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Interview zum 'Dirty'-Release

Sonic Youth

Eine Frau sitzt auf einem Stuhl. Mehr gleichgültig als aufmerk­sam mustert sie die Menschen in dem schmucklosen Hotelzim­mer, das sich nur durch ihre Gegenwart definiert und zu einem Kaum der eigentümlichen Art wird. Die Augen der Frau strahlen dieselbe scheinbare Teilnahmslosigkeit aus, mit der sie
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Eine Frau sitzt auf einem Stuhl. Mehr gleichgültig als aufmerk­sam mustert sie die Menschen in dem schmucklosen Hotelzim­mer, das sich nur durch ihre Gegenwart definiert und zu einem Kaum der eigentümlichen Art wird. Die Augen der Frau strahlen dieselbe scheinbare Teilnahmslosigkeit aus, mit der sie ihre Son­gs ins Mikrophon haucht: Eine Begegnung mit Kim Gordon ist ei­ne Begegnung, die Du so schnell nicht vergißt...

Die große, dünne Frau mit den hellblonden, strähnigen Haaren gehört zu jenen Freunden des kultivierten Lärms, die sich vor knapp einem dutzend Jahren in den unergründlichen Tiefen des New Yorker Under­grounds unter dem Namen Sonic Youth zusammengekracht haben. Sie ist der weibliche Faktor einer Band, die ohne sie nicht das wäre, was sie heute ist: die auftregendste amerikanische Band der frühren 90er Jahre. Mit dem aktuellen Al­bum „Dirty" haben die Grenzgänger zwi­schen Musik und Lärm jetzt ihre psyche­delische Reise ins nächste Jahrtausend fortgesetzt: Mit Songs von geschmeidiger Schönheit und sperrigen Dissonanzen.
Da stellt sich die Frage, wo die Grenze zwischen Musik und Geräusch ist. Was sol­len zum Beispiel jene geheimnisvollen 90 Sekunden des apokalyptischen Getöses, das die wundersame Ballade „On the Strip", das mit Abstand stärkste Stück auf dem neuen Album, zu zerstören drohen? 90 Sekunden Inferno als Chartstopper? Kim Gordon: „Nein ... das ist einfach nur die Idee des Songs". Und diese beschreibt der Weggefährte der ersten Stunde, Thurston Moore, denkbar einfach. In „On the Strip" gehe es um: „Schmutzige Träume von schmutzigen Tagen von schmutzigen Boulevarde und schmutzigen Mädchen und Jungen im schmutzigen L.A." Alles klar.
Wie ein verdreckter roter Faden zieht sich der Schmutz dann auch durch das neueste Werk der tönenden, jetzt in die Jahre gekommenen Jugend aus New York. Was sich noch auf dem vielumjubelten Vorgänger „Goo" auf „Dirty Boots" be­schränkte, erscheint plötzlich als die Klei­ne Philosophie des Schmutzes, der dann auch gleich dem ganzen Werk den Namen gibt. „Kim, was ist das, Schmutz?" Kim: „Well, ich glaube Schmutz bedeutet soviel wie der Verlust der Unschuld. Andererseits geht es auch darum, was die Regierung oder rechte puritanische Kreise in den USA als schmutzig bezeichnen. In den Au­gen dieser Leute ist Kunst oder Musik plötzlich schmutzig. Dinge, die wir nie dafür halten würden." „Und was ist für Dich Unschuld?" Kim Gordon: „Das Un­terbewußtsein. Das Nichtwissen ..." Sie lacht, wenn sie dies sagt, denn sie WEISS, wie schön der Verlust der Unschuld sein kann.

Da redet eine Frau von Unschuld, deren heiser-sinnliche Stimme alles andere als unschuldig ist und so gar nicht in das sau­bere Amerika des George Bush paßt. „Glaubst Du nicht auch, daß Deine Stim­me von Song zu Song immer erotischer geworden ist?" Kim Gordon: „Ich würde nicht sagen, daß sie erotischer wird. Ich glaube, sie ist einfach nur konzentrierter, auf den Punkt gebracht." Die Frage, ob diese schwer faßbare Erotik vielleicht nur in unserer Wahrnehmung existiert, weiß Kim Gordon kurz und bündig zu beant­worten: „Ich weiß nicht."

Wenn Kim Gordon schon nicht den Eindruck des Fragenden teilen kann, daß ihre Stimme mit jedem Song erotische Ge­filde erklimmt, ist eine andere Frage er­laubt: „Wandelt Sonic Youth mit „Dirty" auf einem psychedelischen Trip, schließ­lich breiten sich die quälend-schleppen­den Klangfiguren von „On the Strip" wie ein zäher Lavastrom durch das Ohr des Hörers?" Auch diese Frage bereitet Kim ei­niges Kopfzerbrechen, kommt doch wie­der einer daher, der die musikalischen Schubladen nicht zu Hause lassen konnte. Kim: „Im stilistischen Sinne würde ich nicht von psychedelisch sprechen. Da denke ich eher an die Musik anderer Bands als unsere." Sie denkt einen Mo­ment lang nach und fügt schmunzelnd hinzu: „Die ganze Welt wird doch psyche­delischer. Die Welt ist schon ganz schön merkwürdig und das Leben auch. Viel­leicht drückt unsere Musik das aus, ohne daß es psychedelisch gemeint ist."

„Stört Dich der Begriff Psychedelia?" Kim: „Der Begriff interessiert mich nicht. Ich meine, unsere Musik ist eher orga­nisch, natürlich." Und dann faßt sich die Muse von Thurston Moore doch noch ein Herz, mit ernster Miene wirft sie ein, als ob sie gerade ein wichtiges Erkenntnis erlangt hat: „Ja, sicher­lich, wir machen psychedelische Musik."
Sichtlich er­leichtert ist die auf der Promoti­on-Tour mit Hun­derten von Fragen bombadierte In­terviewpartnerin, als das Gespräch auf die Musik an­derer gelenkt wird, über die sich bekanntlich besser re­den läßt. Keinen Moment lang zögert die New Yorker Underground-Heroin, als es um die Mitbringsel auf die einsame Insel geht: „Ich würde all meine Dinosaur Jr.-CD's mitnehmen. John Mascis ist unser Freund. Wir lieben seine Musik, die ihm so einfach zufliegt."

Noch mehr fällt Kim Gordon natürlich zu Neil Young ein, den Thurston Moore kürzlich in einem Interview zum unan­tastbaren und ultimativen Vorreiter der gesamten Hardcore-Szene erkoren hat. Kim über die Sache mit Neil Young: „Er ist wirklich ein Freak. Er ist der einzige seiner Ära, der sich so etwas wie Echtheit, Ursprpünglichkeit und Intensität bewahrt hat". Nicht ohne Stolz fügt sie hinzu, daß auch der Urvater des Garagensounds die Musik von Sonic Youth schätzt: „Er mag unsere Musik sehr. Nur höert sie nicht, weil er sich sonst zu sehr von uns beeinflussen lassen würde," erinnert sie sich an ein Kompliment von Neil.
In „Creme Brulèe", dem letzten Song des neuen Al­bums treibt die gegenseitige Wertschätzung noch andere Blüten: Kim Gordon spricht darin von ihrem Traum, Neil Young zu küssen. Unser Traum geht noch weiter: Wie wäre es, wenn Kim eines Tages als Co-wgirl in the sand an der Seite von Neil Yo­ung „Cortez the Killer" besingen würde?