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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Postjournalismus für die Popapokalypse

Southside 2007

Den Machern vom Southside kann man derzeit nur Durchhaltevermögen und Glück wünschen, denn in ihrer Haut möchte man wahrlich nicht stecken. Der unwetterbedingte Zusammenbruch der Zeltbühne am Donnerstagmorgen, der Tod eines Sanitäters und diverse, teils schwere Verletzungen anderer Mitarbeiter sind wohl der Albtraum eines jeden Veranstalters.
Geschrieben am
Beglückwünschen muss man die Veranstalter aber dennoch für ein gelungenes Festival mit hervorragenden Auftritten, einem ausgewogenen Line-Up mit deutlichem „Indie“-Schwerpunkt und rund 45.000 Besuchern, die sich auch von widrigeren Wetterverhältnissen nicht abschrecken ließen. Im Gegenteil: Es wurde friedlich drei Tage durchgefeiert – und das „so richtig“. Respekt muss man auch dem Publikum zollen, das am Sonntagabend nach einer Schweigeminute den auf den Bühnen stehenden Sanitätern mit brausendem Applaus ihrerseits Respekt zollte. Klingt komisch, aber eine Minute der Stille auf einer Veranstaltung dieser Größenordnung ist nicht so leicht zu machen. Die Geschehnisse des Donnerstags hatten sich im Laufe des Wochenende aber soweit herumgesprochen, dass es eigentlich niemanden gab, der sich wirklich über den Totalausfall der Zeltbühne mit Bands wie <strong>Cold War Kids, Deichkind, Aerogramme,</strong> oder <strong>The Blood Brothers</strong> beschweren mochte.[ad]Die unbeständige Wetterlage besserte sich denn auch von Tag zu Tag, und jede potentiell gefährliche Entwicklung wurde Besuchern wie Standbetreibern zeitnah mitgeteilt. Das wiederum ist eine Kommunikation, wie man sie sich eigentlich von jeder Veranstaltung dieser Größe wünscht. Denn, so gesehen, gibt es kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Vorbereitung. Und während man Freitag wie Samstag noch knietief im Schlamm stand, brachte der Sonntag dann – dank Rindenmulch und Sonnenschein – auch trockene Füße und teils krebsrote Hautpartien. <br /><br />Den Freitag gewannen in jedem Fall die <strong>Editors</strong>, die mühelos die Festivaltauglichkeit ihres Referenzpops samt großer Gesten unter Beweis stellten, während beinahe zeitgleich <strong>Marilyn Manson</strong> auf der Hauptbühne mit viel zu leisem Sound nicht den erforderlichen Druck aufbauen konnte. Mit einer anderthalbstündigen Coverversionen-Performance von <strong>Me First & The Gimme Gimmies</strong> endete dann der Abend auf der kleineren Bühne – und führte auch gleich zum ein oder anderen Richtungsstreit im Publikum. Echter Punkrock lebender Legenden von Lagwagon bis NOFX meinten die einen, während andere skandierten, dass das, was da den Songs von Bob Dylan, Led Zeppelin, Carly Simon etc. angetan wurde, einer Vergewaltigung gleichkam. Im unglaublich ausufernden Moshpit vor der Bühne haben diese Diskussionen aber wohl niemanden interessiert.[pager]Die Highlights des Samtags lassen sich dann schon weniger an einer Hand abzählen: von <strong>Isis</strong> über <strong>Art Brut, Satellite Party, Kings Of Leon</strong> und den <strong>Rakes</strong> kam man aus dem Schwelgen nicht mehr raus. Auch das Nachmittagsprogramm hatte mit z.B. <strong>Howling Bells </strong>– trotz etwas quäkiger Irish-Folk-Stimme noch schöne Überraschungen parat. Gewohnt souverän und mit Zweitbass-Unterstützung von Ex-Pavement Mark Ibold eröffneten <strong>Sonic Youth</strong> mit einen „Rather Ripped“-lastigen, aber auch mit Klassikern wie „Bull In The Heather“ gespickten Set den Abend und bereiteten den Weg für die Samstags-Headliner <strong>Placebo</strong> und <strong>Pearl Jam</strong>. Sowohl die Briten als auch die Grunge-Heroen sind ja schon was länger im Geschäft und konnten mit routiniert-fetzigen Best-Of Programmen überzeugen. Und auch wenn Eddie Vedder mit Bart ein bisschen an Jim Morrison gemahnte: Das funktionierte hervorragend, und ging deutlich mehr nach vorne, als man erwartet hatte. Nach Klassikern wie „Alive“ und „Even Flow“ trieben sie die Meute mit Neil Youngs „Rockin’ In the Free World“ direkt den Queens Of The Stone Age in die Arme, die den Abend in aller Härte zu Ende brachten.<br /><br />Der Sonntag beglückte nicht nur mit überwiegend Sonne und einem wunderschönen Doppelregenbogen, sondern auch mit dem Beweis, dass die Essenz von Rock weder Nacht und Nebel, noch Deko oder Lightshow braucht. Die Rede ist von <strong>Mogwai</strong>, die auch nachmittags um drei so fönen können, dass die bekanntermaßen recht übertriebenen Drogenkontrollen badem-württembergischer Beamter gänzlich fruchtlos erscheinen. Eine der wenigen Bands, bei der man das Gefühl hat, nicht willkommenes Publikum zu sein, sondern eher freundlich gedulteter Zaungast, der dem auf der Bühne entwickelten Eigenfilm beiwohnen darf.<br /><br />Zuvor hatten zu der doch eher ungeliebten Uhrzeit von 11.35 Uhr <strong>Karpatenhund</strong> den Tag eröffnen dürfen, und auch wenn einem – im direkten Vergleich zu Bands wie Mogwai, The Bravery oder den heiß getippten Mumm-Ra – die musikalische, gesangliche und textliche Diskrepanz wie ein ganzer Zaun vor Augen und Ohren geschwenkt wird, muss man ihnen lassen: Irgendwas machen sie richtig. Denn um diese Uhrzeit sieht man selten derart zahlreiches und feierndes Publikum. Andererseits: Gemessen an den Quoten machen auch Florian Silbereisen und Dirk Bach irgendwas richtig. Von letztgenanntem ist es wiederum nur ein kleiner Schritt zu <strong>Frank Black</strong>, der doch eher farblos blieb. Hat er eigentlich irgendwas von den Pixies gespielt? Man konnte sich schon wenig später kaum daran erinnern.<br /><br />Ab 16.00 Uhr dann nur noch Superlative: <strong>Modest Mouse</strong> – mit Rapture-artigen Tanzbeats! <strong>Bright Eyes</strong> – ganz in weiß! Interpol – mit einem Hit nach dem anderen. <strong>Snow Patrol</strong> – mit Pathos galore! Und gegenüber <strong>Arcade Fire</strong>, mit großen Gesten und festivaltauglicher Feierlichkeit par excellence, dito <strong>Bloc Party</strong>, und danach der große HipHop- und Funk-Battle New York (<strong>Beastie Boys</strong>) vs. Stuttgart (<strong>Fanta 4</strong>). Zunächst klares unentschieden, dann 1:0 – dank mehr Punk. Kurz nachdem „Sabotage“ einen in die laue Nacht entließ, erinnerte der Wettergott mit einem zweiminütigen Sturzregen noch mal daran, wie es noch am Freitag war, und dann doch nicht blieb. In diesem Sinne war’s rund. Und die Waschmaschinen laufen noch …<br /><br /><a href="/" target="_blank">David Winter</a>: <i>„Kontrastreich würde das Southside 2007 wohl mit einem Wort beschreiben. Zum einen das Wetter: Wo es donnerstags so sehr stürmte, dass die Zeltbühne zusammenstürzte, schien am Sonntag bereits wieder die Sonne. Aber auch das Programm war gewohnt abwechslungsreich. Bands wie Isis oder Mogwai, die man sich eigentlich nur im düsteren Club vorstellen mag, erfreuten sich auch helllichten Tages großer Beliebtheit. Weniger Glück hatten die Ska-Punk-Jungs von Less Than Jake, die obwohl bejubelt, den gesamten Auftritt mit Dreck beworfen wurden. Die Headliner konnten sich ebenfalls sehen lassen: So bereits am Freitag die stets gut gelaunte All-Star-Punk-Cover-Band Me First And The Gimme Gimmes, die als Ersatz für den leider fehlenden Fat Mike kurzerhand dessen NOFX Kollegen Eric Melvin dabei hatte. Aber das absolute Highlight waren natürlich die Beastie Boys: Ein würdiger Ausklang des Festivals am Sonntagabend, bei dem man sich über „No Sleep Till Brooklyn“ und natürlich „Sabotage“ freuen durfte. Fazit: Das Southside war trotz der Widrigkeiten im Vorfeld und des teils schlechten Wetters wie immer ein Highlight.“<br /></i><br /><br />Niels Wiere: <i>„Ein Höhepunkt am Freitagabend waren sicher die Editors. Neben altbekannten Stücken aus ihrem Debütalbum hatte die Band aus Birmingham auch viele Songs aus dem jüngst erschienen Zweitwerk „An End Has A Start“ im Programm. Der wavig angehauchte Indiepop kam bei der Menge ungemein gut an. Für die Langschläfer war es spätestens Sonntag um drei vorbei mit der Ruhe. Mogwai waren definitiv die lauteste Band des Festivals und waren an Intensität kaum zu überbieten. Man mochte kaum glauben, dass die Band dieselbe Anlage nutzte, wie die Acts zuvor – da wurde das letzte Dezibel aus den Boxen gekitzelt.“<br /></i><br />