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»Es darf halt nicht scheiße sein«

Sophia Kennedy im Gespräch

Die Wahlhamburgerin Sophia Kennedy hat ein vor Ideen explodierendes Pop-Album aufgenommen und ist damit erstaunlicherweise bei Pampa Records gelandet, die so was bisher nicht im Oeuvre hatten. Wie das passieren konnte, erklärte sie Daniel Koch im Pampa-Headquarter in Kreuzberg.
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»Man kann doch alles machen, wenn man nicht nervt und nicht scheiße dabei ist.« Tolle Sätze wie diese haut Sophia Kennedy häufig raus in dieser halben Stunde Interview, in der wir den Kaffee stilecht aus DJ-Koze-Tassen trinken. Ihr Debüt, das nur ihren Namen trägt, hat dieses Statement quasi vertont. Da reiht sich eine sehnsüchtig verhallte Ballade auf ihre einstige Heimatstadt »Baltimore« an einen verorgelten Beat-Schieber wie »Foam«, da trifft die nervös geigende »Dizzy Izzy« auf »William By The Windowsill«, der ein ganz großer Popsong sein könnte, wenn er nur halb so bockig wäre. »Bewährtes aufgreifen und es durcheinanderwirbeln«, so beschreibt Sophia ihre Arbeitsweise und trifft es damit ganz gut. »Meine Stimme und das Klavier sind schon die Basis meines Songwritings, und das kann natürlich ganz schnell ganz scheiße werden. Das kann ganz schnell in so ein langweiliges, abgedroschenes, biederes Ding kippen. Das wollte ich unbedingt vermeiden.« Dieses Arbeitsziel haben sie und Produzent Mense Reents erreicht. Und da dieser seine Solosachen auch bei Pampa veröffentlicht, lag es für sie nahe, dort mit dem vollständigen Album vorstellig zu werden.

Dass Sophia nun Musikerin ist, die auch für namhafte Theater wie das Deutsche Theater in Berlin oder das Thalia in Hamburg komponiert, war dennoch eher Zufall. Eigentlich wollte sie Filme machen und ging für solch ein Studium an die Kunsthochschule in Hamburg. Wobei: »Ich war eigentlich nur da, um irgendwo zu sein. Ich hatte als Jugendliche schon viel gefilmt und Musik gemacht. Und dachte erst, Film sei es für mich.« Aber dafür sei sie auf Dauer zu ungeduldig gewesen, gibt sie zu. Als sie dann mit Erobique ihre erste Single »Angel Lagoon« produzierte, war die Sache für sie klar: doch eher Musik. Eine glückliche Fügung, finden wir, wobei wir doch schon gerne mal diesen Film sehen würden: »In einem ging es um eine Pfirsich-Sekte, die alle Menschen zu Pfirsichen machen wollte, weil es der Erde dann besser ginge.« Ganz so durchgeknallt ist ihre Musik und das darin auftauchende Personal nicht, und doch haben wir in diesem Jahr kaum ein Album gehört, das noch mehr Ideen rausfeuert.
Du hast in einem anderen Interview den schlauen Satz gesagt, man dürfe keine Angst davor haben, »dass es plötzlich Pop wird«. Wie hast du das gemeint?  
Oh ja, das klang schlau, nicht war? Es gibt verschiedene Wege, wie ich das gemeint haben könnte. Vielleicht habe ich es nur laut ausgesprochen, um es mir selbst nochmal klarzumachen. Denn Popmusik ist ja grundsätzlich erst einmal vieles. Ich weiß natürlich, was die Leute meinen, wenn sie schimpfen, ihnen wäre eine bestimmte Musik »zu poppig«. Gleichzeitig kann man sich aber doch dazu bekennen, seine eigene Version von Pop zu machen, ohne sich rechtfertigen zu müssen, dass man zwangsläufig zu der ganzen anderen Scheiße, die auch Popmusik ist, dazugehört. Singer/Songwriter haben ja ein ähnliches Problem. Der Begriff ist durch viele Weichspüler gerade sehr negativ besetzt, aber im Grunde ist es eine Bezeichnung, die eine gewisse Tradition und Qualität hat.

Einige Songtexte, zum Beispiel »William By The Windowsill«, sind sehr szenisch erzählt, geradezu filmisch. Wie tief ging deine Arbeit damals denn eigentlich ins Filmische, bevor du auf Musik umgeschwenkt bist?
Ich habe schon eigene Filme gedreht. Eher so ganz absurde, die wirken, als wären sie in den 40ern entstanden. Aber ich war viel zu ungeduldig, um mir die ganze Technik draufzuschaffen. Deshalb habe ich Filme in meinem Zimmer produziert. Ich habe die Kulissen gemalt und Lampen dran gehalten. Die Kostüme waren selbst gebastelt. In diesem Film mit der Pfirsich-Sekte, die die Menschheit erobern will, weil die Welt dann eine bessere wäre, hatte ich sechs Leute, die so Pfirsichhauben und Blätterumhänge trugen. Dazu habe ich sektenartige Gesänge geschrieben. Ich habe mir also an allen Fronten sehr viel Mühe gemacht und am Ende hat keiner verstanden, was ich mit diesen überzogenen theatralischen Welten sagen wollte. Deshalb habe ich danach damit einfach aufgehört.

Und wie war dann der Weg zur Musikerin, die auf ihrem Debüt jedes Instrument selbst eingespielt hat und die für Theaterproduktionen in Hamburg und Berlin komponiert?
Das klingt immer so glamourös. Ich bin keine virtuose Musikerin. Klavier ist schon mein Hauptinstrument, aber das habe ich auch nur ein Jahr so richtig gelernt, dann wurde mir der Unterricht schon wieder zu stressig. Ich habe mir nach und nach ein paar Tricks und Kniffe draufgeschafft, »wie man es so macht« und ein paar Instrumente rudimentär gelernt. Aber es war mir schon wichtig, dass ich alles auf diesem Album representen kann und nicht als Sängerin vor einer Band stehe. Bei der Albumproduktion gab es dann diese Momente, wo ich und mein Produzent dachten: »Wow, wir haben wir das jetzt gemacht? Das können wir doch gar nicht!« Einmal einen geilen Refrain gefunden, und dann wie die Kings fühlen und besaufen - und am nächsten Tag wollten wir es aufnehmen und dachten: »Scheiße, wie ging der noch mal?«. Dieser Wechsel von Selbstüber- und Selbstunterschätzung war immer präsent.

Sophia Kennedy

Sophia Kennedy

Release: 28.04.2017

℗ 2017 PAMPA RECORDS