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So war’s in Köln: Rost wegätzen

Calexico & Laura Gibson live

Calexico sind alt geworden. Älter, als sie es möglicherweise je wollten, und es ihnen selbst bewusst ist. Ihre Geschichte ist eine geworden von der Unmöglichkeit, sich der Zuschreibung als ethnoromantische Soundtapetenband zu verweigern.
Geschrieben am
14.09.2012, Köln, E-Werk
 
Manchmal sagt ein Konzertflyer mehr aus als 1000 auf Zeitungspapier gedruckte Worte: Der lokale Veranstalter des Kölner Calexico-Konzertes bewirbt den Auftritt auf dem im ganzen E-Werk herumliegenden Druckwerk neben kommenden Gastspielen von Acts wie Joe Jackson, Saga, Status Quo und New Model Army. Allesamt Bands, die mindestens zehn Jahre vor Calexico starteten und die heute zweifelsohne zur ehrwürdigen Kaste des »alten Eisens« zählen. Aber ist es wirklich so, dass Calexico unter Marketinggesichtspunkten genau hier einzuordnen sind? Sind sie Teil des alten Eisens? Wollen sie gar genau das?
 
Das neue Album »Algiers« sagt ganz klar: Nein. Es beschreibt Calexicos Ambition, sich von der Zuscheibung als ewige TexMex-Band zu lösen. Es beschreibt einen Weg hin zu einem anderen nicht ganz jungen, aber weniger romantisch zugespitzten Genre: Dem des Alternative Country. Die Mariachi-Band ist sowieso schon längst wenigen, deutlich dünner klingenden Bläsern gewichen, die Pedal-Steel-Gitarre hat einen markanteren Platz eingenommen. Calexico wollen offensichtlich nicht mehr die am nördlichsten beheimatete Band Mexikos sein, sie wollen rein in die Musiktradition der Vereinigten Staaten. Und verlieren genau dadurch ihre Prägnanz.
 
Das Konzert im gut gefüllten Kölner E-Werk ist dafür ein Sinnbild. Ziemlich indifferent stehen die im Durchschnitt sicher 40 Jahre alten Besucher im Publikumsbereich herum, wenn Joey Burns und seine sechs Männer die neueren Stücke anstimmen. Höflichkeitsapplaus begleitet die Stücke, die Kölner wollen schließlich niemandem etwas Böses. Aber Burns selbst ist Profi genug, um zu merken, dass der Funke nicht richtig überspringt. Erst als er einen mexikanischen Juchzer ausstößt und die bekannten Muster von Alben wie »Hot Rail« oder »Feast Of Wire« anstimmt, juchzen die Kölner mit, so als seien nur Mexikaner im E-Werk. Calexico können sich nicht davon befreien, einfach nur eine sehr gute US-Amerikanische Latin Folk-Band zu sein. Ihr Versuch, sich von ethnoromantischen Zuschreibungen zu lösen, war insofern nicht erfolgreich, dass ihre neuen Songs nicht dieselbe Prägnanz und Kantigkeit besitzen wie die alten.

Das hat diverse Gründe. Zum einen sind die beiden Trompeten, die Calexico heute noch beinahe alibimäßig mit auf Tournee haben, kein Vergleich zu den Mariachis von vor einigen Jahren. Außerdem waren Burns und Kollegen in ihren alten Songs gerade rhythmisch so versiert und gut, dass sie sie mit Härte und Kantigkeit wunderbar variieren und mit Gefühl füllen konnten. Die neuen Songs klingen live dagegen teilweise lahm und unsicher. Das führte auch dazu, dass Calexico bei ihren zahlreichen Fans mittlerweile auf eine Art gebrandmarkt sind, der man sich nicht mehr entziehen kann. Mögen Burns und sein Partner John Convertino in anderen Formationen noch so sehr abweichende Qualitäten ausspielen – Calexico sind mindestens für ihre Fans das klangliche Spiegelbild dessen, was an den Südgrenzen von New Mexico und Arizona unzählige Westernerzählungen romantisch verklärten.
 
Dementsprechend haben Calexico zwei Möglichkeiten: Sie können sich entweder in ihr Schicksal fügen und den alten Stil endlos auswalzen, oder sie suchen nach neuen Wegen, auch auf die Gefahr hin, alte Fans zu vergrätzen. Das Konzert im E-Werk stellte einen mutlosen Mittelweg dar, mit dem sich die Band alsbald zwischen die Bands auf dem Flyer, die allesamt im Schatten früher Relevanz agieren, einordnen dürfte.
 
An einem anderen Punkt in ihrer Karriere steht dagegen Laura Gibson, die an diesem Abend das Vorprogramm bestritt. Ihr Auftritt zeigt, dass eine einigermaßen ambitionierte Vorband heute auf Tour mit noch so gewogenen Stars nicht mehr glücklich wird. Während die Songs ihres dieses Jahr erschienenen dritten Albums »La Grande« vor allem durch ihre komplexe und sinnliche Instrumentierung begeistern, fallen sie live und vor großem Publikum, aus Kostengründen heruntergerechnet auf eine Quartettbesetzung, meistens der Beliebigkeit anheim. Das dürfte sich aber auf der anstehenden Headliner-Tournee durch kleinere Venues ändern.