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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Auf einen Kaffee mit Robin Proper-Sheppard

Sophia im Gespräch

Sieben Jahre sind vergangen seit dem letzten Studioalbum von Sophia. Nun kehrt Robin Proper-Sheppard mit der Songsammlung »As We Make Our Ways ... (Unknown Harbours)« zurück, die wieder einmal jegliche Formen von Schwermut graziös vertont. Daniel Koch traf den Songwriter und Kopf der Band auf einen Kaffee in Köln und sprach mit ihm über seine Wahlheimat Brüssel, einfältige Kalifornier und die Reunion seiner Band The God Machine, die niemals passieren kann.
Geschrieben am
Das Hallmackenreuther in Köln. Der erste Tisch auf der Empore, gleich rechts am Geländer. Genau hier saß ich 2006 schon einmal mit Robin Proper-Sheppard und freute mich, über meinen ersten Einseiter, den ich als neuer Praktikant für dieses Magazin schreiben durfte. So sehr verändert hat er sich gar nicht. Immer noch sprudeln die Worte aus ihm heraus, immer noch sitzen seine Haare brav und perfekt, immer noch lacht er viel, wenn er über seine traurige Musik redet.

So recht will ich es auch nicht wahrhaben, wie lange dieser Mann schon mit seiner Musik einen Platz in meinem Leben hat. 1994 muss es gewesen sein, als ich seine erste Band The God Machine für mich entdeckte. Die zweite und letzte Platte »One Last Laugh In A Place Of Dying« erschien, als das Trio bereits traurige Geschichte war. Der Bassist der Band, Jimmy Fernandez, verstarb an einem Hirntumor, kurz nach den Aufnahmen in Prag. Ich las in der Visions davon. Da wusste man nicht so recht, wie man darüber schreiben sollte und druckte als Nachruf die kompletten Lyrics der Platte und Schnappschüsse aus Prag. Das beeindruckte mich irgendwie mit meinen pathosanfälligen 16 Jahren. Was auch für die Musik von The God Machine gilt. Aber erst überforderte sie mich. Songs wie »In Bad Dreams«, »Boy By The Roadside«, oder »Purity« und »It’s All Over« vom Debütalbum trugen eine tonnenschwere Traurigkeit in sich, die ich bisher so noch nicht gehört hatte. Das erste Sophia-Album, ein stilles, akustisches, den Tod umkreisendes Werk, hatte den gleichen Effekt, auch ohne die Gitarrenmacht und das Orchestrale, das The God Machine so groß gemacht hatte, dass ihr Bandname nicht als Aufschneiderei durch geht. Sag ich ihm natürlich alles nicht. Er wird schon merken, was seine Musik den Menschen bedeutet.  

I am a drifter, baby ... 

Nach sieben Jahren voller kleiner Touren und Wohnzimmerkonzerten nun also ein neues Album. »As We Make Our Way (Unknown Harbours)« nennt er es, etwas sperrig, muss man sagen, aber es passt zu diesen Liedern über Schuld und Sühne, über das ziellose Reisen, die Einsamkeit. »The Drifter« heißt das Herz dieser Platte, eine typische Sophia-Nummer, mit dem Bekenntnis: »I’m a drifter baby, you caught me on the road«. Es klingt nach turbulenten Zeiten, die Robin sortieren musste. »Es ist wirklich viel passiert in den letzten Jahren, aber es war nicht so, dass ich mich ausgeklinkt habe, um im Stillen an diesen Songs zu arbeiten, damit Sinn oder Ordnung in mein kommt. Ich schreibe eigentlich ständig neue Lieder, für mich ergaben sie in dieser Folge und Zusammenstellung einen Konsistenz, einen Sinn. Mein Bassist und mein Schlagzeuger sind da anderer Meinung, sie fragten mich, warum ihr Lieblingssong nicht drauf sei, obwohl das ausnahmsweise mal ein Hit werden könnte.«

In California the sun isn’t everything ...

Turbulent wurde es in Robins Leben vor allem aufgrund seiner Wohnsituation. Die letzten Jahre lebte er in Brüssel, »weil meine Tochter Hope bei ihrer Mutter in London lebt und nur in den Zug steigen muss, wenn sie mich besuchen will.« Eine eher logistische Entscheidung, die aber einen guten Einfluss auf seine Karriere hatte: »Ich habe in Gent tolle Musiker kennengelernt, habe mit jungen Bands gearbeitet und sie produziert, und ich kenne jetzt ein paar echt verrückte Belgier.« Kompliziert wurde es, als er aufgrund von Visa-Problemen in seine Heimat Kalifornien reisen musste, weil er sie nur dort lösen konnte. Was auch erklärt, warum es einen musikalisch fast sonnigen und lyrisch eher vernichtenden Song namens »California« auf der Platte gibt. »Diese Reise hat mich ziemlich mitgenommen. Ich habe schon lange in Europa gelebt und war das letzte mal vor 15 Jahren da, als meine Mutter starb. Trotzdem dachte ich immer, dort sei meine Heimat. Ich hatte sogar die romantische Vorstellung, dass ich irgendwann zurückkehre, eine Haus am Meer kaufe, mir ein Longboard zulege und dann einer von diesen arschcoolen graubärtigen Surfer-Opis werde.« Er schüttelt den Kopf, lächelt jetzt nicht mehr, sieht sogar mal kurz so traurig aus, wie seine Lieder klingen. »Zu sehen, wie die Menschen dort leben, hat mir das Herz gebrochen. Ich will sie nicht verurteilen, aber wenn du viele Jahre in Europa gelebt hast, den Standard der Medien hier gewöhnt und dementsprechend aufgeklärt bist, ist es ein Schock für dich zu sehen, was viele Amerikaner glauben. Die Medien dort sind ein Witz und die Menschen sind so mit sich selbst beschäftigt, dass sie gar nicht sehen, wie sehr sie verarscht werden. Schlimmer noch: Da kommt so ein Idiot wie Trump, dem außer Grenzenziehen und Hass nichts einfällt, und die Leute fressen ihm aus der Hand. Als wenn seine Ideen genial wären, als hätten sie jemals in der Geschichte funktioniert!«

So don’t ask what you don’t wanna know ...

Während unseres Gesprächs sitzt die ganze Zeit ein Elefant mit im Raum, und in meinem Kopf läuft ein Lieblingssong des Albums namens »Don’t Ask«. Denn: Robin wohnt in Brüssel, das Interview findet ein Tag nach den Attentaten am Flughafen und in der Metro statt. Wie ist das für ihn? »Meinen Freunden ist nichts passiert, aber ich war natürlich geschockt. Ich war nicht in der Stadt, aber auf die Website des Guardian zu starren, und zu sehen, wie es seinen Lauf nimmt, wenn man die Orte kennt, ist auch keine schöne Erfahrung. Für die Opfer ist es tragisch, für die ganze Stadt. Die Brüsseler waren gerade so weit, dass sie schlimme Zeit nach den Paris-Anschlägen verarbeitet hatten. Viele außerhalb Belgiens haben das schon wieder vergessen, aber unmittelbar nach Paris gab es eine Zeit, in der die ganze Stadt wie eingefroren war. Der öffentliche Nahverkehr war eingestellt, die Leute sollten zuhause bleiben, überall patroullierte Militär. Gerade schien es, als sei das schlimmste vorbei –und dann das. Aber die Belgier sind zäh. Die werden das überstehen. Bloß schlimm, wie viele Idioten jetzt brüllen, wir müssten die Grenzen dicht machen. Als hätte das eine zwingend was mit dem anderen zu tun. Das ist Bullshit.«

Unknown Harbours

Auch wenn das Album unbekannte Hafen im Titel führt, hat man bei Robin weiterhin das Gefühl, er wisse ganz genau, wie der den Kurs seiner Karriere setzt. Er macht einfach immer weiter und ist nach insgesamt 25 Jahren fast bescheiden. »Ich hatte nie ein riesige Fanschar, außer vielleicht zu Zeiten von ›People Are Like Seasons‹, da schienen sich ein paar mehr Leute für mich zu interessieren. Aber ich habe ein  sehr treues, dankbares Publikum, das mir viel gibt. Ich war nie der beste Gitarrist, meine Texte sind oft an der Schmerzgrenze zum Simplen, aber ich war zumindest immer radikal offen und habe nie davor zurückgeschreckt, meine Gefühle zu teilen. Als ich ›There Are No Goodbyes‹ schrieb und aufnahm, ging es mir schlecht und es hat mir das Herz zerkratzt, diese Songs auf der Tour dazu wieder und wieder zu spielen, aber ich habe auch das durchgezogen. Ich glaube, das mögen die Leute, die zu meinen Konzerten kommen, mir schreiben und meine Platten kaufen.«

Ein beruhigendes Gefühl: Nach diesem Gespräch kann es passieren, dass wir vielleicht drei, vielleicht fünf, vielleicht wieder sieben Jahre später wieder hier sitzen, im Hallmackenreuther, oben auf der Empore, erster Tisch rechts und einen Kaffee trinken. Aber eines wird nicht passieren: die Reunion von The God Machine. Eigentlich klar, aber in Zeiten, wo jede hinterletzte Drecksband mit Geldbündeln wieder auf die Bühne gelockt wird, muss man noch mal fragen: Gab’s Angebote? »Du wirst lachen: es gibt tatsächlich Typen, die fragen, ob ich mir das vorstellen kann. Aber, sollen sie ruhig. Dann schmettere ich es eben ab. Diese Band kann es nicht noch einmal geben. So einfach ist es.«  

Sophia

As We Make Our Way (Unknown Harbours)

Release: 15.04.2016

℗ 2016 The Flower Shop Recordings , marketed by Motor Entertainment