×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Sofort fühlbar

Sonne aus dem Arsch: Dirty Projectors

Was ist denn mit den Dirty Projectors passiert? Nachdem ihr letztes Album den Trennungsschmerz von Bandkopf David Longstreth in düsteren, futuristischen Popsongs verarbeitet hatte, schreit dem Nachfolger »Lamp Lit Prose« in jeder Note die Sonne aus dem Arsch. Annett Bonkowski ließ sich von Longstreth erklären, was es mit diesen Frühlingsgefühlen auf sich hat.

Geschrieben am

David Longstreth sitzt zu Hause im sonnigen L.A. und schildert mir seinen Blick auf die vom Wind durchgeschüttelte Baumkrone vor seinem Haus. Ein Stimmungsbild, das dem Charakter des neuen Albums »Lamp Lit Prose« auf wundersame Weise gleicht, wie er sagt: »Ich tendiere dazu, nichts als gegeben anzusehen, sondern immer wieder aufs Neue zu suchen und erneut hinzusehen. Mein musikalischer Held Kyle Fields von den Little Wings hat den wundervollen Song »Look What The Light Did Now« geschrieben. Ich bewundere seine Sicht auf die Welt, denn wenn du deine Augen offen hältst, wirst du immer wieder neue Dinge sehen, wie zum Beispiel das Sonnenlicht, das den Baum jeden Moment anders erscheinen lässt. Die Musik, die ich derzeit mache, reflektiert dieses sich ständig neu erfindende Element.« Trotz der leicht knisternden Telefonleitung klingt seine Stimme voller Tatendrang.

Nach dem bitteren Gefühlschaos und der Aufarbeitung seiner Trennung von Ex-Dirty-Projectors-Mitglied und Freundin Amber Coffman auf dem 2017er-Album »Dirty Projectors« folgt mit »Lamp Lit Prose« nun die hoffnungsvolle Kehrtwende, die seinen Gefühlen und auch der Musik eine größere Leichtigkeit sowie melodische Vielfalt einräumt. Dass beide emotional gegensätzlichen Zustände unmittelbar miteinander verbunden sind und die Arbeit am neuen Album keineswegs ein losgelöster Prozess war, bekräftigt Longstreth umgehend: »Wenn ich mir das große Ganze ansehe, wollte ich diese Idee von zwei inhaltlich miteinander verknüpften und aufeinander aufbauenden Alben schon länger umsetzen, um damit wieder eine Balance herzustellen.«

Auch das Albumcover liest sich dahingehend wie ein weiteres Puzzleteil. Inmitten eines Blumendurcheinanders schweben zwei fragile Glaskonstrukte in alarmierendem Rot und beruhigendem Blau – gegensätzlich, aber dennoch harmonisch miteinander verbunden. Wo »Dirty Projectors« herrlich verkopft einen Faszinationsmoment nach dem nächsten schuf, dabei aber oft die dunklen Facetten erforschte, überzeugt »Lamp Lit Prose« mit hoffnungsvoller Euphorie, Offenheit und dem Mut, auch ohne tonnenschweren Gefühlsballast substanzielle Songs zu schaffen: »Ich habe mir in Bezug auf das neue Album geschworen, nicht erneut in dunkle Tiefen abzudriften, sondern im Jetzt einen Moment ausfindig zu machen, der Optimismus zum Ausdruck bringt. In der Vergangenheit bin ich oft sehr kopflastig vorgegangen. Mittlerweile habe ich aber die Geduld für Musik verloren, die nicht auch sofort fühlbar ist. Die neuen Songs entsprechen einer neuen Art von Präsenz und dem Gefühl im Frühjahr, wenn die Wolkendecke aufbricht und überall Neues heranwächst«, sagt Longstreth nachdenklich.

Allein Songtitel wie »I Feel Energy«, »Right Now« oder auch »Feel It All« zeugen davon, dass Longstreth das persönliche Tief durchquert und hinter sich gelassen hat. Jedoch nicht, ohne seine Liebe zur Gitarre wieder aufflammen zu lassen, die viele der neuen Stücke auf »Lamp Lit Prose« prägt: »Ganz ehrlich, die Gitarre und ich – wir haben ein ganz besonderes Verhältnis zueinander. Dennoch hatte ich beim letzten Album das Gefühl, ihr nicht den nötigen Raum geben zu können. Dafür sprudeln die Ideen momentan nur so aus mir heraus, was das Songwriting auf der Gitarre angeht.«

Auch 2018 hat David Longstreth seine Lust an Kollaborationen nicht verloren, in regelmäßigen Abständen ziehen sie sich durch sein Werk. Auf »Lamp Lit Prose« hört man Indie-Größen wie Robin Pecknold von den Fleet Foxes, die Haim-Schwestern, Amber Mark oder auch Ex-Vampire-Weekend-Mitglied Rostam Batmanglij. Diese Kollaborationen fügen sich ebenso organisch ins Klangbild wie der Wunsch, den Groove passend zum musikalisch aufgeräumteren Songwriting in die vorderste Reihe zu rücken. Als die Arbeit an »Lamp Lit Prose« bereits abgeschlossen war und Longstreth das Vinyl im März als Testpressung in der Hand hielt, hat ihn genau jener Groove noch einmal zurück an die Mixing-Regler geführt, erzählt er halb verzweifelt, halb belustigt: »Vieles auf dem neuen Album basiert auf einem bestimmten Groove. Das Mixen von Songs ist immer eine Art Kampf und Herausforderung zugleich. Im Februar dachte ich noch, ich hätte alles im Griff, nur um dann im März festzustellen, dass ich hinsichtlich des Mixings noch einmal von vorne anfangen musste. Der Groove war einfach nicht stark genug.« Typischer Fall von »Künstler kann seinen Song nicht loslassen«, oder ist es eher technische Raffinesse?

In der Leitung ertönt ein Klageruf: »Ich habe keine Ahnung, wieso ich es nicht schon früher bemerkt habe! Das Loslassen hat bei den neuen Songs in der Regel gut funktioniert. Wirklich. Alles Negative? Losgelassen. Wie? Höre dafür am besten mein vorheriges Album. Aber das Mixen? Das hat mich ganz schön auf die Probe gestellt.« Das anschließende Lachen und die allgemein zum Vorschein kommende Zuversicht stehen dem Dirty-Projectors-Mastermind gut. Seine ungebrochene Neugier und ein musikalisch fühlbarer Energieschub lassen »Lamp Lit Prose« förmlich aufatmen. Gleichermaßen wirkt die Band damit so zugänglich und motiviert wie schon lange nicht mehr.

Dirty Projectors

Lamp Lit Prose

Release: 13.07.2018

℗ 2018 Domino Recording Co Ltd

Folgt uns auf

  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr