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Gender Studies

Soft Pink Truth

Als eine Hälfte des Duos Matmos aus San Francisco hat Drew Daniel die Grenzen von Dancemusik in Form von gesampleter Fettabsaugung und elektrisch verstärkten Schalentieren erkundet; mit seinem Matmos-Partner Martin Schmidt und Björk konnte er die hellsten Momente des Pop genießen. Bei seinem Solopro
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Als eine Hälfte des Duos Matmos aus San Francisco hat Drew Daniel die Grenzen von Dancemusik in Form von gesampleter Fettabsaugung und elektrisch verstärkten Schalentieren erkundet; mit seinem Matmos-Partner Martin Schmidt und Björk konnte er die hellsten Momente des Pop genießen. Bei seinem Soloprojekt Soft Pink Truth aber befasst er sich eingehend mit dem matschigen Unterleib der Popmusik, überträgt seine für ihn charakteristische Vorliebe für Störungen auf den üppigen Körper von House. Das Ergebnis ist ein ekstatischer Sound mit Unterbrechungen, Ausbrüchen und häufigem Systemversagen.

House war immer schon auf Teilnahme ausgelegt: Nicht umsonst heißt ein Klassiker des Genres "Can U Feel It?". Entwickelt für eine größtmögliche Tanzfunktionalität, dient die Musik als Hinführung zur Kommunion, jeder Beat und jeder Akkord werden für ein vollständiges Versinken gebaut. Aber Soft Pink Truth ist da anders: Ohne jetzt zu unfunky klingen zu wollen, aber "Do You Party?" ist eine Art Ausarbeitung über diese einnehmende Wesensart und streift dabei Themen wie Gender und Sexualität. (Check dazu einfach nur mal das Coverartwork, wo macho-mäßige Tom-Of-Finland-Köpfe auf Erté's anmutige Frauen in Pelzen transplantiert werden.)

Der zweite Track des Albums, zutreffend mit "Gender Studies" betitelt, verkörpert Soft Pink Truths Strategie. Ein schmutziger Funk entsteht aus vertrauten Elementen: ein Chicago House Rhythmus, eine erschütternde Bassline und ein R&B-Sänger, der das Wort "Girl" wieder und wieder croont. Aber irgend etwas stimmt hier nicht: Die Rhythmen sind zu wacklig und die Stimme des Sängers ist absichtlich falsch gestimmt, so sauer wie alte Milch. Der Witz des Songs funktioniert auf mehreren Ebenen: "Ganz offensichtlich wird das Wort 'Girl' so verwendet, wie schwule Männer es bei ihren Unterhaltungen tun. Es hat also schon mal diese eine Bedeutung", sagt er in der Küche des Potrero Hill Apartments, das er sich mit seinem Matmos-Partner Martin Schmidt teilt. "Allerdings sind in den meisten Fällen doch HipHop-MCs verwendet, die versuchen, Frauen damit zu beeindrucken oder sie angraben wollen." Die Strategie hat verrückte, betont un-machomäßige Untertöne, wenn Daniel sie zu Ende gebracht hat: "I want to be a lady", singt ein leiser Schürzenjäger am Ende des Songs, als gender-verbiegende Punchline, die typisch für Soft Pink Truth ist.

"Das Projekt ist benannt nach einem Freund von mir, der House-DJ in Schwulenbars war. Er hat aber auch mit Drogen gedealt und war berühmt dafür, immer auf Speed zu sein, bis zu dem Punkt, dass er keinen mehr hoch bekam. Der Türsteher des Clubs, in dem ich Go-Go tanzte, hat ihn immer geärgert und ihn 'Soft Pink Missy' genannt, weil du mit ihm zwar nach Hause gehen konntest, aber zur Sache ging's dann doch nicht." Daniel sagt, dass der Name seines anderen Nebenprojektes, Dry Hustle - unter dessen Namen er einen spastischen Remix von Missy Elliots "Get UR Freak On" veröffentlichte (ein Song, der durch Matthew Herberts katastrophales, frühmorgendliches DJ Set beim Sónar 2001 in Barcelona zu etwas Berühmtheit gelang) - mit einer ähnlichen Idee spielt. "Bei einem 'dry hustle' nimmt man im Grunde genommen jemanden unter dem Vorwand, Sex haben zu wollen mit nach Hause, nimmt dann aber statt dessen sein Geld und schmeißt ihn raus. Es ist also ein unechtes sexuelles Treffen, das nicht wirklich stattfindet. In einer seltsamen Weise ist es Soft Pink Truth ähnlich: Beide Namen bezeichnen Fehlzündungen." Daniel zufolge bieten Tracks von Soft Pink Truth "das Ideal und die Fantasie des Spaßes, den die Tanzflurkultur verkündet, schiebt das Ganze aber noch etwas weiter, bis hin zum Punkt von Versagen und Impotenz, anstatt eine Erlösung zu liefern. "Ich nehme den Emotionen ihre Wirkung. Niemand kommt dazu, zu Ende zu reden, alle werden abgeschnitten." Diese Analyse beschreibt die Platte recht genau: Song nach Song erschafft ein Gitter aus Zwitschern, Bleeps, Kreischen, Hakern und Aufstoßern. Indem Daniel mit, wie er selbst sagt "schlechtem" Ausgangsmaterial arbeitet - theatralischen House Divas, überschwänglichen R&B-Sängern, seltsamen Disco Platten, die er aus Second-Hand-Läden rettet - hat er jede Form von Ausdruck auf atomare Proportionen heruntergeschnitten.

"Das große Klischee von House ist doch eine Frau in Ekstase, die exzessiv-emotional stöhnt - 'I'm gonna take you hiiiiigher!'", sagt er und parodiert die charakteristische Modulation. "Was ich mache, ist das Audioäquivalent eines Flirts, wo man etwas heißblütig umarmt, aber Emotionen nicht wirklich komplett ausdrückt. Ich nehme das lange Jammern und verändere es zu einem kurzen 'uh' - nur Wimmern und Jammern und kleine niedliche Küsschen auf der Wange anstelle des ganzen 'oomph'. Es ist alles sehr zurückgenommen und klein geschnitten. Aber vielleicht ist es auch mein Schamgefühl auf einem formalen Level."

Daniel wuchs in Kentucky auf, wo er als Teenager 80er Jahre Elektro gehört und Breakdance gemacht hat, bevor er Punkrock entdeckte. "Dancemusic hat mich ein bisschen im Schrank gelassen. Als ich ein Punkrock-Kid war, hielt ich Dancemusic für eine schlechte, schwule Kunstform und dachte dementsprechend: 'Ich bin nicht schwul, weil ich die schlechte Kunst, die die mögen, nicht mag.' Ich habe es nicht wirklich verstanden. Dancemusic war mit ein Grund dafür, dass ich mich nicht als Schwuler identifiziert habe, weil ich dachte 'Die ganzen Leute, die Erasure mögen, yuck. Ich mag Erasure nicht, also bin ich nicht wirklich schwul.'"

Ende der 80er zog Daniel nach San Francisco, wo die Rave- und Schwulenkultur in vollem Gange waren. Zunächst hatte er aber mit beidem wenig zu tun. "Ich kannte Leute, die zur Dancemusic-Szene gehörten und Dancemusic-Partys organisiert haben, aber ich war immer schon ein kleiner arroganter Noise-Snob", erinnert er sich. Irgendwann begann er aber eine Beziehung mit einem der ersten Rave-Promoter der Stadt, so dass er langsam herumkam: "Die wirklich zerstückelten Breakbeat-Techno-Platten erinnerten mich an die Noiseplatten, von Leuten wie Nurse With Wound. Das vordergründige Editieren war daran das Besondere. Da habe ich realisiert, dass Dancemusic nicht einfach dieser Spaßnonsens war, sie kann auch diese verrückte Form von Kritik sein. Und als ich Sachen wie Steinski und Mass Media hörte, wurde ich überzeugt, dass es innerhalb der Dancemusik auch eine Welt von künstlerisch-ästhetischen Entscheidungen gibt, die etwas wert war, und dass ich von meinem hohen Ross runterkommen sollte."

Ein Teil des Abstiegs vom hohen Ross hatte auch mit der Entdeckung einer neuen Plattform zu tun. 1989, im zarten Alter von 18 Jahren, wurde Daniel aus der Menge vor einem Nachtclub in San Francisco herausgezogen und gefragt, ob er für einen fehlenden Go-Go-Tänzer einspringen möchte. Die Geschichten, die er aus dieser Ära erzählt - "Ich machte mir immer diese verrückten G-Strings. Ich hatte zum Beispiel eine Art Plastikfisch, der meine Genitalien abdeckte und einen kleinen Schwanz, der dann an der Hinterseite rausguckte. Und ich hatte einen Joe-Camel-Kopf und einen E.T.-Kopf" -, verstärken ein wenig die Derbheit, die unter der Oberfläche von "Do You Party?" lauert. Es fällt einem nicht schwer, sich vorzustellen, wie er zu dem Elektro von "Big Booty Bitches", einem der triebhaftesten Stücke der Platte, Go-Go tanzt. Aber Daniels Erinnerung weisen auch auf einen goldenen Moment in Franciscos Gay Club-Szene hin: "'Club Uranus' war ein wirklich großer Moment in der Geschichte der Schwulenbars in San Francisco, da es genau zu den Hochzeiten von ACT UP! und Queer Nation aufkam, und die Leute waren sehr politisiert, aber sie waren auch sehr Punkrock und verrückt. Also bestand die Playlist aus James Brown, Public Enemy und 808 State, und dann kam noch eine Crash Worship Show. … Es war eine coole Zeit, was die Ästhetik und die Funkiness und den Support verschiedenster Musikrichtungen anging."

Trotz seiner Zeit als Go-Go-Tänzer ist Daniels eigene Musik weit weg von jeder Art von körperlich-elstatischen Breakbeats. Matmos würden wahrscheinlich eher das sonische Potential einer Probe von neutralem Flusskrebsgewebe erkunden als die Vergnügungszentren des menschlichen Gehirns anzusprechen. Aber vor einem Gig im Pompidou Center in Paris im Jahr 2000 forderte Matthew Herbert Daniel heraus: "Bevor wir auf Bühne gingen, sagte Matthew Backstage: ‚Drew, ich fände es toll, wenn du eine Houseplatte für mein Label machen würdest'", erinnert sich Daniel. "Ich war echt aufgeregt und ein bisschen ängstlich. Aber 'des Königs Wunsch' kann man sich nun mal nicht entziehen." Herberts eigene Produktionen- die antikapitalistische Themen in sparsame, funky Pattern verarbeiten - gehörten zu den ersten Houseplatten, für die sich Daniel erwärmen konnte.

So wie auch Herberts eigene vielschichtige Musik hat auch "Do You Party?" eine ernste Seite: "Mein Freund, der Party-Promoter, starb an AIDS. Als ich diese höllische Musik mit meinem Sampler machte, sagte er immer: ‚Warum machst du keinen Dancesong?' Somit hat das Album auch eine gedenkende Funktion. "Die Sleevenotes enthalten Props an mehrere örtliche Clubs, in denen Daniel aufgelegt oder getanzt hat. Alle ihre Gründer sind tot. Mein Freund, der 'Klubstitute' betrieb, starb an AIDS; Doug und ich, wir arbeiteten beide bei 'Club 1970', das war dieser Club in San Francisco und LA, der von diesem Typen namens Billy Limbo betrieben wurde, der auch tot ist. Und 'The Mix', der von meinem Freund am Laufen gehalten wurde, der auch die 'Party out of Bounds'-Reihe hatte, der Typ ist auch tot. Es gibt also diesen gedenkenden Blickwinkel in meiner Absicht, viele dieser spätsiebziger und frühachtziger Dancemusic Sounds wieder aufleben zu lassen."

Dieser Verlust hängt in mehreren unerwarteten Arten über der Platte. Um das Ausgangsmaterial zu finden, kaufte Daniel tonnenweise Second-Hand-Platten und suchte auf ihnen nach Momenten perfekten Schreckens. "Ich ging immer zu Community Thrift, weil das der Second-Hand-Laden der Schwulen war", sagt er. "Immer, wenn jemand an AIDS gestorben war, dann tauchte plötzlich dessen gesamte Plattensammlung bei Community Thrift auf. Du bekamst so diese seltsamen kulturellen Momentaufnahmen der späten 70er-und frühen 80er-Tanzmusik. So entstand zum Beispiel der Song 'Gender Studies' - außer den Stimmen, die immer 'girl' sagen, kommen alle anderen Sounds aus einem Stapel aus dem Laden. "Daniel ist aber misstrauisch, was die Gefühlsduselei von Soft Pink Truth betrifft." Die Musik handelt nicht wirklich von der historischen Gay Club Szene San Franciscos. "Es ist der Anlass für das Machen der Musik, aber die Musik soll eigentlich Spaß machen, sie soll lächerlich und albern sein."

Letztendlich nimmt Daniel - dessen kritische Selbstwahrnehmung fast schon neurotische Züge annimmt - sich seine Theorien über Distanz selbst nicht ab: "Ich denke bei den IDM-Typen ist das stärker ausgeprägt", sagt er und bezieht sich damit auf das notorisch verklemmte Genre "Intelligent Dance Music", "wo man mit Dancemusik zwar flirtet, sich aber auch versnobt davon distanziert, indem man sagt: ‚Oh, ich werde dir keinen Spaß erlauben.' Tracks von Soft Pink Truth sollen Spaß machen. Wenn du zu Hause eine Party machst, könntest du sie auflegen. Es ist nicht beabsichtigt, dass da so ein unendlich langer, kaputter Noiseteil drin ist, der dir noch mal deutlich macht: ‚Oh, ich glaube nicht an Dancemusik.' Das soll die Musik nicht leisten, andererseits soll es einen aber auch nicht wirklich 'higher' bringen.' Weil das lächerlich ist. Es nimmt diese exzessiven Momente und übertreibt sie so lange, bis sie lächerlich werden."

Übersetzung: Michael Krumbein