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»Freetown Sound«

Spalter: Blood Orange

Dev Hynes ist über die letzten Jahre zu einem der weltweit einflussreichsten und politischsten Produzenten für R’n’B und Pop geworden. »Freetown Sound« ist nun sein drittes Soloalbum als Blood Orange. Doch passen seine sozialkritischen Ambitionen auch noch mit seinem Sound überein?
Geschrieben am
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Carly Rae Jepsen, Solange Knowles, Sky Ferreira und FKA Twigs – Dev Hynes hat ein Händchen für die Produktion von Musikerinnen. Auch auf »Freetown Sound«, seinem Drittwerk als Blood Orange nach »Coastal Grooves« (2011) und »Cupid Deluxe« (2013) ist eine lange Reihe an weiblichen Gastsängerinnen dabei. Teils beeindrucken diese wie Newcomerin Empress Of, teils fallen sie nicht weiter auf wie Debby Harry oder Nelly Furtado, vor allem aber werden sie von der gewohnt souveränen Produktion elegant durch das Album getragen. Die Themen, über die Hynes und seine Gäste singen, umfassen Rassismus, Feminismus und Queerness, sind also sowohl persönlich als auch gesellschaftlich relevant. Doch nur weil ein Album wichtig ist, ist es noch lange nicht bemerkenswert, und leider rauscht »Freetown Sound« häufig seicht und gefällig am Ohr vorbei. Es wirkt über weite Strecken überprofessionalisiert und betrügt klanglich die kämpferisch formulierten Aussagen, indem es sie musikalisch nicht unterfüttert, sonder unterspült. Weiche Saxophonsoli und elegante Bongos passen einfach nicht zu Black Lives Matter, und so hinterlässt das Album neben einem Schulterzucken leider auch ein Stirnrunzeln.
Henje Richter

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Der Richter hat Recht: Kämpferisch im Sinne eines Erwartungshorizonts von Drastik klingt »Freetown Sound« nicht. Doch wie kommt er nur darauf, dass Kritik zwangsläufig mit drastischen, verschrobenen oder meinetwegen harten Sounds unterlegt sein muss? Ich dachte, dass wir solch ein eindimensionales Verständnis von subversiven Potenzialen im Pop längst überwunden hätten – eigentlich seit Aretha Franklin, spätestens aber seit Beyoncé. Dementsprechend stimmt seine Darstellung vom Ungleichgewicht zwischen ernstem Inhalt und seichten Sounds nicht – das Gegenteil ist der Fall. Dev Hynes’ Anliegen erreichen gerade dadurch ihre Dringlichkeit, weil sie in einem umwerfend eingängigen Electro-Funk-Gewand dargeboten werden; in einem mit 17 Tracks sehr ausladend zusammengestellten Album, das aber trotzdem nie Längen entwickelt. Im Gegenteil: »Freetown Sound« ist Hynes’ Meisterwerk in einer an Großtaten reichen Diskografie, ein Album, das ihn zu Princes rechtmäßigem Erben machen dürfte. Man kann verstehen, warum Stars wie Carly Rae Jepsen, Debbie Harry oder Nelly Furtado hier mittun wollten, denn Hynes lässt ihren Gesang in einem unglaublich coolen und elektrisierenden, gleichzeitig ernsten und dringlichen Funk-Gewand strahlen. Einem Gewand, in dem es nie um Hits geht, sondern um eine sehr lebensnahe, dementsprechend auch mal triste oder nüchterne Gefühlswelt, in der auch politische Missstände verhandelt werden können. Hits gelingen ihm mit »Best To You« oder »But You« aber wie nebenbei natürlich auch. Das katapultiert Blood Orange in eine Reihe nicht nur mit verstorbenen, sondern auch mit lebenden Größen: Frank Ocean muss sich für sein kommendes Album schon arg strecken, um diese Klasse zu erreichen. Drake hat Dev Hynes mit diesem Album derweil schon abgehängt.
Christian Steinbrink 

Blood Orange

Freetown Sound

Release: 27.06.2016

℗ 2016 Domino Recording Co Ltd

Blood Orange »Freetown Sound« (Domino / GoodToGo / VÖ 19.08.16)