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So war’s in Köln: Hardcore in weich

Bitch Magnet live

Klassentreffen des Hardcore-Jahrgangs 69/70: Bitch Magnet spielen ihr einziges Deutschland-Konzert in Köln. Legendär war diese Band nie, dafür aber ein treffendes Beispiel für eine Zeit, in der Hardcore vieles zu leisten imstande und überdies sehr sympathisch war. Findet Christian Steinbrink.
Geschrieben am
7.12.11, Köln, MTC

Hardcore verzeiht nichts. Ob nun das Zusammenstellen von Boxsets (»Qua Form transportiert es den leicht selbstgefälligen Gestus einer Relevanz, die über das Jetzt hinausweisen soll.«), das Verfügbarmachen von Livemitschnitten wie unlängst im Fall von Fugazi oder sowieso Reunions – alles verbrämt das Unmittelbare und Aufrechte der kritischen Geister dieser Szene. Das ist ja auch gar nicht schlecht, schließlich hält ständige Auseinandersetzung wach im Kopf, und gedacht wird in der heutigen Popmusik sicher auch nicht zuviel. Aber etwas – nur ein wenig – muckelige Nostalgie muss doch auch denen erlaubt sein, die zeitlebens gegen das Schweinesystem gekämpft haben.

Wer Bitch Magnet sieht und ihnen trotzdem ob ihrer Live-Reunion böse ist, kann sowieso kein gnädiger Mensch sein. Sie, diese damals wie heute schwindsüchtig und wie weich gezeichnet aussehenden Typen, haben niemals Mackertum ausgestrahlt, andere Bands von der Bühne gestoßen oder Frauen erniedrigt. Im Gegenteil: Jon Fine scheint etwas enttäuscht darüber, dass es wieder nur der schwarze Block an Typen zu dem Konzert seiner Band geschafft hat, der auch vor 20 Jahren schon da war. Aber – immerhin die. Für Nachgeborene ist das Bild, das sich im mit ca. 100 Menschen gefüllten Publikumsbereich des MTC eröffnet, eine positive Voraussehung auf die eigene Zukunft. Zweifellos angenehme Typen mit einem leisen Enthusiasmus für Rock, die sicher nicht mehr oft auf Konzerte gehen, aber damals den Kern dessen darstellten, was Hardcore ausmachte. Als er noch keine Muskelschau war, sondern politisch streitbar, künstlerisch ambitioniert und mit Platz für Zweifel.

Den Sound, den Bitch Magnet an diesem Abend anstimmen und der erfreulicherweise ziemlich gut klingend aus den Boxen kommt, war damals exemplarisch, ist aber heute weitgehend verschwunden. Schroffe Gitarreneffekte ballen sich zu einem dumpfen Grollen zusammen, durch die sich manchmal eine Melodie den Weg bahnt. Das klingt nie bedrohlich, wohl aber intensiv. Und vor allem: es funktioniert auch noch heute. Bitch Magnet war nie die Band mit den ganz großen Songs, Sooyoung Parks Nachfolgeband Seam zum Beispiel war zumindest musikalisch deutlich besser. Bitch Magnet können aber etwas, das damals vielleicht nichts Besonderes war, das man aber auf heutigen Bühnen beinahe vermisst: einen harten, erdigen und jugendlichen und trotzdem völlig unglamourösen Sound mit sinnlichen Untiefen.

Leider hört man Sooyoung Parks Stimme fast über die gesamte Länge des gut einstündigen Konzertes nur leise. Schade, schließlich war sie das entscheidende, hell kontrastierende Element in Bitch Magnets Sound. Aber alle Anwesenden haben die meisten Songs des Sets sowieso noch dunkel im Kopf und imaginieren die zu stillen Teile. Das Konzert wird sowieso vor allem durch die enthusiastische, aber nie aufdringliche Performance gewonnen. Und durch die Gewissheit, sich damals nicht in einer Band getäuscht zu haben, die auch heute noch auf der richtigen Seite und für die richtigen Dinge steht.