simpson), gerät in Vortrag und Umsetzung aber so überkandidelt und verkrampft ernsthaft, dass es in guten Momenten an die Killers, in schlechten an Nightwish und in den ganz schlechten an Musical erinnert.
[usercomment=http://www.intro.de/forum/plink/20/1254224611/1254257057]Bla, Bla, ihr Indie-Spinner/Spießer. "Automatisch" ist ein Kracher. Tokio Hotel haten ist doch sooo lame.[/usercomment]
Und dazwischen pfeifen einem die obligatorischen "elektronischen Elemente" aus jedem Oszillator entgegen, dass man es hier mit wertiger und ttiefgründiger Hyper-Musik zu tun hat. Dabei ist es ein aus unzähligen (vier bis fünf Texter pro Song) Versatzstücken gefertigtes Reißbrettprojekt, dem außer Ehrgeiz und Professionalität doch die Liebe und Pointiertheit abgeht. Der Erfolg gibt ihnen recht, heißt es immer. Aber warum eigentlich?
Benjamin Walter

Mehr Meinungen zum neuen Album von Tokio Hotel gibt es im Forum.

Mehr "Spalter" gibt's auf www.intro.de/spezial/spalter.