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Emotional entfesselt

Sonic Youth live

Sonic Youth haben trotz (oder gerade auf Grund) ihrer langjährigen Präsenz immer noch mehr zu sagen als so manche Jungspundband mit einem "The" davor. Berlin lag den Amerikanern jedenfalls zu Füßen, auch noch lange nach Schlusspfiff.
Geschrieben am
16.12.06, Berlin, Postbahnhof.
Bildergalerie
Heute fühlt man sich ungewohnt wichtig. Kein VIP-Pass oder eine Einladung zur Aftershowparty sind der Grund, es reicht ein stinknormales Konzertticket: Die einzige Deutschland-Show von Sonic Youth ist seit Wochen ausverkauft und Eintrittskarten wechseln via Online-Auktion zu dreistelligen Euro-Beträgen ihren Besitzer. Erwartungsfrohe Gesichter wohin man blickt. Entspannt letztlich nur bei denjenigen, die den Einlass sicher haben.

Etwas bitter ist die Tatsache, dass J.Mascis trotz angekündigtem Konzertbeginn von 20:00 Uhr bereits seit 19:30 Uhr auf seinem Stuhl sitzt. 'Freak Scene' also als Flurbeschallung, in der restlichen halben Stunde folgen Solosongs und Dinosaur Jr.-Klassiker auf der Akustischen, folkige Akkorde auf Feedbackattacken per Fußschalter. Der verschroben-schüchterne Mann mit der großen Brille hat auch solo was zu sagen. Vor einigen Tagen in Brüssel und beim famosen All Tomorrow’s Parties-Festival in England spielte er auf Einladung von Sonic Youth mit seinen Dinosauriern – hätte man letztlich auch heute lieber gehabt.

Die große Halle im Postbahnhof ist prall gefüllt als Sonic Youth schon um kurz nach 20:30 Uhr die Bühne betreten. Mit 'Teenage Riot' haben die Amerikaner die Menge direkt auf ihrer Seite, der Song vom Bahn brechenden Album 'Daydream Nation' ist mittlerweile mal locker 15 Jahre alt und kein bisschen angestaubt. Überhaupt ist es überraschend wie agil Thurston Moore, Lee Ronaldo und Kim Gordon auf der Bühne agieren. Insbesondere die charismatische Gordon legt ihren Bass immer öfter beiseite um sich hemmungslosem Tanzen hinzugeben. Dank Unterstützung von Ex-Pavement-Bassmann Mark Ibold hat sie auch ausreichend Freiraum dafür. Ist nix mit Unnahbarkeit, das Vorbild aller weiblichen Bassistinnen mit Geschmack scheint sich gefunden zu haben. Moore kreuzt mit Ronaldo in Luftsprüngen die Gitarren und hat noch immer viel vom schaurig-schönen Spiel eines Neil Young im Geiste.

Ansonsten besteht der Großteil des Programms aus dem (regulären) aktuellen Album 'Rather Ripped'. Das fällt ungewöhnlich harmonisch und zugänglich, ja fast poppig aus. Wer sich daran stößt ist selber Schuld, schließlich haben diese New Yorker noch immer mehr zu sagen als irgendwelche hippen The-Bands oder Hypes aus UK.

Nach einigen Minuten der sehnsüchtig erwarteten Feedback-Salven entpuppt sich 'Turquise Boy' mit krautiger Leichtigkeit und eruptivem Finale als kompositorischer Höhepunkt und Herzstück von Sonic Youth anno 2006. Der Punk von vor 20 Jahren ist erwachsen geworden. Spätestens bei '100%' kommen auch die hinteren Reihen ins Tanzen. Dabei ist das Publikum angenehm respektvoll im Umgang miteinander – kein Wunder, liegt der Altersdurchschnitt bei ca. 30 Jahren. 'Pink Steam' als weiterer Höhepunkt des neuen Materials beschließt das reguläre Set nach gut 70 Minuten.In den Zugaben geht es dann mit 'Candle' und 'Shaking Hell' noch einmal ganz weit zurück in den reichhaltigen Backkatalog einer der wichtigsten Rockbands der letzten 20 Jahre: Der Raum ist in dunkles Blau gehalten und Kim Gordon gibt ihre intensivste Performance des Abends!Hochachtung und frenetischer Jubel auch noch lange nachdem die Saalbeleuchtung eingeschaltet ist. Sei es die Tatsache, dass Berlin die letzte Station des kurzen Europa-Ausflugs ist oder das durch die Fußball-Weltmeisterschaft emotional entfesselte Deutschland: Die Band kommt noch einmal mit Verneigungen zurück und bringt es auf den Punkt: Kool Thing!


Setlist

Teenage Riot
Reena
Incinerate
Scip Tracer
What a Waste
Schizophrenia
Do You Believe in Rapture?
Turquoise Boy
World Looks Red
Rats
100%
Jams Run Free
Pink Steam
--------------------
Lights Out
Candle
Neutral
Shaking Hell
--------------------
Kool Thing


Das sagt Christoph Dorner: "Bei all dem wochenendlichen Hype um Sonic Youth in Berlin: Mich hat das Konzert etwas enttäuscht. Erstens war die Erwartungshaltung an Sonic Youth im Publikum überdimensional, fast schon pervers hoch. Sonic Youth: Die heilige Kuh aus dem Hindiekush. Als ob man der eigenen Oma gratuliert, dass sie noch lebt. Da wurde die Band nach jedem Song zwanghaft abgefeiert, obwohl viele Leute spürbar von der relativ einseitigen Songauswahl enttäuscht waren. Und auch im nachhinein: Braves Lob allerseits.

Feedback-Jazz und noisige Interludes ließen die New Yorker bis auf einen kleinen Sidestep auch weg und präsentierten sich anno 2006 fast schon als (Noise-)Pop-Band mit immer noch ordentlich Schmiere in den Gelenken. Kim Gordon tanzte auf der Bühne immer noch wie das Sexsymbol von anno dazumal, Thurston Moore war dagegen deutlich steifer als noch bei den Festivalauftritten der letzten Jahre.

Außerdem hat sich die Band an diesem Abend zu sehr auf Songs von 'Rather Ripped' konzentriert und meiner Meinung nach die weiteren gelungen Alben aus der jüngeren Schaffensphase ('Sonic Nurse', 'Murray Street') völlig unberücksichtigt. Die wenigen Hits wirken in dem, zugegeben äußerst organischen Set, etwas wie Fremdkörper. Es spricht jedoch für Sonic Youth, kein Best Of-Programm durchzushuffeln, das hätte zu sehr nach Abschied geklungen. Den Song 'Stones' hätte ich dann aber doch gerne gehört.
"


Und das sagt das Forum:

ocean_pie: "Jaaa, ich fand's auch großartig, und die überraschende Zugabe war noch das Sahnehäubchen zum Schluss. Wie machen die das nur, nach 25jähriger Bandgeschichte immer noch so gut zu sein?! J.Mascis leider verpasst, an so überpünktliche Konzerte kann ich mich irgendwie nicht gewöhnen, im Postbahnhof scheint das allerdings immer so zu sein."

nachtrag: "für etwas kleinere leute ist der postbahnhof ja nicht so das wahre. aber das konzert war trotzdem der absolute hammer. sehr schön der gitarrenkampf im darth vader style. tolle live-umsetzung der neuen platte und techno nur mit drums, gitarren und bass möchte ich öfter hören."

Hipecac_243: "Es war aber ein sehr schönes Konzert - mein erstes Mal Sonic Youth live. Hab mich besonders über "Skip Tracer" und die - trotz der Konzentration aufs letzte Album- vielen hübschen Krachabfahrten gefreut."