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So war’s: »You are bloody lovely«

Sonic Visions 2014 – Freitag und Samstag

Beim Sonic Visions gibt es gute Ratschläge für Nachwuchs-Bands, viel Dankbarkeit und großartige Konzerte von St. Vincent, Angus & Julia Stone, Kate Tempest und vielen mehr.
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Simon Hall erzählt bei der Sonic Visions Konferenz von dem Konzert vor einer Pfadfinderinnen-Gruppe. Wer auch immer seine Metal-Band dorthin geholt hat, hatte wohl keine Ahnung. Hall sieht aus wie ein Bär, bärtig, volltätowiert, beim Reden freundlich brummelig und jemand, den man gerne sehen würde, wie er da vor den Pfadfinderinnen steht und Gitarre spielt. Er ist Booker beim Bloodstock-Festival in Großbritannien und hier, um mit Kollegen von anderen Festivals über Metal und die Szene in Luxemburg zu diskutieren. Die beginnt gerade sich mit Hilfe des Nöize Collective zu vernetzen und dafür zu sorgen, dass eine Death Metal-Band dort spielt, wo sie hingehört  - oder zumindest nicht im Pfadfinderinnenlager.

Bei den Panels der Sonic Visions Konferenz sitzen meist junge Musikerinnen und Musiker im Publikum. Einige von ihnen haben und werden während der Tage des Festivals auftreten. Hier bekommen sie die Chance, sich Veranstaltern zu präsentieren, Netzwerke zu bilden und vielleicht auch noch das ein oder andere zu lernen. 

Peter Jenner zum Beispiel ist jemand, der viel Erfahrung, viel zu berichten hat. Bei seiner Keynote-Speech (»Whatever Keynote Speech means«, sagt er) ist er erst einmal ziemlich schlecht gelaunt. Draußen findet im Dome der Soundcheck statt und gleich nebenan läuft noch ein Speed-Dating – zum netzwerken. »If those people over there don’t stop talking, I am going on strike!« ruft Jenner.
Guten Rat hat er aber auch, einfach, aber direkt: »If you want to get the crowd, you have to be different.«. Er schimpft über ewig gleiche Blues-Bands, über langweilige Acts mit zwei Gitarren, Schlagzeug und Bass. Am wütendsten jedoch macht ihn, dass es zwar Leute gibt, die mit Musik Geld verdienen, nur seien das sehr selten die MusikerInnen selber. Für ihn muss ein Lied zu einem Datensatz werden, schützbar – wie genau das klappen soll, weiß er noch nicht. Aber immerhin, er gibt uns eine Denkaufgabe mit.
So unterhaltsam die Panels sind, am Ende sind es doch die Konzerte, die die meisten Leute locken. Die Booker vom Sonic Visions haben sich große Mühe gegeben und ein abwechslungsreiches und interessantes Line-up zusammengestellt. King Gizzard and the Lizard Wizard rumpeln sich am Freitag durch ein abgefahrenes Noise-Blues-Boogie-Rock-Konzert mit Querflöteneinsatz, Kwabs hält mit stimmlich großartigem Soul am Samstag dann dagegen. The Staves, drei Schwestern aus England, überraschen weniger mit ihrem süßlichen Folk als viel mehr mit ihren sympathisch-schrägen Ansagen »You are bloody lovely« sagen sie und preisen ihre Platte mit den Worten an »Our mum loves the record and really, you can trust her«. Ähnlich niedlich kommt der Norweger Ásgeir einen Tag zuvor daher, singt teils auf Elbisch...äh, Isländisch und untermalt das mit sphärischen Synthie-Klängen. Zauberhaft. Schrammelig wird’s wieder mit The Cloud Nothings, die auffallend unauffällig aussehen, dann aber umso mehr erfreuliche Krach-Rockmusik machen.

Freitags-Headlinerin St. Vincent und ihre Keyboarderin, die manchmal auch Gitarre spielt, haben Roboter-Choreos einstudiert, dazu spielen sie wahnsinnige Gitarrensolos, irgendwann erklimmt die Sängerin eine rosafarbene Box, wieder gibt es Gitarrensoli und große Gesten. St. Vincent will Hoffnung geben, hält eine kryptische Rede über die Kindheit und ist ganz klar stärker, wenn sie Musik macht.

Die Geschwister Angus & Julia Stone sind mitverantwortlich für das deutlich vollere Haus am Samstag. Sie gehen das Ganze ruhiger an; spielen die alten Hits wie »Big Jetplane«, das wunderbare Cover von »You’re The One That I Want« und »And The Boys«, aber auch ein paar neuere Stücke wie »Heart Beats Slow«. Ein schönes, wenig aufregendes Konzert, bei dem Julia klar im Mittelpunkt steht. Angus redet wenig, seine Schwester bedankt sich für den tosenden Applaus wie The Staves zuvor mit den Worten: »You are lovely«. 
Das »bloody« können wir uns später bei Kate Tempest im Dome abholen. Die britische Rapperin hat einen beeindruckenden Flow und eine tolle Band  an der Seite. Die Beats gibt’s live und der Rap wird von einer Background-Sängerin/Rapperin unterstützt. Nach nur einer halben Stunde ist die Party vorbei, wir dürfen uns aussuchen, ob sie »something heartbreaking« oder »something dancy, something with rave« spielen soll. Alle wollen raven. »Circles« wird zum Rausschmeißer des Abends. Tempest spielt ihn lauter, elektrischer und vor allem mit mehr Energie als auf Platte. Ein Wiedersehen gibt es beim Week-End-Fest #4 in Köln.

Was am Ende allen zugute kommt, Genre hin oder her, ist der gute Sound in der gesamten Rockhal. Sowohl im Dome, als auch im Club, der Haupthalle oder dem Café ist es zwar immer sehr laut, aber nie unangenehm. Der Klang ist klar und deutlich, nie scheppert irgendwas, außer die Band will es so, nie quietscht was, nie verdeckt das Schlagzeug den Bass oder die Gitarre den Gesang. Kurz vor der Heimreise wirkt Belval nicht mehr ganz so unheimlich wie am Anreisetag. Der Stadtteil ist nicht im herkömmlichen Sinne schön, aber diese Mischung aus moderner Architektur und alter Industrie hat durchaus ihren Charme, erst recht am Sonntagmorgen, im Sonnenlicht. Hier sind an diesem Wochenende selten viele Menschen zu sehen, außer rund um die Rockhal. Aber auch das muss ja nicht schlecht sein.