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»Paris Hilton hat viel Sinn für Humor«

Sofia Coppola über »The Bling Ring«

Zwischen Oktober 2008 und August 2009 hielt eine Einbruchserie Hollywood in Atem. Verantwortlich für den Diebstahl von Schmuck, Kleidung und anderen Luxusgegenständen aus den Villen von Stars wie Paris Hilton, Orlando Bloom, Lindsay Lohan und Megan Fox war eine Gruppe Teenager. Sofia Coppola verfilmte die Geschichte der als »Bling Ring« bekannt gewordenen Bande. Jonathan Fink sprach mit der Regisseurin über Reiz und Oberflächlichkeit der Promikultur.
Geschrieben am

Sofia, als Grundlage für »The Bling Ring« diente ein ausführlicher Vanity-Fair-Artikel. Hast du die Kids, die du porträtierst, auch persönlich getroffen?

Die Autorin der Vanity Fair hatte ein ziemlich genaues Bild der Clique gezeichnet. Aber ich habe tatsächlich zu zwei der Jugendlichen Kontakt aufgenommen. Vor allem zu dem Jungen, Nick, der im Film Mark heißt. Bevor er ins Gefängnis kam, haben wir uns ein paar Mal unterhalten. Das war sehr hilfreich fürs Drehbuch, nicht zuletzt wegen der Details, die er mir erzählt hat. Die hätte ich mir niemals ausdenken können. Auch sein Verhältnis zu der Anführerin der Gruppe wurde mir dadurch klarer. Und er hat auf jeden Fall ehrliche Reue gezeigt.

Hast du ihn deshalb zum Zentrum des Films gemacht?

Ja, auch deswegen. Mir erschien es so, dass man als Zuschauer zu Nick/Mark vermutlich am ehesten einen Bezug würde herstellen können. Das war meine Hauptschwierigkeit. Schließlich gibt es in dieser Geschichte keine wirklichen Sympathieträger. Nick fand ich am zugänglichsten, und ich habe ihn für den Film auch noch ein wenig sympathischer gemacht.

 

In deinen Filmen wie »Lost In Translation« oder »Marie Antoinette« geht es um die Langeweile der besseren Gesellschaft. Lässt sich »The Bling Ring« da auch einsortieren?

Nein. Hier geht es um Mittelschicht-Kids aus der Vorstadt, die nach einem Lebensstil streben, den sie für glamourös halten. Sie wollen für sich das in Anspruch nehmen, was unsere heutige Kultur ihnen jeden Tag vorlebt. Die brechen nicht bei Paris Hilton oder Megan Fox ein, um einzelne Kleidungs- oder Schmuckstücke zu stehlen. Sie suchen im Grunde einen bestimmten, über die Medien verbreiteten Lifestyle.

 

Das klingt nach Gesellschaftskritik ...

Das ist Interpretation. Aber tatsächlich bestand für mich der Hauptanreiz der Geschichte darin, dass sie ganz fest im Hier und Jetzt verankert ist. Sie zeichnet ein Bild unserer derzeitigen Gesellschaft. Vor zehn Jahren hätte sich das so nicht zutragen können. Damals waren Klatsch und Promi-News ein kleiner Aspekt unserer Popkultur, der Spaß machen konnte. Heute dominiert genau das unsere Medien – und es wird immer mehr.

 

Wird sich diese Entwicklung je wieder umkehren?

Das habe ich mich schon oft gefragt. Eigentlich kann es so nicht weitergehen, irgendwann muss da doch mal eine Gegenbewegung kommen. Aber wer weiß, ich bin gespannt.

Ist es dir schwergefallen, dich über diese Seite unserer Kultur und die »Jugend von heute« nicht lustig zu machen?

Das hatte ich nie vor, und die Gefahr bestand auch nicht. Das Publikum soll diese Geschichte Seite an Seite mit diesen Kids erleben und am Ende sein eigenes Urteil fällen.

 

Aber zumindest das Haus von Paris Hilton, in das die Gruppe immer wieder einbricht, zeigst du doch so, dass man ganz schön schmunzeln muss ...

Wirklich? Eigentlich habe ich es nur so gezeigt, wie es ist. Paris hat uns in ihrem echten Haus drehen lassen. Dafür zolle ich ihr Respekt. Überhaupt scheint sie mir eine sehr offene Person zu sein, mit viel Sinn für Humor. Dass Paris Hilton Kissen mit ihrem Konterfei darauf auf ihren Sesseln hat, ist auf jeden Fall selbstironisch. Würde sie sich selbst fürchterlich ernst nehmen, hätte sie uns sicher nie in ihr Haus hereingelassen.

 

Es ging also nicht um die heutige Oberflächlichkeit, für die Hilton und auch ihre Fans durchaus stehen?

Doch, in gewissem Sinne schon. Diese Oberflächlichkeit war etwas, womit ich mich schon bei meinem vorherigen Film »Somewhere« beschäftigt hatte. Mit »The Bling Ring« wollte ich noch einen Schritt weitergehen. Mir fällt auf, dass das Interesse an Prominenten immer weiter zunimmt. Jeder will heutzutage berühmt sein. Und wenn das nicht klappt, dann zumindest so viel wie möglich am Leben der Berühmten teilhaben.

 

 

 

 

Du selbst bist als Tochter von Francis Ford Coppola ins Berühmtsein hineingeboren worden. Wie viel bedeutet dir die Prominenz?

Schon in meiner Kindheit und Jugend war das Interesse der Öffentlichkeit an meiner Familie kein großes Thema. Nicht zuletzt deswegen lebten wir nicht in Hollywood, sondern in der Nähe von San Francisco. Auch heute interessiert mich das Berühmtsein nicht. Weder mein eigenes noch das anderer Leute. Wobei ich zugeben muss, dass ich es ab und zu ganz unterhaltsam finde, mir im Fernsehen die Kardashians anzugucken.

 

Wolltest du schon immer Filme machen wie dein Vater und dein Bruder?

Wie die meisten 18-Jährigen wollte ich einfach alles erst einmal ausprobieren, habe zunächst Kunst und Fotografie studiert. Irgendwann drehte ich dann aber im Studium einen Kurzfilm und merkte nicht nur, wie vielfältig die Arbeit einer Regisseurin ist, sondern auch, wie wohl ich mich damit fühle. Auch wenn Fotografien mich weiterhin inspiriert haben. Für »Somewhere« hatte ich mir viel Helmut Newton angeguckt, für »The Virgin Suicides« vor allem Bill Owens. Aber dieses Mal war Popkultur wichtiger. Es ging mir um all die Bilder, die man heute in Magazinen und im Internet sieht. Der Stil des Films sollte zur Geschichte passen. Deswegen sieht »The Bling Ring« ein bisschen so aus wie die Mode, für die sich die Kids interessieren: grell, glitzernd, laut und alles andere als subtil.