×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

So war’s in Hannover: Tapetenwechsel

Bootboohook Festival 2012

Neue Location, alte Liebe. An drei Tagen zelebrierte die Szene um das feine Hamburger Indie-Label Tapete im Kronsbergpark entspannten Musikgenuss mit nationalen Popgrößen und einige internationale Hochkaräter. Die Gummistiefel durften glücklicherweise zu Hause gelassen werden.
Geschrieben am
24.-26.08.2012, Hannover, Kronsbergpark

Mit Umzügen ist das ja immer so eine Sache. Irgendwie hängt man ja doch an der lieb gewonnenen Heimat, vermag letzte Zweifel nicht ganz beiseite zu schieben: War das jetzt der richtige Schritt? Werd ich mich in der neuen Umgebung genauso heimisch fühlen können wie früher? Im Falle des Bootboohook muss die Antwort  schlicht und ergreifend lauten: Ja! Nach vier erfolgreichen Jahren auf dem Gelände des Kulturzentrums Faust verlagerte sich das Geschehen in diesem Jahr erstmals in den Kronsbergpark. Macht Sinn, denn welcher Rahmen scheint wohl geeigneter als das ehemalige Expo-Gelände mit seiner ausgezeichneten Infrastruktur, um einem musikbegeisterten Publikum vom Jutebeutel-Hipster bis zum gestandenen Familienvater ein solch stilsicheres Line-up zu präsentieren?  Angenehmer Nebeneffekt: Keine lärmempfindlichen Nachbarn in Hörweite, sodass sich der Timetable ohne weiteres bis nach Mitternacht ausdehnen lässt. 4000 zufriedene Besucher gingen den neu eingeschlagenen Weg jedenfalls gerne mit.

Es gibt ja auch wirklich keinen Grund, in Nostalgie zu schwelgen. Das letzte bisschen Wehmut blasen am ersten Tag schon die Japandroids (Foto) aus dem Gehörgang. Die kanadische Zwei- Mann-Armee macht dem Titel ihres unlängst erschienenen Albums »Celebration Rock« alle Ehre und ebnet das Feld für die großartigen Of Montreal. Auch die sind alles andere als Leisetreter und verstehen sich gut darin, schillernde Popmomente mit  tiefer Tragik zu konterkarieren. Danach lassen die NDW-Dadaisten Palais Schaumburg in Originalbesetzung die Zeit bis zum Mainact des ersten Tages, Tocotronic, wie im Flug vergehen. Die Hamburger können dann im Anschluss auch die Aufmerksamkeit des gesamten Festivals für sich reklamieren und belassen es bei einem Best Of-Set bis in die Frühwerke hinein, ohne die von vielen erhofften neuen Songs.

Am Samstag haben die Besucher dann die Qual der Wahl, oder eben auch nicht, denn den gemeinen Clash der Bandansetzungen sucht man beim Bootboohook vergebens. Nur minimale Überschneidungen erlauben gemütliches Pendeln zwischen den Stages. Da lässt Jens Friebe »fremde Koffer auf dem Band in Charles De Gaulle« vorbeiziehen, während Frames kurz darauf sperrige Postrock-Konstrukte  auf die »Faust-Stage« bringen. Danach mal eben bei der grauen Eminenz des Deutschpunk vorbei: Fehlfarben spielen. Nach dem Set mit einem klaren Fokus auf das aktuelle Album »Xenophonie« lässt Peter Hein das Set mit »Neues Leben« von ihrem 2010er-Album »Glücksmaschinen« ausklingen.

Andernorts stehen die Zeichen dagegen auf Abschied: Die »Top Old Boys« von Superpunk spielen hier tatsächlich ihr allerletztes Konzert. Kein triefender Pathos, dafür ehrliche Emotionen, und nicht nur beim Publikum. Als hinter dem nahegelegenen Möbelkaufhaus die Sonne untergeht, kann sich Frontmann Carsten Friedrichs einer Träne nicht erwehren. Nach einem Set mit beinahe allen Hits ihrer Karriere und mehreren euphorisch vom Publikum eingeforderten Zugaben sind Superpunk Geschichte. Danke für 16 Jahre mit mehr als nur einem kleinen bisschen Seele!
 
Die Samstagnacht fällt mit We Have Band und WhoMadeWho zunächst sehr tanzbar aus, bevor das Publikum dem Whitest Boy Alive zu Füßen fallen darf. Der großartig aufgelegte Erlend Oye schaukelt die begeisterte Menge in Ekstase und lässt den zweiten Tag weit nach Mitternacht  gemeinsam mit seinen Fans Stakkatorhythmen hüpfend ausklingen.

Sonntags ist beim Bootboohook Familientag. Das heißt, dass jeder, der über ein Festival- oder Tagesticket verfügt, zwei Kinder bis 14 Jahre mit aufs Gelände bringen darf. Logische Konsequenz: Der Charme der Veranstaltung gerät noch familiärer als sowieso schon. Da stört es auch kaum noch, dass das bis dahin untadelige Wetter sich eine Auszeit gönnt, dummerweise just zu dem Zeitpunkt, als Labelchef Dirk Darmstaedter mit seiner Band Me And Cassity gerade lakonisch schöne Songperlen in klassischem Americana-Gewand intoniert. Parole durchhalten, denn kurz darauf klart es schon wieder auf und Ja, Panik beweisen eindrucksvoll, dass Diskurspop vor allem durch sie frisch gehalten wird.

Den Abend füllt Ex- Nationalgalerist Niels Frevert mit herrlich zurückgenommenen Songstrukturen ohne große Gesten, bevor die in Berlin lebende Südafrikanerin Cherilyn MacNeil alias Dear Reader wundervollen Folk-Pop mit kompletter Bandunterstützung  angenehm dringlich arrangiert. Großer Andrang herrscht danach zum Abschluss noch bei den Senkrechtstartern Boy. Der vielleicht nicht ganz so schwer verdauliche „Little Numbers“-Folkpop der Damen Steiner und Glass lässt das Bootboohook 2012 ganz entspannt ausklingen. Fazit: Umzug gelungen.