×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Despacito« und »Shape Of You«

Soundtrack für Stelzböcke

In den vergangenen Jahren war die Spitze der Single-Charts von fast wöchentlichen Wechseln geprägt. 2017 markierte einen Rückfall in alte Zeiten: Mit Ed Sheerans »Shape Of You« und »Despacito« von Luis Fonsi nahmen zwei inhaltlich ähnliche Songs nacheinander den Platz 1 für insgesamt ganze acht Monate ein. Christian Steinbrink hat sie sich noch einmal angehört.
Geschrieben am
»Ich will, dass du meinem Mund deine Lieblingsstellen zeigst. Lass mich deine gefährlichen Zonen überschreiten, bis du schreist und deinen Nachnamen vergisst« – das sind Zeilen eines Songs, die durchaus aus einem Nachfolger von Falcos Missbrauchshymne »Jeanny« stammen könnten. Tatsächlich sind sie aber aus einem Sommerhit, der so sehr Sommerhit war wie schon seit Jahren kein Song mehr: »Despacito« von Luis Fonsi und dem Rapper Daddy Yankee. Übersetzt heißt der Titel »Langsam«, das meint aber nicht viel mehr als eine kalkulierte Annäherungsstrategie des Texters an eine Herzensdame. Was die wohl davon hält?
Während wir uns längst daran gewöhnt haben, dass es in Texten von Pop-Hits aus Mittel- und Südamerika oft deftig zugeht, ist es eher überraschend, dass der fahle Ed Sheeran mittlerweile offenbar eine ähnliche Strategie fährt: Auch in »Shape Of You«, neben »Despacito« der bei Weitem erfolgreichste Single-Hit des Jahres, geht es um die unmissverständliche Annäherung an eine Frau. »Girl, you know I want your love. Your love was handmade for somebody like me. Come on now, follow my lead. I may be crazy, don’t mind me« – natürlich geht Sheeran bei seinem »Flirt« etwas sachter vor, ist dabei aber nicht weniger zielstrebig. Auch seine Geschichte handelt von einer Frau, die scheinbar auf nichts anderes gewartet hat, als auf sein Zeichen hin zu reagieren. Zeigt der Erfolg dieser beiden Songs wirklich, dass genau diese Rollenverteilung bei der »Anbahnung« die Wunschvorstellung aller Geschlechter ist? Hoffentlich nicht.
Wahrscheinlich ist es eher eine Mischung aus Glück und der typischen, vollkommen ambitionslosen Erfolgsformel für Hits, die bei diesen beiden Songs griff: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren ein urlaubssehnsüchtiges Sound-Gewand, ein Midtempo-Rhythmus, der auch noch den steifsten Tänzer einbezieht, und der Verzicht auf jede Schräge und Kante. Außerdem nur wenige Konkurrenzlieder, die ähnliche Ingredienzien mitbrachten. Eine Erklärung, so einfach wie langweilig, die aber die »Faszination« dieser Songs und den entsprechenden Nerv-Faktor höchstens halb verdeutlicht.

 Zeitgemäßer wäre es in jedem Fall gewesen, das Thema von Falcos »Jeanny« erneut hervorzuholen. Dessen damalige Zeilen wie »Du hast gesagt: ›Mach mich nicht an.‹ Aber du warst durchschaut, Augen sagen mehr als Worte. Du brauchst mich doch, hm? Alle wissen, dass wir zusammen sind ab heute« sind den Erotik-Fantasien heutiger Pop-Texter ja zumindest nicht unähnlich. Hilfe!