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So wars in Köln: Schweiß, Exzentrik und Sex-Appeal

Friendly Fires live

Am 20.09. waren die Friendly Fires zu Gast im Kölner Luxor und gaben dort ihr Live-Programm zum Besten. So war's:
Geschrieben am

Während sich Fans in anderen Städten mit großräumigen Venues zufrieden geben müssen, ist der Rheinländer mal wieder klar im Vorteil: Im gemütlichen, nicht mal ausverkauften Luxor geben sich Friendly Fires die Ehre, die sich in ihrer Heimat England längst vom neuen hot shit zur etablierten Genregröße gemausert haben.
In den Kölner Publikumsreihen dominiert derweil die Halbstarken-Fraktion. Die Ü20-Jährigen haben entweder den im Gebäude 9 spielenden We Were Promised Jetpacks den Vorzug gegeben oder ahnen schlicht nicht, was sie an diesem Abend verpassen werden. Die ersten Reihen sind binnen Minuten voll, ein junger Hüne verteilt prophylaktisch Lollis an die <1,60-Besucher hinter ihm. Etwaiger Nörgeleien hinsichtlich seiner Größe und der damit verbundenen Sichteinschränkungen hat er damit vorgebeugt. Denkt er zumindest.

Den Anfang machen I Heart Sharks. Die bandeigene Facebookseite verrät über die genaue Herkunft des Berliner Trios nur so viel: »one english boy, one german boy, one lost boy«. Der lost boy verweilt derzeit offensichtlich in Neverland, jedenfalls sitzt an den Drums diesmal eine Dame. Als Hauptstädtler hat man das deutsch-britische Indie-Kollektiv in den vergangen Jahren schon in jeder erdenklichen Kaschemme, auf unzähligen Open-Air-Raves, sowie beim morgendlichen Brötchenkauf gesehen und die Hai-Sympathisanten ins Herz geschlossen. Aber auch dem Kölner Publikum ist das Trio nicht unbekannt, das Luxor ist für Supportband-Verhältnisse erstaunlich gut gefüllt. I Heart Sharks eröffnen ihr Set mit dem Opener ihres kommenden Debüt-Albums, die Neonröhren leuchten im Takt. Mit dem Berghain, wo sich die drei Gerüchten zufolge kennenlernten, hat das hier weniger zu tun, vielmehr mit astreinem Elektro-Pop. Sänger Pierre erhöht den Sexyness-Faktor des Auftritts mit südenglischem Akzent, bedient ekstatisch die Synthesizer und fordert die Menge im Song »Aerobics« auf: »Let your body go tonight»«. Ganz so bereit sich vollends gehen zu lassen, ist das Publikum noch nicht, spätestens bei »Summer« allerdings muss niemand mehr pretenden, es herrschten tropische Temperaturen.

Die kommende Zuschauer-Interaktion bei der zweiten Single-Auskopplung »Neuzeit« funktioniert trotzdem nur bedingt, die Kölner sollen den Refrain »Und das ist die neue Geschichte« mitsingen, geben sich aber gewohnt beschämt-verhalten. Vielleicht fragt sich der ein oder andere einfach, was an den vorgetragenen Indietronics à la Foals und Delphic eigentlich genau so neu und innovativ sein soll.
Viel Zeit zum Überlegen bleibt nicht, Friendly Fires übernehmen das Feld und betreten im Stroboskop-Gewitter die Bühne des Luxor. Und wer jetzt dachte, er kriege Synthie-Pop von ansgestrengt-lethargischen 08/15-Twentysomethings serviert, der irrt gewaltig. Zu den Takten von »Lovesick« betritt Ed Macfarlane die Bühne - und jeder Anwesende weiß sofort, warum das Eintrittsgeld eine lohnende Investition war. Gekleidet in ein unfassbar geschmackloses, grellbuntes Hawaii-Hemd, das den Blick auf eine beachtliche Brustbehaarung freigibt, beginnt Ed zu tanzen. Und wie er tanzt! Wer die Bewegungen von Elvis Presley exzessiv fand, der sollte den Frontmann von Friendly Fires gesehen haben. Bevor man sich aber ausmalen kann, was  konservative Sittenwächter in den 50ern wohl von diesem Hüftschwung gehalten hätten, ist man erneut viel zu gefesselt von diesen unkontrollierten und doch auf ihre Art perfekt choreografierten Bewegungsspasmen - In der folgenden Stunde bin wohl nicht nur ich hin- und hergerissen zwischen Irritation und uneingeschränkter Bewunderung.

Während Ed über verflossene Liebschaften singt, legt das Publikum seine Scheu ab - Ein bisschen tanzen kann schließlich so falsch nicht sein, wenn schon jede bizarr-geniale Regung des Sängers mit Jubel honoriert wird. Es folgt vom selbstbetitelten Debüt der Song »Jump In The Pool«. Die Band sieht inzwischen tatsächlich so aus als sei sie in einen solchen gesprungen. Es tropft, nein regnet auf's Equipment, dass man fast Angst um die Technik hat. Kurzzeitiger Ekel macht sich breit. Ed wiederum kennt solche zimperlichen Befangenheiten nicht und hat trotz klitschnassem Hemd keine Berührungsängste. Statt in den Pool springt er in die verschwitzte Menge. Da bleibt der Beau auch über weite Strecken des Konzerts und muss beim größtenteils wohlerzogenen bis reservierten  Kölner Publikum nichtmal Angst haben, dass ihm die Kleider vom Leib gerissen werden. Zu Hits wie »Live Those Days Tonight« des kürzlich erschienen Zweitwerks »Pala« wird genauso euphorisch getanzt und gesungen wie zu den Klassikern vom Erstling. Nach »Paris« ist dann erstmal Schluss, bevor irgendjemand aber eine reelle Chance zum Trocknen hätte, versprüht die Band, passend zu Eds Outfit,  »Hawaiian Air« und einen allerletzten feuchten »Kiss Of Life«.  Transpiration kann so schön sein.