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So war’s in Köln: kakokophone Sonntagsmesse

Liars live

Das New Yorker Artrock-Trio Liars spielt im Kölner Underground eines der vielleicht besten Konzerte des Jahres.
Geschrieben am
05.11.2012, Underground, Köln

»Jetzt ist mir schlecht«, hört man es aus den Reihen des Publikums raunen, als Bobby Krlic alias The Haxan Cloak sein etwa einstündiges Live-Set unter erbarmungslos  zuckendem Stroboskop-Licht beendet. Tatsächlich überschritt das, was der britische Noise/Drone-Solist hier zur Eröffnung des Sonntagabends darbot, immer wieder die Schmerzensgrenze der Zuschauer. Über weite Strecken nur in das fahle Licht einer Leinwand gehüllt, die bedrohliche Schwarzweiß-Szenen aus surrealen Filmklassikern wie Andrei Tarkowskis »Stalker« zeigte, schickte der 25-jährige Londoner atonale Violinen-Loops, industriellen Lärm und infernalisches Rauschen in die Konzerträumlichkeiten des Ehrenfelder Undergrounds. Die virtuose Gratwanderung zwischen der Radikalität ausgemachter Industrial-Noise-Veteranen wie Wolf Eyes und der beunruhigenden Atmosphäre eines Goblin-Soundtracks ließ bereits das Vorprogramm zur körperlichen Grenzerfahrung werden. Und obwohl das jüngste Album der Liars weitgehend auf derartige Extreme verzichtet, ist der gemeinsame Nenner beider Acts doch offensichtlich: Die ungetrübte Experimentierfreude.

Wer aber wie die Liars nach jedem Album den Reset-Knopf drückt und sich einer völligen Neuausrichtung unterwirft, dürfte es in der Live-Situation mit dem Rückgriff auf altbewährte Titel nicht unbedingt einfach haben. Einzig: Die Band schert sich einen Teufel um Kohärenz und wirft die brachialen Punk-Gewitter ihres 2010 erschienenen Albums »Sisterworld« ohne Rücksicht mit den kryptisch-atmosphärischen Synthesizer-Eskapaden ihres jüngsten Werkes »WIXIW« durcheinander. Doch der enorme Unterhaltungswert der Show ergibt sich weniger aus der abwechslungsreichen Titelwahl, sondern viel mehr aus dem  beängstigenden Gestus von Fronthüne Angus Andrew, der in seinem eng geschnittenen Anzug wie ein verkleideter Psychopath anmutet.
Den Höhepunkt des Abends weiß die Band geschickt als verstörenden Schlussakzent zu setzen. Mit »Broken Witch« gibt das Trio noch einen ihrer fantastischsten Songs zum Besten, das dazugehörige Album »They Were Wrong, So We Drowned« ist für viele noch immer das Opus Magnum der Band. Das gebrochene Schlagzeug-Muster, die kaputt-leiernde Elektronik und der Mantra-artig vorgetragene Wahnsinn schwelen hier zu einer akustischen schwarzen Messe an,  deren Priester nicht länger bei Sinnen scheint: »I no longer want to be a man - I want to be a horse«.