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So war’s in Grossefehn: Ostfriesenstyle

Omas Teich 2012

Es ist durchaus ratsam, als Rockfestival einen eigenen Stil zu pflegen. Es erfordert aber auch Mut. Das Omas Teich ist mit seiner ganz eigenen, gemütlich-bodenständigen und wetterfesten Definition von »Stlye« äußerst erfolgreich. Auch 2012 änderte sich daran nichts.
Geschrieben am
26.-28.07.12, Grossefehn/Ostfriesland

Was Ostfriesland ja schon immer seinen gewissen Charme verliehen hat: die vollkommene Abwesenheit von jeglicher Art von Glamour. Die Kinder werden nicht schick nach Städten oder Monaten benannt, sondern erhalten möglichst abstruse Namen, die auf -ke enden. Der berühmteste Sohn der Region ist Otto Waalkes und auch bei Omas Teich sieht's sympathischerweise kaum anders aus:Gegenüber vom Campingplatz stieren die Kühe auf die Besucher, die neue »Back to the roots«-Bühne wird (ihrem Namen zu Ehre) auf einen LKW verlegt und der Style im allgemeinen...naja, der wird nicht einmal richtig geschrieben: Ein wunderschönes »Eastfrisian Festival Stlye« prangt auf der Bühne, belächelt von all jenen mit Lektorenaugen.
 
Aber ob Style oder »Stlye«, den bringen in diesem Jahr die großen Namen des Line-ups aus dem Vereinigten Königreich mit nach Großefehn. Was am Freitag die Kaiser Chiefs sind, sind am Samstag Maxïmo Park: Zwei der wenigen Bands, die den großen britischen New Wave-Ansturm des letzten Jahrzehnts dank des einen oder anderen Evergreens überdauert haben – und eben tadellos angezogen sind. Wo jedoch der Auftritt der Kaiser Chiefs lediglich zu einer großen Feier der Ballermannhymne »Ruby« verkommt, abseits dessen sich das Publikum – sehr zur Frustration von Sänger Ricky Wilson – eher milde desinteressiert zeigt, können Paul Smith und Konsorten ihre Festivalcrowd nun schon mit immerhin vier gelungenen Alben bedienen, die weder Staub angesetzt haben noch nach »Bravo Hits« stinken. Klarer Gewinner also im 2005-Revival-Duell: Maximo Park.


 
Wem allerdings bei der ganzen Oma-Nostalgie der Sinn eher nach Heimaterzeugnissen steht, der freut sich sowieso mehr über den gewohnt guten Riecher von Omas Teich: Frau Potz schaffen es mit 30 Minuten Gift und Galle schon als zweite Band des Festivals, die ersten Zugaberufe zu ernten, die knapp darauf folgenden Pascow wiederum scheinen im Alleingang den intelligenten deutschen Punk retten zu wollen. Bereits am anderen Ende des Karrierepfads: Smoke Blow auf Abschiedstour, die von Auftritt zu Auftritt zudem den goldenen Mittelfinger für die asozialsten Ansagen verteidigen - klar, dass da auch mal über den Geilheitsgrad von Sidos »neuer Alten« diskutiert oder sich über Cro lustig gemacht werden darf.
 
Und apropos Cro: Der ist – die Chartplatzierung ließ es vermuten – dann doch selbst am frühen Nachmittag der Publikumsmagnet der Stunde. Dass der Panda der Nation ständig fragt, wer jetzt hier bitte den nächsten Text kenne, mag das zwar noch von Ungläubigkeit bezüglich des eigenen Erfolgs oder simpler Auftrittsfreude zeugen. Wenn jedoch Musikdeutschlands neuester Darling nicht über Playback hinauskommt, sollte man sich vielleicht doch fragen, ob das Jahr 2011 mit dessen Hype Casper nicht deutlich besser bedient war. Deutlich überzeugender an der Chartfront: Die Donots, die ihre Konzerte konsequenterweise auch dann noch mit »We're not gonna take it« beenden, wenn der Großteil der Fans der Ibbenbürener wahrscheinlich mittlerweile die Enkel von Twisted Sister sein könnten.
 
Im Endeffekt sind es dann aber doch viele der sogenannten »kleinen« Acts, die am meisten überzeugen: Denn wenn Kellermensch selbst bei brüllendem Sonnenschein kunstvolle Dunkelheit verbreiten oder Against Me! Die neue Geschlechtsidentität der (jetzt) Frontfrau zur Nebensache werden lassen, sieht man wieder einmal, dass Qualität in Ostfriesland weder mit purer Größe noch mit Schick etwas zu tun hat. Bei aller Popularität, die das Festival mittlerweile erreicht hat, besitzt Omas Teich mit seiner unprätentiösen Art einfach Style. Oder eben....Stlye.

In der Playlist findet ihr Impressionen vom Omas Teich, die uns die Kollegen von ZDFkultur freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben: The Wombats, Veto und Anti-Flag live.