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So war's in Dortmund: Zwischen Himmel und Hölle

Soap & Skin live

Soap & Skin begeistert, berührt und schockiert gleichermaßen im gehobenem Ambiente des Pop-Abo im Dortmunder Konzerthaus. Sie wechselt gekonnt zwischen Unterwelt und Himmelswesen.
Geschrieben am

08.03.13, Dortmund, Konzerthaus

Himmel und Hölle. Zwischen diesen Polen pendelt die Österreicherin Anja Plaschg, mit Tendenz zur unheilvolleren Seite. In ihrer intensiven und schonungslosen Musik legt sie Gefühle offen, die dem Rest der Gesellschaft oft nicht lieb sind. Vielleicht verlassen auch deshalb immer wieder Besucher während des Konzertes das gut gefüllte, aber nicht ausverkaufte Dortmunder Konzerthaus. Dieses schonungslose Rauskehren des eigenen Seelenabfalls von Soap&Skin kann eben beängstigend wirken.

Auch wenn der Gemütszustand Soap & Skins sich in den letzten Jahren verbessert zu haben scheint – die pure Zerbrechlichkeit früherer Auftritte ist einem routinierteren Umgang mit dem Publikum gewichen – steckt sie steif in ihrem rituellen Ablauf fest. Während des von umherflackernden Lichtkegeln begleiteten, elektronischen Openers »Deathmental« läuft sie kreuz und quer über die ausladende Konzerthausbühne und nimmt für sich Raum ein, erobert ihn förmlich. Anschließend holt sie in ihrem an ein Mönchsgewand erinnerndem Aufzug ihre Schwester und Backgroundsängerin Evelyn Plaschg auf die Bühne, bevor nach dem »Cradlesong« das versammelte Ensemble nachkommen darf.

Nach diesen beiden Songs ist sowohl der musikalische als auch der atmosphärische Rahmen abgesteckt. Zwischen Düsternis (»Deathmental«) und himmlischer Stimmgewalt (»Cradlesong«) schwanken die formvollendeten Songs von Soap & Skin. Die Setlist bewegt sich dabei ausgeglichen zwischen dem Debüt »Lovetune for Vacuum« und dem Nachfolger »Narrow«. Eingestreut werden diverse Cover und die drei neuen Songs der »Sugarbread«-Single.

Als das sechsköpfige Ensemble schlussendlich Platz genommen hat und der Beginn von »Big Hand Nails Down« durch das Konzerthaus schallt, schreckt man erstmals zusammen. Das ist der erste Song, in dem Anja Plaschg so richtig aus sich herauskommt und ihren Flügel dermaßen malträtiert, dass sich im weiteren Verlauf buchstäblich noch ihr »Lieblingston« löst. Glücklicherweise kann er im Handumdrehen wieder eingesetzt werden.

Bei der anschließenden Industrial-Version von »Fall Foliage« unter rotem Bühnenlicht steigt Soap & Skin als Dämonin aus der Unterwelt hinauf, um dem gefühlskaltem Publikum das Leiden beizubringen. Gleiches gilt für das epische »Vater«, das mit »Ich wart' auf dich, wann kommst du wieder Heim? / Ich wollt' noch nie lieber eine Made sein« eine der berührenden Zeilen der letzten Musikdekade enthält. Mit dieser Offenheit scheinen einige Pop-Abonnement-Besitzer nicht recht umgehen zu können, ein paar von ihnen verlassen hier zögerlich und reichlich verstört den Saal. Für alle anderen ist das einer von zahlreichen Gänsehautmomenten.

Plaschg kann aber auch anders. Wenn sie wie beim gesetzten »The Sun« von hinten hell angestrahlt wird, wirkt sie mit ihrer mitreißenden Stimme eher wie ein gerade auf die Erde herabgestiegener Engel, so klischeehaft das auch klingen mag.

Erschreckend ist hingegen der plötzliche Aufschrei bei »Spiracle«. Der Song ist die Quintessenz von Soap & Skin, der Song, bei dem alles offen daliegt. Hier geht sie auf Kindheitserkundungstour (»As a child, I killed my thoughts«), verkündet extreme Selbstbeobachtungen (»I never loved«), bettelt buchstäblich um Hilfe (»I still beg, please help me«) und wird sich abschließend über ihren Infantilismus bewusst (»I was a child, I was a child / I am a child«). Das hell ins Publikum strahlende Saallicht untermauert den Eindruck dieser Gruppensitzung.

Zum Abschluss gibt es die verstörende, brettharte neue Single »Sugarbread«, begleitet von schmerzendem Stroboskoplicht, bevor Plaschg unter Standing Ovations zu zwei Zugaben genötigt wird. Sie spielt eine Version von Robert Schumanns »Gesänge der Frühe« und ein intimes Cover von The Velvet Undergrounds »Pale Blue Eyes«. Auch das sind intensive Erfahrungen zwischen Himmel und Hölle, die man bei niemand besser als Soap & Skin lehren kann.